Geschichte
Das Schicksal der Juden aus Leer wird sichtbarer
Das Schicksal der Juden aus Leer, die von den Nationalsozialisten vertrieben und ermordet wurden, ist schon gut erforscht, allerdings im Stadtbild eher spärlich sichtbar. Das wird jetzt anders.
Leer - Über mehrere Jahrhunderte hinweg gab es in Leer eine große und lebendige jüdische Gemeinde. Die große, prächtige Synagoge an der Ecke Heisfelder Straße/Friesenstraße war Ausdruck davon. Die Verfolgung der Juden durch die Nazis und die Reichspogromnacht im November 1938 machten dem ein abruptes Ende. Die Synagoge wurde dem Erdboden gleichgemacht, die Juden getötet oder vertrieben.
Was und warum
Darum geht es: Die Namen und das Schicksal von Juden, die einst in Leer gelebt haben und von den Nationalsozialisten ermordet oder vertrieben wurden, werden präsenter im Stadtbild.
Vor allem interessant für: Geschichtsinteressierte und diejenigen, die wollen, dass die Gräuel der Nazi-Zeit im Bewusstsein der Gesellschaft präsent bleiben
Deshalb berichten wir: In der Ausschuss-Sitzung am Donnerstag werden Weichen gestellt. Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de
Heute müssen Besucher schon besonders aufmerksam durch die Stadt laufen oder gezielt suchen, um Hinweise auf diesen Teil der Leeraner Geschichte zu finden: Gegenüber dem einstigen Standort der Synagoge gibt es eine kleine Gedenkstätte. Dort steht auch eine Tafel, auf der Gebäude markiert sind, in denen Juden gelebt haben. Auf dem alten jüdischen Friedhof an der Groninger Straße gibt es eine Gedenktafel und die ehemalige jüdische Schule in der Ubbo-Emmius-Straße ist heute eine Kultur- und Gedenkstätte.
Stolpersteine im Oktober
In Zukunft wird es in der Innenstadt weitere Erinnerungen an jüdische Menschen geben, die einst in Leer gelebt haben, und an ihr Schicksal unter den Nationalsozialisten. Im Oktober werden die ersten 15 Stolpersteine verlegt: vor dem Haus Reimersstraße 6 sowie vor den Häusern Bremer Straße 14 a und 70. Sie erinnern an Familienmitglieder vom Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg, der in Leer wohnt. Lange hatte es in Leer Vorbehalte gegen diese Form des Gedenkens gegeben. Der ausdrückliche Wunsch Weinbergs nach Stolpersteinen für seine Familie hatte zu einem Umdenken geführt – und den Weg geöffnet für noch mehr der rund zehn mal zehn Zentimeter großen Gedenktafeln im Boden in den kommenden Jahren. Finanziert werden sollen sie mit Spenden.
Außerdem wurden und werden verschiedene Straßen nach einstigen jüdischen Bürgern benannt, unter anderem im Baugebiet, das an der Groninger Straße entsteht – und der Platz vor dem Zollhaus. Er heißt nun Liesel-Aussen-Platz. Liesel Aussen war ein kleines jüdisches Mädchen, das mit seiner Familie in der Rathausstraße lebte und als Siebenjährige mit ihren Eltern in Sobibor von den Nazis ermordet wurde.
Eine von Schülern des Teletta-Groß-Gymnasiums konzipierte Gedenktafel und eine Plastik des Leeraner Künstlers Gerhard Christmann sollen künftig auf dem Platz stehen. Mit beidem – und auch mit den Plänen, in Leer Stolpersteine zu verlegen – wird sich der Ausschuss für Wirtschaft, Tourismus und Kultur (WTKA) am Donnerstag (17 Uhr, Saal im historischen Rathaus) beschäftigen.
Auch in Leer wurde Schreckliches getan
„Es ist wichtig, dass den Leeranern und den Besuchern bewusst wird, dass auch hier vor Ort Schreckliches getan wurde. Ich sage ausdrücklich ,getan‘, denn es ist nicht einfach passiert“, sagt Wolfgang Kellner, Vorsitzender der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland. Deshalb begrüße er es, dass die Schicksale der Juden, die einst in Leer gelebt haben, stärker als bisher im Stadtbild auftauchen werden. Es gebe sicher Menschen, denen das zu viel werde. Aber es zeige sich, dass altes Gedankengut und Antisemitismus wieder Einzug in die Gesellschaft hielten. „Deshalb ist es wichtig, zu erinnern. Das müssen die Kritiker dann aushalten.“
Allerdings reichten symbolische Aktionen nicht aus, warnt er. Wichtig sei es, die dazugehörigen Hintergründe transparent zu machen und Informationen zu bieten. „Das ist unsere Aufgabe und da passiert in Leer ganz viel, sei es an der ehemaligen jüdischen Schule oder in den Schulen und in vielen anderen Bereichen.“
Hinweise auf Judenverfolgung müssen besser sichtbar sein
Nach langem Zögern gibt es die ersten Stolpersteine für Leer