Vermietung an Geflüchtete

Geflüchtete aus der Ukraine waren tagelang ohne ärztliche Hilfe

Claus Hock
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Von Claus Hock
| 25.04.2022 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer, vor allem Frauen, Kinder und Senioren, fliehen täglich vor dem Krieg aus ihrer Heimat. Viele kommen in Deutschland unter, aber nicht immer unter den besten Bedingungen. Symbolfoto: Hock
Zahlreiche Ukrainerinnen und Ukrainer, vor allem Frauen, Kinder und Senioren, fliehen täglich vor dem Krieg aus ihrer Heimat. Viele kommen in Deutschland unter, aber nicht immer unter den besten Bedingungen. Symbolfoto: Hock
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Landarzt Reiner Albers aus Dornum hat sich um ukrainische Geflüchtete gekümmert. Sie waren in einer überfüllten Unterkunft in Norden untergebracht.

Norden/Marienhafe/Dornum - Bringt ein Unternehmer aus Leezdorf Geflüchtete aus der Ukraine in heruntergekommenen oder überbelegten Wohnungen unter? Seit einem Bericht des Norddeutschen Rundfunks stehen diese Vorwürfe im Raum. Für die Unterkünfte sollen auch noch zum Teil sehr hohe Mieten gezahlt werden.

Was und warum

Darum geht es: Die Kritik an der Unterbringung von Geflüchteten in den Immobilien eines Unternehmers aus Leezdorf reißt nicht ab.

Vor allem interessant für: diejenigen, die sich für die Situation vpn Geflüchteten in Ostfriesland interessieren.

Deshalb berichten wir: Wir wollen weiterhin wissen, was hinter den Vorwürfen gegen einen Immobilienunternehmer aus Leezdorf steckt.

Den Autor erreichen Sie unter: c.hock@zgo.de

Während sich der Leezdorfer Unternehmer Wilke Saathoff unserer Zeitung gegenüber weiterhin nicht äußern möchte und entsprechende Anfragen ignoriert, werden die Vorwürfe gegen ihn immer lauter. Unsere Zeitung hat mit Reiner Albers, Allgemeinmediziner aus Dornum, über das Thema gesprochen.

Baby mit Lungenentzündung

Albers wurde Ende März erstmals mit den Zuständen in zwei Unterkünften, die durch Saathoff vermietet werden, konfrontiert. „Ich wurde an dem Freitagabend angerufen“, erinnert sich der 60-Jährige, der seit 28 Jahren eine Arztpraxis in Dornum betreibt. Helfer hätten ihn kontaktiert, weil sowohl in einer Unterkunft in Norden als auch in einer in Marienhafe mehrere Geflüchtete aus der Ukraine sehr krank waren – darunter ein sieben Monate altes Kind. „Zu diesem Zeitpunkt hatten die Geflüchteten schon seit drei Tagen nach einem Arzt verlangt“, so Albers. Dieser sei ihnen, das wurde dem Arzt berichtet, aber verweigert worden. Ohne Registrierung hätten die Geflüchteten kein Anrecht auf eine ärztliche Behandlung, sei ihnen von Mitarbeitern des Immobilienunternehmers mitgeteilt worden.

Reiner Albers ist Arzt aus Dornum – und reagierte auf einen Hilferuf von Flüchtlingshelfern. Foto: Hock
Reiner Albers ist Arzt aus Dornum – und reagierte auf einen Hilferuf von Flüchtlingshelfern. Foto: Hock

Der Dornumer Arzt machte sich auf den Weg. „In beiden Unterkünften waren wirklich viele Menschen krank“, sagt er. Besonders schwer sei der Fall aber bei dem Baby in der Unterkunft in Norden sowie bei einer 79-Jährigen in einer Unterkunft in Marienhafe gewesen. „Das Kind war völlig apathisch“, so Albers. Während das Baby unter einer Lungen- und Mittelohrentzündung litt, hätten viele andere Bewohner der Unterkunft in Norden Magen-Darm-Probleme gehabt. „Insgesamt elf Menschen habe ich da behandelt“, sagt Albers. In Marienhafe seien es ungefähr sieben Menschen gewesen, die behandelt werden mussten.

Laut NDR-Bericht habe der Leezdorfer Unternehmer für die Unterkunft in Norden mehrere Mietverträge von den Geflüchteten unterschreiben lassen. Ein paar dieser Mietverträge will der Landkreis Aurich, über den die Mieten für Geflüchtete abgerechnet werden, laut Auskunft von vergangener Woche, nicht übernehmen. Sie würden die zulässige Gesamtmiete übersteigen. Insgesamt habe der Landkreis Kenntnis von 66 Menschen, die in Immobilien von Saathoff untergebracht worden seien.

Überbelegte Unterkünfte

Während der Zustand der Zimmer in Marienhafe noch annehmbar gewesen sei, sei die Unterbringung in Norden „katastrophal und menschenunwürdig“ gewesen. Zwar waren beide Unterkünfte überbelegt – aber für die elf kranken Menschen in Norden sei beispielsweise nur eine nutzbare Toilette vorhanden gewesen. Diese mussten sich die Erkrankten mit vielen weiteren dort untergebrachten Menschen teilen. „Als wir da waren, waren es in Norden mindestens 20 Menschen, die dort untergebracht waren“, sagt Albers. In der Wohnung selbst hätten Kabel aus der Wand gehangen, es habe modrig und nach Schimmel gerochen. Albers bestätigt damit Vorwürfe, die auch von anderer Seite schon getätigt wurden.

Aber auch in der Unterkunft in Marienhafe, zwei kleinen Einfamilienhäusern, seien viel zu viele Menschen untergebracht gewesen. 50 bis 60, schätzt Albers, drei bis vier Betten mindestens pro Zimmer. „So viele Menschen, dass dort ständig die Sicherungen rausgeflogen sind“, so der Arzt.

Geflüchtete wurden nicht zugewiesen

Albers und seine Frau sorgten Ende März aber nicht nur für die medizinische Versorgung, sondern nahmen auch zwei Familien mit insgesamt acht Personen in einer von ihnen vorbereiteten Unterkunft auf. „Die wurde schon zuvor vom Landkreis abgenommen“, so Albers. Mit dabei: der sieben Monate alte Junge. „Uns war es wichtig, ihn aus der Unterkunft in Norden herauszuholen“, so Albers. Die 79-Jährige Frau hätte zwischenzeitlich ins Krankenhaus gemusst, sei danach aber wieder in die Unterkunft in Marienhafe zurückgekehrt. Die Erkrankungen hätten sich die Menschen wahrscheinlich schon auf der Flucht zugezogen. „Aber die Unterbringung war für die Genesung sicher nicht förderlich“, sagt Albers.

Keiner der Geflüchteten, das betont der Landkreis Aurich, sei der Firma Saathoff zugewiesen worden. Nach Bekanntwerden der Vorwürfe seien die kritisierten Wohnungen begutachtet und nur „kleinere Mängel“ festgestellt worden. Angebote an die dort Wohnenden, dass man andere Unterbringen zur Verfügung stellen könne, seien laut Landkreis abgelehnt worden.

Sowohl Albers als auch Detlev Krüger, Kreistagsabgeordneter der Freien Wähler im Landkreis Aurich, sprechen unterdessen von Bedrohungen, die von Mitarbeitern des Leezdorfer Unternehmers gegenüber Flüchtlingshelfern und Geflüchteten ausgesprochen worden seien. Krüger, der sich auch in der Flüchtlingshilfe engagiert, hatte vergangene Woche mit unserer Zeitung über die Zustände in den Wohnungen gesprochen. Auch die Politik will sich, voraussichtlich im Mai in der Sitzung des entsprechenden Kreistagsausschusses, mit dem Thema beschäftigen.

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