Hühnerhalter in der Pandemie

Geflügelzüchter: „Wir haben einfach keine Lobby“

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 26.04.2022 19:57 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Harald Akkermann ist leidenschaftlicher Hühnerzüchter. Die Rasse der „Ostfriesische Möwen“ hat er von seinem Großvater übernommen. Foto: Ortgies
Harald Akkermann ist leidenschaftlicher Hühnerzüchter. Die Rasse der „Ostfriesische Möwen“ hat er von seinem Großvater übernommen. Foto: Ortgies
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Harald Akkermann züchtet Hühner, seit er ein Kind war. Die vergangenen Jahre waren für den Hobbyhalter anstrengend. Corona und Geflügelpest forderten den Züchter. Der 54-Jährige erzählt, wie es war.

Ostfriesland - Hinter ihm kräht ein Hahn, als Harald Akkermann erklärt, was das Besondere an seiner Hühnerrasse „Ostfriesische Möwe“ ist. An die Geräuschkulisse hat sich der 54-Jährige längst gewöhnt. „Sie müssen mal hier sein, wenn die jungen Hähne morgens um halb fünf zusammen krähen“, sagt er und lacht. Damit mache man sich bei den Nachbarn keine Freunde. Obwohl: Akkermann lebt am Rande von Warsingsfehn. So wirklich stören seine rund 100 Tiere hier niemanden.

Was und warum

Darum geht es: Die Ostfriesischen Geflügelhalter hatten mit Corona und Geflügelpest viele Probleme. Außerdem fühlen sie sich nicht richtig ernstgenommen. Dabei wollen sie das Bewusstsein für Nahrung und Umwelt schärfen.

Vor allem interessant für: Geflügelhalter und Vogel-Fans.

Deshalb berichten wir: Es gibt viele Menschen in Ostfriesland die Geflügel halten.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Der Moormerländer ist einer von 1200 Geflügelzüchtern, die in Ostfriesland organisiert sind. Der Erhalt alter Rassen ist den Geflügelzüchtern ein wichtiges Anliegen. Im Kreisverband Ostfriesland-Papenburg mit seinen 19 Ortsgruppen trifft man sich nach Angaben des Kreisverbandsvorsitzenden Berend Tammen regelmäßig und bespricht, was die Hobby-Züchter derzeit umtreibt. Mit Corona auf der einen Seite hätten die Geflügelhalter schon genug zu tun gehabt. Doch auch die Geflügelpest stelle die Tierhalter jedes Jahr vor neue Herausforderungen, erklärt der Blomberger.

Robustes Landhuhn

Die „Ostfriesischen Möwen“ von Harald Akkermann stört das alles wenig. Sie dürfen seit dem 1. April wieder ins Freie. Akkermann schaut auf die großzügige Stallanlage an seinem Haus. Er beobachtet erst die Hennen, dann den stolzen Hahn mit seinen schwarzen Schwanzfedern. „Sie sehen weiß aus, im Fachjargon ist das aber Silber“, erklärt der Fachmann. Die „Möwen“ seien eine alte, sehr robuste Rasse. „Die halten das Wetter in Ostfriesland gut aus. Sie gehen auch bei Regen oder Kälte nach draußen“, sagt er. Die Rasse hat bei den Akkermanns Tradition. Schon sein Großvater und sein Onkel züchteten die Tiere. „So bin ich zur Hühnerzucht gekommen“, sagt Akkermann.

Küken gibt es bei den Geflügelzüchtern derzeit viele. Foto: Ortgies
Küken gibt es bei den Geflügelzüchtern derzeit viele. Foto: Ortgies

Mittlerweile ist er zweiter Vorsitzender des Rassegeflügelzüchtervereins Leer. Auch ist er als Jugendleiter im Verein tätig. „Ich habe mich früher auch ehrenamtlich als Fußballtrainer engagiert. Aber irgendwann musste ich mich entscheiden: entweder Fußball oder Geflügel“, sagt Akkermann. Seine Familie habe ihn vor die Wahl gestellt und er entschied sich für die Hühner.

Vegetarierin und Nutztierhalter

Ein Hobby, das er mit seiner Tochter Neele teilt. Die 24-Jährige hat Zwerghühner. Obwohl beide ihr Hobby mit Leidenschaft betreiben, eines trennt sie: Für die Tochter kommt als Vegetarierin das Schlachten ihrer Hühner nicht in Frage. „Obwohl ich sagen muss, dass ich eher eines von den Hühnern meines Vaters essen würde, als Hühner aus dem Supermarkt“, so Neele Akkermann. Für den Vater sind die Hühner auch Nutztiere. „Sie legen Eier und unter Umständen bringen sie Fleisch“, sagt Akkermann. Das ist aber nicht alles: „Die Tiere geben einem so viel zurück“, sagt er. Nicht nur die Vögel in seinem Stall bedeuten ihm viel. Um seinen Hof herum gibt es viele Wassergräben mit Enten. Er zeigt vorsichtig eine Stockente, die sich in einem Busch an seiner Garage zum Brüten zurückgezogen hat. „Die frisst mir aus der Hand“, sagt er.

Neele Akkermann züchtet Zwerghühner. Sie hat das Hobby von ihrem Vater übernommen. Foto: Ortgies
Neele Akkermann züchtet Zwerghühner. Sie hat das Hobby von ihrem Vater übernommen. Foto: Ortgies

Gemeinsam gehen Harald und Neele Akkermann in Kindergärten und brüten mit den Jüngsten Küken in einer Brutmaschine aus. Die Kinder bekämen so ein ganz anderes Verständnis für Lebensmittel. In den Kindergärten beobachte der Moormerländer immer wieder ein ähnliches Verhalten: „Auf der einen Seite freuen sich die Erwachsenen, dass wir vom Verein diese Angebote mit den Küken machen. Auf der anderen Seite fragen sie gleich, ob die Tiere denn gesund seien und es für ihre Kinder nicht gefährlich sei“, sagt er. Man sei gern gesehen, aber zum Beispiel wegen Krankheiten wie der der Vogelgrippe irgendwie auch nicht.

Viele Regularien für Hobbyhalter

Gerade diese Seuche verlange den Hobbyhaltern jedoch einiges ab. Akkermann hält im Gespräch einen Ordner hoch. „Es gibt viel zu beachten. Das Veterinäramt gibt viele Regularien dazu vor“, sagt er. So durften die Vereine keine Schauen in der Vogelgrippezeit veranstalten – das ging wegen Corona ohnehin nur schwer. Aber auch untereinander durften sich die Geflügelhalter nicht treffen. Besucher durften ihre Ställe nicht betreten. „Diese ganzen Vorgaben galten für die Mastbetriebe genauso wie für uns Hobbyhalter“, sagt auch Gerd Sprenkel. Er ist Vorsitzender des Rassegeflügelzüchtervereins in Leer. Diese Vorgabe hätten nicht alle Halter mitmachen wollen und können. „Ich habe mit älteren Mitgliedern gesprochen. Die haben entschieden, ihre Zucht aufzugeben“, sagt Sprenkel. Das bedeutete für viele Hühner, dass sie in den Kochtopf kamen.

Gerd Sprenkel ist Vorsitzender der Rassegeflügelzüchter in Leer. Foto: Ortgies
Gerd Sprenkel ist Vorsitzender der Rassegeflügelzüchter in Leer. Foto: Ortgies

Der 64-Jährige ist genervt, dass die Hobbyzüchter die Vorgaben der Großen mittragen müssen. „Wir haben einfach keine Lobby“, sagt er. Gespräche mit dem Landkreis habe es zwar gegeben, aber ohne Erfolg. „Wir wollen nur mit unseren Anliegen ernstgenommen werden“, sagt Sprenkel. Doch als „die Vögel mit den Vögeln“, wie Sprenkel sagt, könne man bei den Behörden nicht durchdringen. Der Vereinschef räumt jedoch ein: „Leicht ist es für das Veterinäramt nicht.“ Schließlich sei man in einer Zugvogelregion. In seinem Fall war es der Kreis Leer, aber in den anderen Landkreisen von Ostfriesland hätten es die Geflügelzüchter nicht leichter gehabt.

Der Name irritiert, aber so sieht eine Henne der Rasse "Ostfriesische Möwe" aus. Foto: Ortgies
Der Name irritiert, aber so sieht eine Henne der Rasse "Ostfriesische Möwe" aus. Foto: Ortgies

Und das, wo das Bewusstsein der Menschen durch Corona sich geändert habe. „Wir hatten viele Anrufe von Menschen, die jetzt wieder in ihren Gärten Hühner halten wollen“, sagt Sprenkel. Die Anrufer erhielten von den Experten Ratschläge für die Anschaffung. Hühnerhaltung stärke das Bewusstsein für Ernährung und die Umwelt. Davon sind sie überzeugt.

Die „Ostfriesischen Möwen“ kümmert auch das nicht. Sie scharren im Garten von Harald Akkermann und gackern vor sich hin. Ihr Züchter schaut dabei gern zu: „Ich kann dabei richtig abschalten.“

  • Am Sonntag, 15. Mai, findet in der Veranstaltungshalle des Geflügelzüchtervereins Leer von 10 bis 17 Uhr die Küken- und Jungtierschau statt.
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