München
Forscher zum Energie-Embargo: So teuer wäre es pro Kopf
Embargos russischer Energieimporte hätten Folgen für die deutsche Volkswirtschaft - und damit auch für den Einzelnen. Das renommierte ifo-Institut hat zwei Szenarien durchgerechnet.
Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine halten sich Forderungen nach Embargos gegen russische Energieimporte. Dabei wird die Ansicht vertreten, Deutschland und die EU bezahlten Russlands Angriffskrieg indirekt über ihre Öl-, Kohle-, und Gaszahlungen. Die Bundesregierung hat von der Idee eines abrupten Importstopps Abstand genommen, möchte die Abhängigkeit aber so schnell wie möglich reduzieren.
Was würde ein Importstopp für die Deutsche Wirtschaft und für den Einzelnen bedeuten? Das ifo-Institut für Wirtschaftsforschung aus München hat dazu Modellierungen veröffentlicht.
In dem Artikel von Anfang April werden die „wirtschaftlichen Auswirkungen eines möglichen Stopps russischer Energieimporte auf die deutsche Wirtschaft diskutiert.“ Die Forscher kommen in ihrer Analyse zu dem Ergebnis, dass die Folgen eines Stopps „wahrscheinlich substanziell, aber handhabbar“ sein werden. Demnach würde ein Stopp der russischen Energieimporte das Bruttoinlandprodukt (BIP) um einen Wert zwischen 0,5 und drei Prozent senken. Zur Einordnung dieser möglichen Folgen zieht das Institut die Folgen der Corona-Pandemie heran: 2020 lag der Rückgang des BIP bei 4,5 Prozent.
Die nachfolgende Statista-Grafik fasst die Ergebnisse zweier vereinfachten Modellrechnungen des ifo-Instituts zusammen: Sie zeigt die geschätzten jährlichen Auswirkungen einer Verringerung von Energieimporten auf das BIP in Deutschland. Außerdem können die umgerechneten Pro-Kopf-Kosten abgelesen werden.
Demnach rechnet das Institut bei einem um zehn Prozent geringeren Öl-, Gas- und Kohleverbrauch mit einem Rückgang des BIP von 1,3 Prozent pro Jahr. Für den Einzelnen entspräche dies einer Belastung von 500 bis 700 Euro. Einen noch extremeren Embargo-Fall skizzieren die Forscher so: Verringerte sich der deutsche Gasverbrauch um 30 Prozent, bedeutete das einen Rückgang des BIP um 2,2 Prozent pro Jahr. Pro Kopf bedeutete das den Forschern laut den Ökonomen ein Minus von 800 bis 1000 Euro.
Ein Embargo hätte den Forschern zufolge außerdem „Energiepreisschocks“ zur Folge. Das würde demnach die Zentralbank auf den Plan rufen: Sie würde versuchen, die Inflation durch ein Anheben der Zinssätze zu stabilisieren. Außerdem würde das Versorgungsproblem mit Energie nach Ansicht der Ökonomen dadurch entschärft werden, dass die Wirtschaftsproduktivität ohnehin etwas gedämpft wäre.
Laut dem Institut würden die wirtschaftlichen Folgen eines Embargos besonders davon abhängen, inwieweit sich die Teile der Wirtschaft, die sehr auf die fossilen Energieträger angewiesen sind, anpassen können. Außerdem hinge viel davon ab, wie ersetzbar die Energieimporte aus Russland sind, wie leicht sie also durch andere Verträge ersetzt werden können. Im Falle russischen Öls soll das laut Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) mittlerweile zu großen Teilen passiert sein: Seinen Angaben zufolge verringerte man den Anteil russischen Öls an den Gesamtimporten von anfänglich 35 auf nun 12 Prozent.