Bremen
So rettet der Vater der Kiebitze im Bremer Blockland kleine Wildvögel
Wie schützt man seltene Brutvögel dort, wo Bauern mit Güllefässern unterwegs sind? Ein Besuch im Bremer Blockland bei Arno Schoppenhorst, der schon vielen Wildvögeln den sicheren Start ins Leben ermöglicht hat.
Landwirtschaft auf der einen Seite, Naturschutz auf der anderen. Sie wirken oft wie zwei selbstverständliche Antipoden in unserer Zeit der großen Gegensätzlichkeiten. So als passe zwischen sie nur ein trennendes Oder, aber keinesfalls ein verbindendes Und. Geht das nicht auch anders in Zeiten von Klimawandel und Artensterben? Lösungen sind dringender gefragt denn je. Wer Hoffnung schöpfen will, sollte ins Bremer Blockland fahren.
Hier quält Arno Schoppenhorst den Geländewagen über die Wiese - gefährlich nah am Entwässerungsgraben entlang. Wenige Tage ist das Fahrzeug erst alt und sieht doch schon von außen und innen so aus, als hätten Fahrer und Fahrzeug mindestens einmal die Welt umrundet. Naturschutz ist harte und manchmal schmutzige Arbeit. Das wird schnell klar.
Schoppenhorst schaut aufs Handy. In einer App sind die Gelege der Wildvögel verzeichnet. Hier hat jede Vogelart ihre eigene Farbe. Gelb für Kiebitze, rot für Uferschnepfen und so weiter. Die Karte ist voller bunter Punkte. Das Beifahrer-Fenster ist geöffnet. Draußen in der Natur fiept und piept es, quasi der Soundtrack zu der Karte.
An einer Weggabelung stakst eine Uferschnepfe durchs Gras. Die Vogelart mit ihren langen Beinen und dem langen Schnabel steht auf der roten Liste der Brutvögel - vom Aussterben bedroht, heißt das. Hier im Bremer Blockland braucht es nicht einmal ein Fernglas, um dem seltenen Tier ins Auge zu sehen.
Das Männchen, so wirkt es, schimpft laut mit dem heranrumpelnden Geländewagen. “Der kennt mich schon”, sagt Schoppenhorst und es ist in diesem Moment nicht klar, ob er das ernst meint, bis er hinter her schiebt: “Also würde ich fast sagen.” Die Uferschnepfe hebt ab und dreht eine Runde in der Luft. Schoppenhorst fährt weiter.
“Die Uferschnepfen sind die kompliziertesten”, erzählt er, während die Fahrt weiter über die Wiese geht. Es müsse schon alles passen, damit die Brut ein Erfolg und die Küken das Erwachsenenalter erreichen. “Da muss man schon alle Register ziehen.”
Seit 2005 ist Schoppenhorst hier im Blockland in Sachen Vogelschutz im Namen der Umweltschutzorganisation BUND unterwegs, mittlerweile mit grauen Haaren und grauem Stoppelbart. Schoppenhorst, der studierte Landschaftsökologe, der auf einem Bauernhof im Münsterland groß wurde, gehört zum Inventar des Bremer Blocklandes.
“Ich bin hauptberuflicher Eiersucher”, sagt er über sich selbst. Und ein bisschen auch so etwas wie der Schutzpatron der vielen kleinen Küken, die auf den Wiesen schlüpfen. An einem der zahlreichen Gitter, die über die Wiese verteilt sind, kniet er nieder. Ein Kiebitz-Netz. Die Küken sind gerade dabei zu schlüpfen. Eines hat sich schon aus dem Ei gepellt. Schoppenhorst hebt es kurz an, entfernt die Reste der Eierschale und legt es zurück.
“Ich erinnere mich noch gut an meinen Vater”, erzählt Schoppenhorst aus seiner Jugend auf dem Bauernhof. “Fahr’ den Kiebitz da nicht platt”, habe der ihn gemahnt, wenn er bei der Feldarbeit geholfen habe. Sein Vater wäre heute vermutlich sehr stolz auf das, was sein Sohn gemeinsam mit den Landwirten im Blockland erreicht hat.
Binnen weniger Jahre hat sich die Zahl der Wildvogel-Brutpaare auf der gut 3000 Hektar großen Fläche mehr als verdreifacht; von 200 auf mittlerweile gut 600. Brachvögel, Uferschnepfe - von beiden je 70 Paare, aber Bekassine und Rotschenkel sind hier zu Hause. Neuerdings zwei Sumpfohreulen.
Die Rangliste wird angeführt vom Kiebitz. Mehrere Hundert Paare seien es, sagt Schoppenhorst. Andernorts gilt der Bodenbrüter als im Bestand gefährdet. Hier im Blockland scheint er so allgegenwärtig wie Tauben in der Großstadt.
Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigt der Blick auf die Geschichte des Blocklandes. Heute ist es mit mehreren Tausend Hektaren Fläche der größte Ortsteil Bremens, allerdings mit der zweitniedrigsten Bevölkerungszahl. Nur wenige hundert Menschen leben hier. Im Blockland leben heute mehr Kiebitze als Menschen.
Die Vorfahren der Bewohner rangen vor Jahrhunderten das Land der Natur ab. Sie zogen lange Gräben und entwässerten den Boden. Sie bauten Deiche zum Schutz vor Hochwasser. Was heute so selbstverständlich wirkt, ist ein menschengemachtes Idyll, Interessenkonflikte inklusive.
Das Blockland ist Kulturlandschaft. Und die wird bis heute auch landwirtschaftlich genutzt. Bauern bringen Gülle auf die Wiesen aus. Sie ernten teils mehrmals im Jahr das Gras und verfüttern es an ihre Kühe. Die Kühe selbst sind in den warmen Monaten auf den langgezogenen Wiesen unterwegs; von der Flächenform rührt auch der Name Blockland.
Bauer Bernhard Kaemena schlendert über seinen Hof, er kommt gerade aus dem Feld. Seit mehreren Hundert Jahren betreibt seine Familie hier Landwirtschaft. Der Hof liegt auf der Deichwarft, auf der einen Seite der Fluss Wümme, auf der anderen das Blockland. Die Familie prägte und prägt diesen Flecken Erde mit.
Kaemena hält 70 Milchkühe, die Familie betreibt eine Eisdiele und Ferienwohnungen. Der Hof ist beliebtes Ausflugsziel für die Menschen aus der großen, gar nicht so fernen Stadt. Seit Jahren ist er in Sachen Vogelschutz ein Verbündeter von Schoppenhorst.
Draußen auf den Wiesen laufenen gerade “die heißen Wochen”, wie es Schoppenhorst nennt. Zweieinhalb Monate, in denen es für die brütenden Vögel um Leben und Tod, für die Bauern um den wirtschaftlichen Erfolg geht, wenn sie mit Walze, Striegel oder Güllefass unterwegs sind.
Bauer Kaemena erblickt den Naturschützer und läuft herüber. Hier treffen zwei Männer aufeinander, die vielleicht von unterschiedlichen Standpunkten auf die Dinge sehen, aber ein gemeinsames Ziel haben. Kaemena berichtet mit sichtlicher Begeisterung von den Kiebitzküken, die er durch sein Feld hat flitzen sehen.
Die Tiere leben ein halbwegs ungestörtes Leben, weil der Landwirt auf seinem Kulturland rücksicht auf sie nimmt. Nester werden erst abgesteckt und später mit Überrollbügeln vor den schweren Maschinen geschützt. Möglichst keine Gelege und keine Küken sollen unter die Räder kommen.
Landwirtschaft und Bodenbrüter sollen beide existieren können. Der Bauer und der Naturschützer sind stolz auf das, was sie geschafft und geschaffen haben. “Stressfreier Naturschutz”, nennt Schoppenhorst das. Rund 20 Blockland-Betriebe machen mittlerweile mit, einige aber nicht alle sind Bio-Bauernhöfe.
Das alles ist freiwillig. Im Bürokratendeutsch heißt die von der EU Co-finanzierte Maßnahme “kooperatives Gebietsmanagement”. Naturschützer Schoppenhorst formuliert es etwas griffiger: “Herzensangelegenheit. Nicht nur für mich. Auch für die Bauern.”
Pro geschütztem Gelege bekommen die Landwirte einen zweistelligen Euro-Betrag. Reich werden sie davon nicht. Es ist eine finanzielle Anerkennung für den Aufwand, für das, was in Sachen Artenschutz geleistet wird.
In Whatsapp-Gruppen sind alle miteinander verbunden: der Naturschützer, die Bauern und Jäger. Sie tauschen sich aus, teilen Gelege-Standorte und Beobachtungen. Reibungslos laufe das alles, sagt Schoppenhorst.
Weil Mensch und Natur einen Weg der Co-Existenz gefunden haben, stehen mittlerweile andere Probleme auf der Tagesordnung: die Natur, die sich selbst zu schaffen macht. Kaemena und Schoppenhorst berichten von Füchsen, die sich regelrecht darauf spezialisiert hätten, Gelege zu plündern.
Das Blockland muss für die vierbeinigen Räuber wie eine gedeckte Tafel sein: Hunderte Nester mit drei, vier, manchmal auch fünf Eiern. Jeder Erfolg hat immer auch seine Schattenseiten. Schoppenhorst und seine Landwirte werden aber auch dafür eine Lösung finden.