Osnabrück
Osnabrücker Musikpreis: Das sagt der Auslöser des Twitter-Streits
Sergej Sumlenny ist Politologe, in Russland geboren und entschiedener Gegner des russischen Angriffskriegs in der Ukraine. Deshalb hat er das Preisträgerkonzert zum Osnabrücker Musikpreis heftig kritisiert - und mit ihm etliche Twitter-User. Unserer Redaktion hat er erläutert, wo das Problem liegt.
Mit der Solidarität ist es so eine Sache. Geiger Dmitry Smirnov wollte sie zeigen, Dirigent Daniel Inbal, das Osnabrücker Symphonierorchester, das Theater, die Stadt Osnabrück. Deshalb ging die Verleihung des Osnabrücker Musikpreises anders als gewohnt über die Bühne, deshalb hat Andreas Hotz das Programm komplett neu zusammengestellt, deshalb spielte Smirnov kein Konzert von Joseph Haydn, sondern eines von Valentin Silvestrov, einem ukrainischen Komponisten. Das hat viele erzürnt.
Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk, nie um eine scharfe Formulierung verlegen, wütet auf Twitter, Osnabrück würde mit dem Konzert „Brücken in die Hölle“ bauen, etliche Tweets anderer Nutzer kritisierten den Solisten, den Dirigenten, die Stadt. Ausgelöst hat die Lawine im sozialen Netzwerk Sergej Sumlenny. Der gebürtige Russe, ist promovierter Politologe, lebt in Berlin und war zwischenzeitlich Direktor der Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew.
Er hat in seinem Tweet eine Nachricht des NDR aufgegriffen, darin ein paar Sätze markiert, Aussagen von Dirigent Daniel Inbal dem Solisten Dmitry Smirnov zugeordnet, außerdem fälschlich behauptet, Smirnov hätte auch Schostakowitsch gespielt. Das hat Sumlenny später korrigiert, aber da war der Streit längst lichterloh entbrannt. Und in der Sache bleibt Sumlenny bei seinem Standpunkt: Der Russe Dmitry Smirnov hätte nicht Musik des Ukrainers Valentin Silvestrov spielen dürfen. Im Gespräch sagt er, warum: Viele Ukraine empfänden das als „kulturelle Aneignung“.
Um zu erläutern, was er damit meint, holt Sumlenny weit aus. Er spricht von der ukrainischen Sprache, die unter russischer Herrschaft diffamiert und verboten wurde, von ukrainischen Dichtern und Musikern, die unter Stalin inhaftiert und umgebracht wurden, von ukrainischer Kunst, die von Russland gewissermaßen okkupiert wurde, etwa die des Dichters Nikolai Gogol, der aus der Zentralukraine stammt und gewissermaßen zum Russen gemacht wurde.
Vor diesem Hintergrund empfänden es viele Ukrainer jetzt, wo russische Bomben Städte dem Erdboden gleich machen und russische Soldaten ukrainische Zivilisten ermorden, wo russische Ideologen die Ukraine vernichten wollen, als unerträglich, wenn ein russischer Künstler Musik eines Ukrainers spielt, sagt Sumlenny. Zwar erkennt er die gute Absicht hinter dem Programm – nur komme diese Botschaft in der Ukraine nicht an, sagt der frühere Journalist und Ukraine-Experte.
Das spiegeln die vielen Kommentare auf Twitter unter Sumlennys Tweet - die irgendwann auch nicht mehr zwischen Smirnov und Inbal unterscheiden, die beide im NDR-Artikel zu Wort kommen. Beiden wird „Naivität“ unterstellt, und im Gespräch erklärt Sumlenny auch das: Zwar reklamiere Smirnov für sich, unpolitisch zu sein, aber:
Und er bleibt dabei: Wenn ein Russe ukrainische Musik spiele, sei das kulturelle Aneignung. So, wie es eine kulturelle Aneignung sei, wenn Russland die ukrainische Hauptstadt als „Mutter aller Städte“ bezeichnet. Er sagt nicht „Kiew“ – das entspricht der Übersetzung des russischen Städtenamens –, sondern „Kyiv“, also die ukrainische Aussprache.
Hätte dann Osnabrück aus seiner Sicht gleich einen anderen, einen nicht-russischen Preisträger küren sollen? „Nein“, sagt Sumlenny. Das Violinkonzert von Joseph Haydn, das ursprünglich auf dem Programm gestanden hatte, wäre völlig in Ordnung gewesen, und selbst das Silvestrov-Konzert wäre möglich gewesen - unter einer Bedingung: „Wenn der Spieler klar sagte, das ist politisch, er fühle sich als Russe direkt und indirekt in diesen Krieg involviert und verurteilt die russische Aggression.“
Er unterstreicht auch, dass die Kritik an diesem Preisträgerkonzert nichts mit dem Preisträger an sich zu tun hat, nichts damit, wenn generell russische Musik gespielt wird und auch nichts damit, dass in einem Konzert ukrainische Musik gespielt wird. Nur die Kombination aus russischer und ukrainischer Musik: Die stößt in der Ukraine derzeit bitter auf. Und eines räumt Sumlenny ein: Dass Twitter nicht das geeignete Medium ist, um die Debatte zu führen über die Frage, wie Kulturinstitutionen Solidarität mit der Ukraine ausdrücken können.