Verkehr
Abstand, bitte! Der Hintermann ist Unfallgrund Nummer Eins
Der mangelnde Sicherheitsabstand ist die Hauptunfallursache im Kreis Leer und der Stadt Emden. Darf ich den Hintermann abwimmeln? Fahrlehrer und Polizei geben Tipps, wie man häufige Unfälle vermeidet.
Landkreis Leer - Plötzlich kracht es und das Auto hinter einem donnert auf die Stoßstange: Auffahrunfälle aus Unaufmerksamkeit, wegen nicht angepasster Geschwindigkeit oder einem zu kleinen Sicherheitsabstand sind die negativen Spitzenreiter der Statistik im Bereich der Polizei Leer/Emden. Auch das Rasen und Vorfahrtsmissachtungen sind oben mit dabei.
„Das passt zu meinen Erfahrungen“, kommentiert der Rhauderfehntjer Fahrschullehrer Holger Buskohl die Zahlen. Welche Regeln gelten – und wie Autofahrer sich am besten vor den Fehlern anderer Verkehrsteilnehmer schützen können –, haben wir zusammengetragen.
Abstand halten!
In mehr als 500 Fällen war im vergangenen Jahr nach Angaben der Polizei mangelnder Sicherheitsabstand die Ursache für Unfälle. Aber woher weiß ich, wie viel Abstand ich halten muss? „Den eigenen Abstand kann ich natürlich während der Fahrt schlecht per Formel berechnen“, sagt Polizeisprecherin Svenia Temmen. Daher gebe es Faustformeln. „Innerhalb geschlossener Ortschaften bei Tempo 50 rechnet man 15 Meter oder drei Fahrzeuglängen.“ Sonst gilt: Abstand halber Tacho. „Das heißt, sie fahren 100 und halten entsprechend mindestens 50 Meter Abstand ein. Außerhalb geschlossener Ortschaften kann man das gut an den Leitpfosten erkennen, die stehen nämlich 50 Meter auseinander.“
Man könne aber auch zählen: Dazu merke man sich einen Punkt, an welchem das vordere Fahrzeug vorbeifährt und zählt: 22, 23 und prüft ob man dann selber an dem Punkt vorbeifahre. „Ist man früher da, ist der Abstand zu kurz.“ Auf die Frage, ob es Stellen gibt, zum Beispiel im Rheiderland, an denen es am häufigsten kracht, sagt Temmen: „Auffahrunfälle kommen in sämtlichen Verkehrssituationen an den verschiedensten Stellen innerhalb, wie außerhalb geschlossener Ortschaften vor.“ Vor allem wenn der Vordermann abbiege oder beim Warten an Kreuzungen oder Ampeln. Auch auf Autobahnen oder Bundesstraßen, wenn jemand seine Geschwindigkeit nicht richtig einschätzen könne und der Abstand zu schnell zu klein wird.
Nicht provozieren lassen
Von jemandem, der viel zu nah auffährt, dürfe man sich nicht provozieren lassen, so Temmen. „Erstmal die Ruhe bewahren“, rät sie. Wenn sich die Möglichkeit biete, dann könne der Abstand nach vorne verringert werden. Fahrschullehrer Buskohl ergänzt, dass man sich dabei selbst an die Tempo-Begrenzung halten müsse. Er und Temmen warnen davor, auf die Bremse zu retten. „Das kann als Nötigung ausgelegt werden“, sagt Buskohl.
Dieser Vorwurf kann aber auch dem Drängler gemacht werden. Temmen erklärt: „Wenn der Hinterherfahrende eine Gefahrensituation provoziert, hupt und drängelnd mit Lichthupe hinter einem fährt, ist das eine Nötigung, die zur Anzeige gebracht werden sollte. Notieren sie sich dazu alle möglichen erkennbaren Details, vor allem, ob der Fahrer männlich oder weiblich ist, merken Sie sich Fahrzeugtyp und Kennzeichen. Eine Nötigung gemäß 240 StGB im Straßenverkehr ist kein Kavaliersdelikt und zieht eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder eine Geldstrafe nach sich.“
Bitte einmal vorfahren
352 der Unfälle im vergangenen Jahr führt die Polizei auf Missachtung der Vorfahrtsregelung zurück. Fahrlehrer Holger Buskohl empfiehlt: „Nicht schlagartig bremsen. Rechtzeitig vom Gas gehen und so den anderen Verkehrsteilnehmern signalisieren, dass man hält.“ Durch so eine Fahrweise werde auch der Kraftstoffverbrauch reduziert. Er selbst würde aber, auch wenn er Vorfahrt habe, auf das Verhalten der anderen Fahrer achten und nicht auf sein Recht pochen.
Doch, wo gilt überall rechts vor links? Außer auf die Beschilderung zu achten, hat der Fahrlehrer einen weiteren Tipp: Oftmals gebe es diese Regel in Tempo-30-Zonen. Es gebe davon aber Ausnahmen, etwa im Leeraner Stadtteil Heisfelde bei den Bahnschienen.
Die jungen Wilden
Zu schnelles Fahren hat laut Polizeistatistik 254 mal zu Unfällen geführt. Das Problem zeigt auch eine kürzlich durchgeführte Verkehrskontrolle der Polizei in den Kreisen Leer, Cloppenburg und Ammerland. Insgesamt 236 Verstöße gegen die Tempo-Vorgaben sind dabei Ende März festgestellt worden. Laut Polizeisprecherin Svenia Temmen ist die nicht angepasste Geschwindigkeit gerade bei jungen Fahrern ein Problem: „Von den Unfällen in der Altersklasse 18 bis 24 sind nachweislich 87 Unfälle aufgrund nicht angepasster Geschwindigkeit geschehen.“ Bei insgesamt 960 Menschen in der Gruppe entspricht das etwa jeden zehnten Unfall.
Erfahrungen mit Rasern macht auch Buskohl regelmäßig: „Das ist bei Nachschulungen oft das größte Thema.“