Osnabrück

Gastfreundschaft in Kriegszeiten: So lebt sich Somaia Soroosh in Deutschland ein

Stella Bluemke
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Von Stella Bluemke
| 15.04.2022 15:31 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Somaia Soroosh hat viele Pläne für ihr Leben in Deutschland. Unter anderem möchte sie sich weiter für die Frauen in Afghanistan einsetzen. Foto: André Havergo
Somaia Soroosh hat viele Pläne für ihr Leben in Deutschland. Unter anderem möchte sie sich weiter für die Frauen in Afghanistan einsetzen. Foto: André Havergo
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Noch vor einiger Zeit standen sie im Mittelpunkt - Flüchtlingsfrauen aus Afghanistan. Mit dem Krieg in der Ukraine droht ihr Schicksal nun in Vergessenheit zu geraten. Wir haben eine junge Frau besucht. Somaia Soroosh erzählt, was ihr das Ankommen und Einleben in Deutschland erleichtert hat.

Voller Freude beugt sich Somaia Soroosh in Richtung des Laptops, der auf dem Couchtisch in ihrer Wohnung steht, als dort zwei Gesichter auf dem Bildschirm erscheinen. Sie lächelt und winkt ihnen zu. Bei Elke und Emily Waltermann scheint die Freude ebenso groß zu sein. Das letzte Treffen ist eine Weile her. Kennengelernt haben sich die drei sowie Anna Büschemann und Khalid Sayed Sadaat von der Hilfsorganisation terres des hommes im vergangenen Oktober. Die 24-jährige Soroosh fand nach ihrer Flucht aus Afghanistan bei Familie Waltermann in Osnabrück für sechs Wochen ein Zuhause.

Flüchten musste Soroosh, weil sie als psychosoziale Beraterin Frauen und Mädchen in der Provinz Herat half, die verschiedene Arten von Gewalt erlebt hatten. Das Projekt für das Soroosh arbeitete, hatte das Ziel afghanische Frauen zu stärken und zu unterstützen. Das sahen deren Ehemänner sowie religiöse und kommunale Führungspersonen kritisch. Ihrer Ansicht nach führte sie die Frauen auf einen falschen Weg, indem sie ihnen die westliche Kultur zeigte. Das Projekt wurde vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung über die Organisation terres des hommes unterstützt.

Bereits vor der Machtübernahme waren die Taliban in dem Gebiet sehr einflussreich und stoppten das Projekt, erzählt Soroosh. Sie verboten den Frauen an den Kursen teilzunehmen und forderten von Soroosh und ihrem Team die Arbeit einzustellen. Nachdem die Taliban das Land kontrollierten, gerieten sie aufgrund ihrer Beziehung zu internationalen Organisationen und ihrer Arbeit für die Stärkung der Frau stärker ins Visier. Für die Taliban sollen die Frauen zuhause bleiben, den Haushalt führen und sich um die Kinder kümmern, erklärt die junge Frau. Soroosh spricht ruhig und bedacht, wenn sie von ihren Erlebnissen berichtet.

Soroosh flüchtete von Kabul über Pakistan nach Deutschland, erzählt sie. Mitte September habe die Genehmigung der Bundesregierung vorgelegen und alles musste schnell gehen. Die pakistanische Regierung hatte der Evakuierung über ihr Land zugesagt. Innerhalb von zwei Tagen sollte sie nach Kabul kommen. Doch dort angekommen, habe es Probleme gegeben. Ohne Visum durften sie nun doch nicht nach Pakistan einreisen.

Da viele tausende Menschen zu dem Zeitpunkt das pakistanische Visum beantragten, sei Sorooshs Chance, eins zu erhalten, gering gewesen. Doch es klappte. So konnte sie mit mehr als 25 weiteren Personen Anfang Oktober nach Pakistan einreisen. Zwei Wochen wartete sie anschließend in Islamabad auf das deutsche Visum. Ende Oktober kam sie mit dem Flugzeug in Leipzig an und reiste ein paar Tage später nach Osnabrück.

„Ich war glücklich und zugleich traurig“, beschreibt Soroosh ihr Gefühl, als sie das Land verlassen konnte. Glücklich, weil sie an einen Ort flüchten konnte, an dem sie frei sein würde. Auf der anderen Seite habe sie ihre Familie, ihre Freunde und Verwandte zurücklassen müssen. „Es war wirklich schwierig“. Bis zur Überquerung der Grenze habe sie Angst gehabt, weil die Taliban nach Menschen suchten, die für internationale Organisationen arbeiteten und das Land verlassen wollten.

Als Soroosh in Deutschland ankam, sei sie sehr besorgt um ihre Zukunft gewesen, weil sie nicht wusste, wie diese in Deutschland aussehen sollte. „Nachdem ich Elke und Emily kennengelernt habe, hat sich alles verändert“, sagt sie. Sie habe bei ihnen Hoffnung für ihr neues Leben gefunden. Sie sei ihnen sehr dankbar, für die Liebe, die sie bei ihnen erfahren habe.

„Es war keine Frage sofort ja zu sagen. Das ist eine Frau im Alter unserer Kinder. Wenn man sich in die Situation reindenkt, was wäre, wenn es andersherum wäre, wenn es unsere Kinder betreffen würde“, sagt Elke Waltermann über die Entscheidung eine junge Geflüchtete aus Afghanistan aufzunehmen. Zum ersten Kennenlernen mit Soroosh sei diese mit einer riesen großen Tasche gekommen. Waltermann habe sich gewundert, dass da ihr gesamtes Leben drin sein solle, erinnert sie sich.

„Ich habe afghanische Kleidung mitgebracht, weil sie mir ein Gefühl von Ruhe und Glück geben“, erzählt Soroosh über den Inhalt ihrer Tasche. Außer Kleidung nahm sie auch Rosinen und Safran mit nach Deutschland. Aus dem Safran hat sie Tee gekocht, der in Tassen mit feinem Blümchenmuster auf dem Tisch steht. Dort steht auch eine Schale mit den Rosinen sowie Sonnenblumenkernen und Nüssen. Einen Abend zeigte Soroosh Elke und Emily ihre Kultur, erzählt sie. „Ich habe ihnen meine afghanische Kleidung gegeben. Wir haben getanzt und eine schöne Zeit gehabt.“ Auch Waltermanns erinnern sich noch gut an den Abend. Besonders Elke ist in Erinnerung geblieben, dass der Stress und die lange Reise von Soroosh abfielen. „Wir haben Musik auf Spotify gefunden und es wurde eine Party“, lacht sie.

„Ich hatte den Eindruck, als sei da direkt eine Verbindung gewesen“, sagt Elke Waltermann über die Beziehung zu Soroosh. „Sie war so offen und hat direkt geredet. Wir haben diese Übersetzer App benutzt und direkt beim ersten Abendessen eine Unterhaltung gefunden“ erzählt auch ihre Tochter Emily. Um sich zu verständigen, nutzten sie die App Google Translate.

Abwechselnd sprachen sie in Sorooshs Handy und lasen anschließend die Übersetzung, erklärt Emily Waltermann. Doch nicht immer sei die Übersetzung eindeutig gewesen. „Man musste sich das zurecht reimen. Es hat gereicht für die Verständigung und uns einiges erleichtert“, sagt sie lachend. Soroosh spricht Dari. Die Sprache sei sehr poetisch und habe eine sehr schöne Art sich auszudrücken, das habe sich auch in der deutschen Übersetzung widergespiegelt.

Heute haben sie etwas weniger Kontakt, um Soroosh Zeit und Raum zum Ankommen zu geben in ihrer neuen Wohngemeinschaft, erzählt Elke Waltermann. Sie wohnt heute mit vier weiteren geflüchteten Afghaninnen zusammen. „Ich habe das Gefühl, dass Somaia heute stärker ist als an dem Tag, an dem sie ankam. “ Das sieht auch Soroosh so. Aufgrund der Unterstützung von Waltermanns habe sie mehr Selbstbewusstsein gewonnen, sagt sie.

Soroosh hat verschiedene Ideen für ihre Zukunft in Deutschland. Besonders liege es ihr am Herzen, sich weiter für die afghanischen Frauen einzusetzen. Sie sei frei in Deutschland ihre Stimme zu erheben. In Afghanistan drohe dafür das Gefängnis. Der erste Schritt ist für sie die deutsche Sprache zu lernen, dafür besucht sie bereits einen Sprachkurs. Zukünftig möchte sie wieder als psychosoziale Beraterin mit Frauen arbeiten, die Gewalt erfahren haben. Außerdem könne sie sich vorstellen, eine Ausstellung zu organisieren, um mit Fotos aus Herat das Leben dort zu zeigen. Eine andere Idee sei handgemachte Produkte von Frauen aus Herat in Deutschland zu verkaufen, um die Frauen vor Ort zu unterstützen. Auch eine Spendensammlung gehört zu ihren Plänen. Sie sieht eine große Zahl an Möglichkeiten in Deutschland, die sie ihn Afghanistan nicht hatte.

Dass sie aktuell keinem Job nachgeht, ist auch für ihre Familie in Afghanistan ein Problem. Sie habe eine große Familie, die sie mit ihrem Job unterstützt habe. Nun fehle das Einkommen, hinzukomme die Ungewissheit, wie lange die Situation in Afghanistan andauere. Soroosh habe für drei Jahre einen Aufenthaltstitel in Deutschland, erklärt Anna Büschemann von terres des hommes. Damit dürfe sie etwas dazu verdienen, die Leistungszahlungen werden dementsprechend angepasst.

Für Soroosh sei es schwierig gewesen, ihre Familie in einer ungeklärten Situation zurücklassen zu müssen. Sie berichtet, dass sie nach der Ankunft bei Familie Waltermann viel geweint habe. Ähnliches müssen nun viele Menschen aus der Ukraine erleben. "Der Krieg in der Ukraine wird viele Menschen vertreiben, wie es in Afghanistan geschehen ist. Viele Menschen werden ihr Leben verlieren. Ich verstehe sie und fühle ihren Schmerz“, so Soroosh.

Laut Büschemann hat terres des hommes 68 Afghanen evakuiert, davon waren 23 Ortskräfte und 45 Familienmitglieder.

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