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Die Amis und die Klischees

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 25.04.2022 09:19 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal in der Woche eine Kolumne. Montags geht es immer um Kultur.

Meine amerikanische Familie erfüllt einige unserer Vorurteile und Klischees, doch an vielen Stellen würden sie euch alle überraschen und das Bild, das wir vom „Ami“ haben, bröckeln lassen. Eine Sache ist für uns jedoch unumstößlich mit den USA und auch mit meiner Familie dort verknüpft: Fernsehen. Und damit meine ich nicht unser Bild von diesem riesigen Land, das so von Serien und Filmen geprägt ist, sondern das Fernsehverhalten. Bei meiner Familie läuft der Fernseher den ganzen Tag. Sie sagen, er läuft für den Papageien. Es ist ein Graupapagei, heißt Lloyd und hat angeblich die Intelligenz eines fünfjährigen Kindes. Also laufen die ganze Zeit Cartoons und Kindersendungen, wenn sie nicht da sind. Und wenn sie da sind eigentlich auch. Sie haben ihn in der Zeit in der ich da war einmal ausgemacht, da wusste ich, das ist jetzt auch für sie ein wichtiger Moment in unserem Gespräch, sie wollen gerade wirklich zuhören.

Fernsehen steht bei aller Allgegenwärtigkeit trotzdem auch für ihre Quality Time: Sie sitzen in ihren Recliners, also in diesen Sesseln, bei denen man mit einem Hebel die Lehne zurück und das Beinteil hoch machen kann. Und dann schauen sie ihre Serien und Quizshows, mein Gastvater löst dabei Kreuzworträtsel, hat dabei in der einen Hand den Stift, in der anderen das Kreuzworträtsellexikon und auf seiner Schulter sitzt der Vogel. Zwischendurch schläft er ein, also mein Vater, nicht der Vogel, da er den ganzen Tag gearbeitet hat. Nie ist der Vogel außerhalb seines Käfigs, nur in diesen gemeinsamen TV-Momenten. Es ist also wirklich Quality Time für alle. Lloyd kann nicht nur die Stimme meiner Gastmutter imitieren, wie sie mit dem Hund spricht, sondern auch perfekt West Side Storys „I feel pretty“ nachsingen.

Ich kann mir kein Zuhause vorstellen, in dem der Fernseher die ganze Zeit läuft und kein Leben, in dem er das Ziel eines langen Tages ist, vielmehr das Band der Tageszielgeraden durch das ich erschöpft laufe. Doch wenn ich dort bin, dann genieße ich diese Zeit genau so wie sie. So ist das mit ehemaligen Austauschschüler*innen, wir sind sehr anpassungsfähig – for Life.

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