Widerstand war erfolgreich
Wie Ostfriesland zu einem eigenen Gedächtnis kam
150 Jahre Landesarchiv in Aurich: Die Ostfriesen mussten mehr als einmal darum kämpfen, dass ihr historisches Gedächtnis auch in Ostfriesland bleibt.
Aurich - Um ein Haar wäre buchstäblich alles weg gewesen. Als Ostfriesland 1866 wieder preußisch wurde, sollten die von der Landdrostei Aurich gehüteten Archivbestände nach Osnabrück ins 1869 neu geschaffene Provinzialarchiv gebracht werden. Letztlich bekamen die Ostfriesen in Aurich ihr eigenes Archiv, das heute immer noch besteht. Es nahm am 9. April 1872 – also vor 150 Jahren – offiziell seinen Dienst auf.
Der „ostfriesische Local-Patriotismus“ wäre „auf das Unangenehmste verletzt, wenn das Archiv aus Ostfriesland weggebracht werden würde“, beschwerten sich Verantwortliche der Auricher Landdrostei, als bekannt wurde, dass ihre historischen Dokumente nach Osnabrück transportiert werden sollten. Hundertprozentig überzeugt hat das die vorgesetzte preußische Archivverwaltung zunächst nicht.
Der Geheime Archivrat musste ran
Dort wurde bezweifelt, dass das ostfriesische Material überhaupt für die Einrichtung einer Beamtenstelle ausreicht. Ein Gutachten sollte die Frage klären. Dafür reiste der Geheime Archivrat Dr. Roger Wilmans aus Münster nach Aurich, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Sein Urteil fasste er in einem 48-seitigen Bericht zusammen. Er kam zu dem Schluss, dass die Auricher Unterlagen einen Archivar gut und gerne mindestens zehn Jahre lang beschäftigen würden.
Zudem attestierte er der Einrichtung enormes Entwicklungspotenzial bis hin zu einem eigenständigen Staatsarchiv. Die preußische Regierung folgte dieser Einschätzung, so dass am 9. April 1872 mit Dr. jur. Ernst Friedländer der erste Archivbeamte in Aurich seinen Dienst antrat. Mit dem prognostizierten Entwicklungspotenzial haperte es jedoch einstweilen noch.
Neue Gefahr drohte aus Hannover
Die Dokumente lagerten in vier engen Räumen im ersten Stock einer Buchhandlung. Eine vernünftige Nutzung war kaum möglich. Deswegen wurde 1886 die Verlegung des „kleinsten preußischen Staatsarchivs“ nach Hannover in Erwägung gezogen. Als man davon in Ostfriesland erfuhr, existierte im Preußischen Landtag bereits ein entsprechender Beschluss in erster Lesung. Erneut regte sich heftiger Widerstand, dem sich neben dem Regierungspräsidenten auch die Ostfriesische Landschaft und der Magistrat der Stadt Emden anschlossen. Mit vereinten Kräften konnte die fast schon vollzogene Auflösung des Auricher Staatsarchivs gerade rechtzeitig abgewendet werden.
Als 1889 an der heutigen von-Jhering-Straße ein eigener Zweckbau errichtet wurde, war auch das leidige Raumproblem vorerst vom Tisch. Dieses Gebäude beherbergte das Archiv bis in die 1960er Jahre und wurde später vom benachbarten Gymnasium übernommen. Der Anspruch „Mittelpunkt und Träger“ der ostfriesischen Geschichte zu sein, erfüllte sich dann so richtig ab 1897 unter dem langjährigen Leiter Dr. Franz Wachter, der diese Position bis 1921 bekleidete.
Und wieder drohte das Aus
Der umtriebige Archivar bemühte sich mit beharrlicher Konsequenz, das Staatsarchiv Aurich „durch depositarische Einverleibung auch von Stadt- und Gemeindearchiven sowie von Archiven einzelner Korporationen zu einem Gesamtarchiv Ostfrieslands auszugestalten“, wie er es formulierte. Das entsprach ziemlich genau dem, was Dr. Roger Wilmans rund 30 Jahre zuvor angeregt hatte.
Tatsächlich gelangten während Wachters Amtszeit zahllose historisch bedeutsame Unterlagen in sein Haus. Beispielsweise beschlossen die Landschaft sowie die Städte Aurich und Esens, ihre älteren Akten dem Staatsarchiv zur Aufbewahrung zu übergeben. Nichtsdestotrotz stand die Einrichtung 1924 abermals kurz vor dem Aus. Um Geld zu sparen, war eine Verlegung ins Osnabrücker Staatsarchiv angedacht. Das wollten sich die Ostfriesen – man hätte es fast ahnen können – nicht gefallen lassen. Die „sonst so ruhige und besonnene Bevölkerung“ würde „aufbrausen wie das Meer“, warnte der damalige ostfriesische Regierungspräsident Jann Berghaus.
Ein Sturm der Entrüstung in Ostfriesland
Der Sturm der Entrüstung mündete in einer von der Gesellschaft für bildende Kunst und vaterländische Altertümer zu Emden organisierten Versammlung, die deutliche Worte fand. „Wir erblicken in der Aufhebung des ostfriesischen Archivs in Aurich eine schwere Beleidigung des ostfriesischen Volksempfindens, die sich durch keinerlei Sparsamkeitsrücksichten rechtfertigen läßt“, heißt es in einer von der Versammlung verabschiedeten Resolution. „In dem Archiv zu Aurich ruht die Geschichte und die Vergangenheit unseres Volkes, das geheiligte Erbe unserer Väter, das wir uns nicht entreißen lassen.“
Der Widerstand sollte wiederum erfolgreich sein. Das Auricher Staatsarchiv blieb. Dafür kehrte ein anderes altes Problem zurück, nämlich das der Platznot. Eine Übernahme größerer archivwürdiger Bestände gestaltete sich stetig schwieriger, bis in den 1960er Jahren zwischen dem ehemaligen Lehrerseminar an der Oldersumer Straße und dem Gesundheitsamt ein dreigliedriger Archivneubau entstand, der 1985 erweitert wurde.
Mehr als 700 Jahre Geschichte in einem Gebäude
In diesem Gebäude „residiert das Auricher Archiv auch heute noch und verwahrt dort mehr als sechs Regalkilometer an Archivalien (Akten, Karten, Fotos und so weiter), die insgesamt über 700 Jahre ostfriesische Geschichte dokumentieren“, so Dr. Michael Hermann, seit 2016 Leiter. Nach der Fusion der niedersächsischen Staatsarchive 2005 ist Aurich nun einer von sieben Standorte. Die amtlich korrekte Bezeichnung lautet seit 2019: Niedersächsisches Landesarchiv Abteilung Aurich.
Die älteste Urkunde, die dort verwahrt wird, stammt von 1278. Hinzu gesellt sich „moderneres“ Schriftgut. Denn „das Archiv ist – ebenso wie 1872 – weiterhin für die Überlieferungsbildung der Landesbehörden und Gerichte in Ostfriesland zuständig“, erläutert Dr. Hermann. Darüber hinaus fänden sich aber auch nicht-staatliche Unterlagen im Archiv, darunter aus Adelsarchiven, Korporationen oder Vereinen und privaten Nachlässen. Hier ist das Landesarchiv online zu finden.
Aufgrund dieser umfassenden Quellenlage verwahre die Abteilung Aurich des Niedersächsischen Landesarchivs bis heute das historische Gedächtnis der Region Ostfriesland, das nicht nur von Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland, sondern auch von Schülern, Studierenden und Familienforschern gerne genutzt werde, so Dr. Hermann. Über die Historie des Archivs hat er einen Beitrag für das im Mai erscheinende neue Emder Jahrbuch verfasst. Zum Jubiläum sind Veranstaltungen geplant.