Berlin
Die übelsten TV-Shows, um berühmt zu werden
Berühmt sein und nie mehr arbeiten müssen: Das ist die Hoffnung vieler Kandidaten, die sich ins Reality-Fernsehen wagen. Welche Formate sind die schlimmsten? Ein Check.
Mit „Big Brother“ startete zu Beginn des Jahrtausends der Boom des Reality-Fernsehens. Ganz normale Leute können seitdem ins Fernsehen gehen und, so die Hoffnung, mit ein bisschen Glück so berühmt werden, dass sie von den Gagen leben können. Oder von den Werbeeinnahmen ihres Instagram-Auftritts.
Welches sind die schlimmsten Formate, mit denen man es versuchen kann? Wie hoch ist ihr Preis und wie sind die Chancen? Wir haben drei auch in Deutschland populäre TV-Formate daraufhin untersucht – und stellen drei US-amerikanische vor, die noch viel schlimmer sind.
Die Show-Idee: Das Kuppelformat konfrontiert einen Single mit sechs Kandidaten, die nackt in einer Milchglas-Box stehen. Nach und nach fahren die Wände hoch und geben den Blick auf Beine, Hintern, Intimbereich, Brust und zuletzt das Gesicht frei. Mit jeder Runde wählt der Single Kandidaten ab, bis nur noch zwei übrigbleiben. Nun zieht sich auch der Single aus und wählt nackt einen Sieger, mit dem er dann – nun wieder bekleidet – auf ein Date gehen darf.
Der Preis des Ruhms: Man sollte meinen, dass ein Nacktauftritt bei RTL II vor allem wegen der Entblößung peinlich ist. Tatsächlich ist die Tonspur viel schlimmer. Moderiert wird das Format von Milka Loff Fernandes, die den Auswahlprozess mit Fachurteilen über behaarte und unbehaarte „Apfelpos“ und das „süße“ Zittern eines Kandidaten-Penis begleitet – Formulierungen, mit denen einen noch die Enkelkinder veralbern werden.
Karrierefaktor: Ein haariger Apfelpo hat nur in der Logik der Show bestimmt einen gewissen Gesprächswert. Damit man für andere Formate gebucht wird, müssen die Zuschauer sich das Gesicht einprägen. Und das zeigt man bei „Naked Attraction“ nur am Schluss. Dafür können sich Pornostars wie Hanna Secret in einem neuen Kontext ausprobieren. Auch die Boulevard-Nudel Ennesto Monté hat die Show genutzt – um über seine Penisverlängerung zu informieren.
Die Show-Idee: Zwei Singles treffen sich zum Blind Date auf dem Standesamt – wo sie eine rechtsgültige Ehe ein gehen. An deren Gelingen arbeitet im Vorfeld ein Team aus Sexual- und Paartherapeuten. Die Kandidaten füllen Fragebögen aus, erklären ihr Familienbild und riechen an der getragenen Wäsche möglicher Traumpartner – wegen der Pheromone. Sat.1 begleitet den Labor-Flirt von der Auswahl bis in die Flitterwochen – und fragt am Ende: Wollt ihr zusammenbleiben?
Der Preis des Ruhms: Tatsächlich wollen sehr viele Paare lieber die Scheidung – kriegen sie aber erst nach dem gesetzlich vorgeschriebenen Trennungsjahr. Mit den Anwaltskosten verbrauchen sie dann einen Großteil ihrer Aufwandspauschale. Das zumindest haben mehrere Kandidaten im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt – und die Erfahrung als belastend beschrieben.
Karrierefaktor: Erstaunlicherweise bringt das Hochzeitsformat keine Reality-Stars hervor. Zwar hat sich ein Kandidat mal als Ballermann-Sänger versucht. Den meisten scheint es aber um das versprochene Liebesglück zu gehen – oder um den kleinen Ruhm daheim: Fast jeder betont hier nämlich, der verrückteste Paradiesvogel zu sein. Mit dem Sat.1-Auftritt liefern sie den Beweis.
Die Show-Idee: Ein Traummann oder eine Traumfrau wird mit knapp zwei Dutzend Singles an einen exotischen Ort verfrachtet. Hier führen sie profunde Gespräche auf dem Niveau eines „Bravo“-Psychotests. Und sie absolvieren Mutproben wie Fallschirmsprünge und Treffen mit den zukünftigen Schwiegereltern. Beim Kennenlernen hilft auch der Schnaps von Sponsoren, die jede Staffel mit ihren Produktplatzierungen unterstützen. Im Wochenrhythmus werden Kandidaten nach Hause geschickt, bis im Finale, hoffentlich, ein Liebespaar in die Kamera lächelt.
Preis des Ruhms: „Bachelor“-Stars brauchen einen starken Magen. Und das nicht nur wegen der riesigen Batida-de-Coco-Gläser. Um über Wochen romantische Gefühle zu heucheln, muss man auch eine gehörige Portion Selbstekel überwinden.
Karrierefaktor: Mag die Chance auf das Liebesglück beim „Bachelor“ auch winzig sein; das Herz von TV-Produzenten erobert man nirgendwo besser als hier. Sechs Frauen und drei Männer haben es aus der Kuppelshow ins Dschungelcamp geschafft. „Promi Big Brother“ rekrutiert regelmäßig im Rosenformat. Und so schlaff die Flirts auch sind – auf die Instagram-Accounts der Möchtegern-Influencer wirken sie wie reinstes Viagra.
International hat die Reality-Welle noch grausamere Formate hervorgebracht als die Kuppelshows. Zum Beispiel diese:
Das US-Casting „Scream Queens“ (2008/2010) war eine Art GNTM des Grauens. Anders als bei Heidi Klum wurden die zehn Kandidatinnen hier nicht nur verbal zerlegt – sondern richtig. Spielziel war eine Horrorfilmrolle. Zu den Übungen gehörte der überzeugende Aufenthalt im Leichenschauhaus und die Darstellung eines körperlosen Kopfes. Für den Sieg in Staffel 1 bekam Tanedra Howard eine Rolle in „Saw VI“ (2009); für „Saw 3D“ (2010) wurde sie sogar noch einmal gebucht. Seitdem spielt sie hin und wieder Episodenrollen im Fernsehen. Größter Erfolg: Bei den Scream Awards wurde sie in der Kategorie „Beste Verstümmelung“ nominiert.
Der US-Sender Fox machte 2005 eine Familienzusammenführung zur Game-Show: Im Zentrum von „Who’s Your Daddy?“ stand T. J. Myers, die als Kind zur Adoption freigegeben worden war. In der Show traf sie nun auf acht Männer, die sich alle als ihr leiblicher Vater ausgaben. Für den Fall, dass sie den richtigen erriete, waren 100.000 Dollar ausgelobt. Hätte sie falsch getippt, wäre das Geld an den Fake-Vater gegangen. Der Reality-Chef von Fox lobte die Idee damals als emotionalste Show aller Zeiten. Denn: Wer seinen wahren Vater aussortiere, fühle sich schrecklich. Stimmt. Und genau deshalb fanden so viele Leute die Show dann auch so unmoralisch. Nach der Pilotfolge und einer heftigen Debatte stellte der Sender „Who’s Your Daddy“ ein. Immerhin: Myers soll ihren Vater erkannt haben.
Im Märchen vom hässlichen Entlein wird ein graues Küken zum strahlend schönen Schwan – und zwar, indem es einfach erwachsen wird. Die Fox-Show „The Swan“ dagegen erklärte ihre Kandidatinnen zu so abgrundtief hässlichen Menschen, dass nur noch der Arzt hilft. Beziehungsweise ein ganzes Ärzteteam: Über drei Monate wurden Frauen mit schwachem Selbstwertgefühl von plastischen Chirurgen in das verwandelt, was damals als schön galt. Bis heute gilt die Show als der übergriffigste Versuch der Unterhaltungsindustrie, den Menschen ihre Mainstream-Ideale sprichwörtlich in den Leib zu schnitzen. Die Sachbuchautorin Jennifer Pozner erklärte das Format zum „sadistischsten Show des Jahrzehnts“; das Fachblatt „Entertainment Weekly“ listete es als übelste TV-Show aller Zeiten.