Osnabrück
Wie Kinder ausgefallene Entwicklungsphasen ausgleichen
Sprechen lernen, klettern lernen oder sozialen Fähigkeiten lernen: Gerade während Corona gab es immer wieder Entwicklungsfenster, die Kinder verpasst haben. Lässt sich das wieder aufholen?
Corona hat besonders die Jüngsten getroffen: Kitas und Schulen waren geschlossen, Kontakt zu Freunden eingeschränkt, Vereinssport lange Zeit nicht möglich. „Das hatte massiven Einfluss auf die Kinder“, sagt Dr. Bettina Lamm vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung.
Ärzte und Wissenschaftler berichten nicht nur von psychischen Folgen, sondern auch von Rückständen in der Entwicklung: Von jungen Migranten, die monatelang kaum Deutsch sprachen und nun in der Schule nichts mehr verstehen; von Kleinkindern, die motorisch auffallen, weil sie sehr viel Fernsehen geguckt haben, statt auf Spielplätzen herumzuturnen; von Schülern, die an sozialer Kompetenz eingebüßt haben und nicht mehr wissen, wie man sich in einer Gruppe verhält.
Doch was ist, wenn Kinder – nicht nur wegen Corona – wichtige Entwicklungsschritte verpassen? Lässt sich das nachholen? Oder ist das Zeitfenster dafür irgendwann schlicht vorbei? „Die klassischen Modelle zu Entwicklungsphasen von Kindern sind ein Stück weit überholt“, stellt Bettina Lamm klar. „Wir wissen heute, dass sie nicht so starr sind wie lange angenommen, sondern individuell und flexibel, und dass sie auch mal ineinander übergehen.“ Daher sollten sich Eltern auch nicht verrückt machen lassen, wenn ihr Kind für bestimmte Dinge länger braucht, als es laut Ratgeber-Buch oder Internet sollte. „Man kann sich daran orientieren, welche Themen in welchem Alter eine Rolle spielen. Aber man darf auch keinen Fall erwarten, dass das Zeitfenster 1:1 passt“, betont die Entwicklungspsychologin.
Dennoch gebe es durchaus sensible Phasen, in denen Kinder bestimmte Dinge leichter lernen. Die Leopoldina beschreibt diese als „,Plastizitätsfenster', die sich öffnen und wieder schließen. Fehlen in diesen Phasen Umwelteinflüsse, die die Entwicklung fördern, so können sich Fähigkeiten unter Umständen nur unzureichend oder gar nicht voll entwickeln“, so die Nationale Akademie der Wissenschaften. Das sei allerdings die Ausnahme, erklärt Bettina Lamm: „Wer in der sensiblen Phase etwas verpasst, kann das in der Regel nachholen. Denn glücklicherweise sind unsere Gehirne so geschaltet, dass selten etwas endgültig verloren ist.“ Aber: „Es ist dann deutlich schwerer.“
Ein Beispiel ist die Sprache: Kinder, die zuhause eine andere Sprache sprechen, lernen bis zum Vorschulalter Deutsch wie von selbst, danach wird es anstrengender. Auch die motorische Entwicklung kann sich verzögern: Wenn ein Fünfjähriger also zwei Jahre lang keinen Ball geworfen hat oder ein Gerüst hinaufgeklettert ist, wird er es schwerer haben – übt er aber nur oft genug, klappt es irgendwann. Daher glaubt Dr. Bettina Lamm auch, dass ein Großteil der Kinder die Lockdowns gut wegsteckt. „Die meisten werden die Defizite schnell wieder aufholen. Trotzdem müssen die Erwachsenen sich bewusst machen, dass Kinder während Corona bestimmte Erfahrungen nicht gemacht haben und ihnen die Möglichkeiten und Zeit geben, das nachzuholen.“
Wie gut das gelingt, sei von Kind zu Kind sehr unterschiedlich. Insgesamt haben es Familien, die ohnehin schon benachteiligt seien und fehlende Angebote nur schwer kompensieren konnten, deutlich schwerer. Bei anderen dagegen hatte Corona gar keinen negativen Einfluss auf die kindliche Entwicklung, erklärt die Expertin: „Einige Eltern haben berichtet, dass der wegfallende Termindruck sie entlastet hat und ihre Kinder innerhalb der Familie große Schritte gemacht haben.“