Osnabrück
Wie Xavier Naidoos Musik seine Schwurbeltheorien transportiert
Ok, Xavier Naido entschuldigt sich für das, was er bis vor seiner neuesten Videobotschaft verbreitet hat. Aber die Frage ist doch: Reicht ein Drei-Minuten-Video, um das Geschwurbel der letzten zweieinhalb Jahrzehnte ad acta zu legen? Ein Streifzug durch seine Songs.
Wer die Fußball-WM 2006 erlebt hat, ist spätestens dann nicht mehr um Xavier Naidoo herumgekommen. „Dieser Weg wird kein leichter sein“, predigte er damals der deutschen Fußballnationalmannschaft und landete damit den ultimativen WM-Hit. Was schade war, denn „’54, ‘74, ‘90, 2006“ von den Sportfreunden Stiller war nicht nur lustiger, sondern auch näher am Fußball als Naidoos mahnende Worte.
Da war Xavier Naidoo schon längst ein Star. „Nicht von dieser Welt“, sein erstes Soloalbum aus dem Jahr 1998 schlug richtig ein, das Publikum rannte in Scharen zu seinen Konzerten, der Mannheimer sammelt erste Preise. Und tat sich mit ersten steilen Thesen hervor. Wie der, dass bei der Bundestagswahl 1998 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Das habe er vor laufender Kamera auf MTV behauptet, sagt der Journalist Dirk Laabs, der damals für MTV gearbeitet hat. „1998 habe #Naidoo während einer laufenden Live-Sendung OFF AIR genommen.“ Der Grund: „Es ging um die Bundestagswahl, deren Legitimität der Sänger anzweifelte.“
Aber gut, Naidoo ist Musiker, also lassen wir ihn doch durch seine Songs sprechen! Nur: Seine Karriere ist durchzogen von Songs, die seine kruden Ansichten transportieren. 2011 erscheint der Song „Ist es wahr“; Naidoo ist da einer der „Söhne Mannheims“, und er kritisiert da die Politikerkaste mit Fragen wie „Ist es wahr, dass ihr uns vergiftet und verführt?“ Das Video dazu zeigt bei diesen Zeilen einen Arzt, wie er eine Spritze aufzieht - da scheint der Weg zum Impfgegner vorgezeichnet. Und schon zwei Jahre vorher singt er in „Goldwaagen/Goldwagen“, „Fast die gesamte deutsche Presse ist blind und taub“, und später setzt er einen drauf mit den Zeilen „911, London und Madrid jeder weiß / Dass Al Qaida nur die CIA ist“. Böse Mächte haben die Anschläge auf das World Trade Center, in London und Madrid inszeniert, die Lügenpresse schweigt. Zum Glück behält einer den Durchblick: „Ich hab’s gesehen“, singt Naidoo.
Dabei beruft sich Naidoo auf keinen geringeren als Gott: Er steht hinter dem einsamen Soldaten im Krieg um die Wahrheit. Tatsächlich schrammt die tiefe Religiosität hart an der Verblendung entlang und ist seine entscheidende Triebfeder.
Vielleicht rührt daher das Pathos seiner Songs; jedenfalls unterfüttert er auch den Feldzug gegen die Lüge mit einem Song, der schlicht „Die Wahrheit“ heißt. Die sei „ein hohes Gut“, heißt es da, aber sie ist auch „ein rotes Tuch / Blutrot wie ein rotes Buch“. Dem damaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck unterstellt er, „zum Krieg zu animieren“, und deckt seine vermeintlichen Lügen auf: „Schäm dich, Joachim / Freiheit auf den Fahnen und Krieg in den Taschen“. Angesichts solcher Umstände wird er zum Kämpfer, aber einer der weiß: „Dieser Weg wird kein leichter sein.“ Da möchte man laut „Hatten wir schon!“ rufen, aber warum soll, was für den Fußball taugt, sich nicht auch für die Schlacht um die großen Werte eignen. Ja, das Sendungsbewusstsein zieht sich wie ein roter Faden durch die Songs von Xavier Naidoo.
In den folgenden Jahren driftet er immer weiter ab - er mutiert zum Wutbürger, spricht vor und singt - musikalisch übrigens immer höchst ansprechend - für die Reichsbürgerbewegung, und da verwundert es nicht weiter, dass Naidoo den Corona-Leugnern und Impfgegnern seine Stimme gegeben hat, dass er Songs wie „Heimat“ schreibt, in dem er im Chor mit Verschwörungstheoretikern, Künstlern und Politikern vom rechten Rand von den Feinden singt, die eben die Heimat bedrohen.
Gemessen an Songs wie „Wo sind sie jetzt?“ sind das Petitessen. 2012 hat er gemeinsam mit dem Rapper Kool Savas in drastischen Worten über Ritualmorde an Kindern gesungen. Der Song brachte den beiden Klagen wegen Aufforderung zu Straftaten und Volksverhetzung ein. Die Klage wurde allerdings abgewiesen.
Ein paar Jahre später wird Xavier Naidoo über diverse Social-Media-Kanäle Videobotschaften verbreiten, in denen er sich so in seiner kruden Gedankenwelt versteigt, dass er in die Kamera weint. Beinahe gleichzeitig produziert er neue Schwurbelsongs, die dann dazu führen, dass Auftritte mit ihm abgesagt werden - in Rostock und, besonders bitter, in der Heimatstadt Mannheim. Aber auch das sind keine Erscheinungen der jüngsten Vergangenheit. Für den Eurovision Song Contest 2016 wollte der NDR Naidoo als deutschen Vertreter durchdrücken und löste damit wütende Proteste aus. Allerdings demonstrierten etliche Künstler Solidarität mit ihm, nachdem er vom ESC zurücktrat.
2020 hat RTL Naidoo aus der Jury von „Deutschland sucht den Superstar“ verabschiedet, nachdem er ein Video veröffentlicht hatte, das ihm den Vorwurf des Fremdenhasses und Rassismus einbrachte.
Von Rassismus und Antisemitismus distanziert er sich jetzt auf den letzten Metern seines Entschuldigungs-Videos - gut so. Wenn er aber davor von „Irrwegen“ spricht, bleibt Naidoo doch sehr im Vagen - da hat er seine Verschwörungstheorien jahrzehntelang präziser formuliert. So sehr Xavier Naidoo zu wünschen ist, dass er aus dem Querdenker- und Reichsbürgersumpf herausfindet: Sein Bekennervideo ist da erst ein Anfang. Wünschen wir ihm den Erfolg, den wir ihm als Musiker gern gegönnt hätten.