Religion
Die evangelische Kirche zählt viele verlorene Schafe
Erstmals ist weniger als die Hälfte der Bevölkerung Mitglied in der evangelischen Kirche. In Ostfriesland sieht man diesen Trend zwar auch. Die Lage ist jedoch noch nicht ganz so dramatisch.
Ostfriesland - Weniger als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland ist Mitglied in der evangelischen oder katholischen Kirche. Zwar sieht man diese Entwicklung auch in Ostfriesland, aber hier sind die Gläubigen noch nicht in der Minderheit. „Hier gehören immer noch weit mehr als die Hälfte der Einwohner einer Kirche an“, sagt Dr. Detlef Klahr, Regionalbischof des evangelisch-lutherischen Kirchensprengels Ostfriesland-Ems. Die Kirche werde hier oft als Lebensbegleitung erlebt. „Unsere überwiegend ländliche Region ist stark der Tradition verbunden. Dazu gehört auch, dass das kirchliche Leben ein prägender Teil des gesellschaftlichen Lebens ist und auch als solcher wahrgenommen wird“, sagt Klahr.
Bei der reformierten Kirche fiel der Mitgliederrückgang 2021 mit 1,8 Prozent geringer aus als im Durchschnitt aller Mitgliedskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) (2,5 Prozent). „Aber auch wir spüren Rückgänge beim Besuch der Gottesdienste, in der Nachfrage nach kirchlichen Amtshandlungen und der Teilnahme an Veranstaltungen“, sagt Dr. Susanne Bei der Wieden, Präsidentin der evangelisch-reformierten Kirche. Die Corona-Pandemie habe diesen Trend noch verstärkt. „Wir alle hoffen jetzt auf neue Aufbrüche auch im kirchlichen Leben“, so Bei der Wieden. Vor allem in der derzeitigen Situation bräuchten viele Menschen Halt. „ Wir bestärken unsere Gemeinden darin, auf Menschen zuzugehen, auf ihre Sorgen und auf ihre Erfahrungen zu hören – auch auf kritische Rückmeldungen“, sagt Bei der Wieden.
Zahl der Mitglieder ist nicht ausschlaggebend
Das macht auch Regionalbischof Klahr und vergleicht die Situation mit der Erzählung vom verlorenen Schaf: 99 Schafe seien bei der Herde geblieben, eines gehe verloren und der Hirte mache sich auf die Suche nach diesem Schaf. „Jeder einzelne Austritt, lässt uns fragen, warum dieser Mensch nun fehlt und warum er seine Kirche verlassen hat“, sagt Klahr. Allerdings bemesse er die Relevanz der Christen nicht an deren Mitgliederzahl: „Ausschlaggebend ist, wie stark sie aus Glauben heraus in der Welt Verantwortung übernehmen und die Botschaft von Gottes Liebe und seinen Frieden verkünden. Da hat jede Zeit ihre eigene Herausforderung“, sagt er.
Bei der Wieden formuliert es ähnlich: „Die kommen, werden ernst genommen mit ihren Fragen, erfahren herzliche Zuwendung und werden an den Grenzen ihres Lebens begleitet. Wenn das gelingt, dann werden die Gemeinden in ihr Umfeld ausstrahlen, auch mit weniger Mitgliedern.“