Tierschutz
In Aurich hagelt es Proteste gegen Tiertransporte
Mehr als 20 Tierschutzorganisationen hatten am Sonnabend in Aurich zu einer Demonstration gegen Tiertransporte aufgerufen. Die Ostfriesen erhielten sogar Unterstützung aus Luxemburg.
Aurich - Ein scharfer Wind pfeift am Sonnabendmorgen über den Platz vor der Sparkassen-Arena in Aurich. Dort haben sich rund 350 Männer, Frauen und ein paar Hunde versammelt. Eine gesichtslose Menge. Mach einer verschwindet ganz hinter den aufgespannten Bannern. Transparent reiht sich an Transparent. „Beendet die grausamen Tiertransporte“ steht darauf. Oder „Vegans for Future“. Mehr als 20 Tierschutzorganisationen haben zu einer Demonstration gegen Tiertransporte aufgerufen. In der Schusslinie sind ganz besonders der Landkreis Aurich und der Verein Ostfriesischer Stammviehzüchter (VOST), vor allen Dingen weil Transporte nach Nordafrika und bis vor wenigen Wochen auch nach Russland genehmigt und abgefertigt wurden. Was passiert mit den Rindern außerhalb der EU? Nach Ablieferung würden keine weiteren Kontrollen stattfinden, kritisieren Tierschützer.
Diese Fragen stehen für eine Demo-Teilnehmerin aus Südbrookmerland nicht im Vordergrund. Sie würde am liebsten alle Tiertransporte abschaffen. Sie sei Veganerin, sagt sie im Gespräch mit dieser Zeitung. Von der Demonstration habe sie durch eine vegane Whatsapp-Gruppe erfahren, in der sie Mitglied sei. Ihren Namen möchte sie nicht nennen: „Mein Mann kommt aus der Landwirtschaft. Er hat noch Kontakt zu ehemaligen Kollegen und kann deren Situation verstehen“, sagt sie. Wer Rinder züchtet, muss auch handeln. Handeln heißt verkaufen und eben auch transportieren.
Demozug zeigt Wetterkapriolen die kalte Schulter
Zum VOST gehören rund 1400 familiengeführte Mitgliedsbetriebe mit 147.000 Herdbuchkühen. Nach eigenen Angaben transportiert der VOST jährlich rund 15.000 Rinder, rund 50 Prozent der Exportrinder gehen in die EU, die andere Hälfte geht in Drittländer. Vom VOST wollte sich am Sonnabend niemand der Debatte mit den Tierschützern stellen, weil eine sachliche Diskussion nicht zu erwarten, hieß es. Einige Demo-Teilnehmer kritisieren das. „Pfui VOST“ steht auf kleinen laminierten Karten. Sie baumeln an einem Regenschirm, den Sonja Lindemann aufgespannt hat. Die Vorsitzende des Tierschutzvereins „Aktive Tierfreunde“ aus Norden findet es nicht gut, dass niemand vom VOST bei der Podiumsdiskussion dabei, die sich an die Demonstration anschließt.
Den Regenschirm kann Sonja Lindemann gut gebrauchen.
Als sich der Zug der Demonstranten gegen 11 Uhr in Richtung Innenstadt in Bewegung setzt, geht ein Hagelschauer nieder. Von den Teilnehmern lässt sich dadurch niemand beeindrucken. Einige haben Erfahrung mit Protestaktionen. Dr. Ursula Preuß-Überschär etwa. Sie ist Mitglied des Vereins „Tierärzte für verantwortbare Landwirtschaft“ und hat in Hannover an Mahnwachen gegen Tiertransporte teilgenommen. So habe man Druck auf Landwirtschaftsministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) ausüben wollen, sagt sie. Die promovierte Veterinärmedizinerin lehnt die derzeitige Landwirtschaft ab und kritisiert ihren eigenen Berufsstand. Aus tierärztlicher Sicht etwa gehe die Züchtung und Fütterung auf Hochleistung mit hoher Krankheitsanfälligkeit einher und sei abzulehnen. Sie fordert ein Umdenken: Weg von Massentierhaltung und Erschließung immer neuer Absatzmärkten hin zu hohem Tierwohlniveau und ökologischer Verträglichkeit. „Unser Wohlstand beruht auf Ausbeutung. Wir beuten Tiere, unsere Umwelt und andere Menschen aus“, wird Dr. Ursula Preuß-Überschär später in der Expertenrunde sagen.
Bekenntnis zu fleischloser Ernährung
Die hätte sich eine junge Mutter auch gerne angehört. Sie schiebt einen Kinderwagen mit ihrer einjährigen Tochter vor sich her durch die Fußgängerzone. Es sei für sie ein wichtiges Anliegen gewesen, an der Demonstration teilzunehmen. Doch die Zeit sei knapp. Wegen einer privaten Verpflichtung könne sie sich die Kundgebung nicht anhören. „Ich esse seit meinem dritten Lebensjahr kein Fleisch mehr“, sagt sie. Mittlerweile habe sie auch ihren Mann und ihre Eltern für diese Ernährungsform gewinnen können. Es hört sich so an, als lebe sie als Vegetarierin mit sich im Reinen. Für sie und ihre Familie müssen auf jeden Fall keine Rinder Tausende von Kilometern weit transportiert werden.
Was die zu erleiden haben, kommt nach der Demonstration auf einer Kundgebung vor dem Rathausvorplatz zur Sprache. Tilly Metz war eigens aus Luxemburg nach Aurich gereist, um darüber zu berichten. Das Mitglied der Grünen/EFA ist Vorsitzende des EU-Untersuchungsausschusses Tiertransporte, der seinen Abschlussbericht im Dezember 2021 vorgelegt hat. Einen Monat später wurde er vom Parlament gebilligt. Darin sind systematische Versäumnisse bei der Durchsetzung der Vorschriften zum Schutz der Tiere festgestellt worden. Konkret: Die Transporte seien zu lang und sie seien nicht immer tiergerecht, so Tilly Metz in Aurich. So würden etwa Tränken eingesetzt, die von den Kälbern gar nicht genutzt werden können. Tiere könnten sich aus Platzmangel nicht hinlegen, seien mitunter der prallen Sonne ausgesetzt.
Massiver Druck erforderlich
Der Ausschuss habe Empfehlungen erarbeitet, etwa die Begrenzung der Transportdauer auf acht Stunden für Tiere, die zur Schlachtung befördert werden. Für Tiere, die zur Zucht gehalten würden, sollte der Transport höchstens vier Stunden pro Tag dauern. Jetzt kommt es darauf an, dass diese Empfehlungen auch umgesetzt würden „Und zwar muss bis 2023 massiver Druck ausgeübt werden, mit etwas passiert“, fordert die Politikerin. 2024 wird das EU-Parlament neu gewählt. Bis dahin muss laut Tilly Metz eine Gesetzesänderung erfolgt sein: „Sonst müssen wir erneut anfangen, die ganzen Fakten zusammenzutragen.“
Applaus begleitet die Rede der EU-Abgeordneten. Die Zuhörer sind sich einig in ihrer Zustimmung. Kontroversen flammen erst auf, als Dr. Joachim Kleen (CDU) und Dr. Michael Marahrens die Bühne vor dem Rathaus betreten. Die beiden Veterinärmediziner liefern sich einen heftigen Schlagabtausch. Kleen stellt nämlich in Abrede, dass die Fotos von gequälten Rindern, die auf Bannern zu sehen sind, tatsächlich von Tiertransporten stammen. „Die Bilder zeigen keine Zuchtviehrinder aus Aurich“, ist er überzeugt. Im Übrigen halte er es für ausgeschlossen, dass die Tiere in Marokko und Algerien tatsächlich geschlachtet würden, wie vielfach behauptet. „Niemand zahlt für Rinder und deren Transport so viel Geld, wenn das wirklich der Fall wäre“, sagt er. Er wisse aus eigener Anschauung, dass die Beförderung der Tiere nur genehmigt werde, wenn Zielorte feststünden. Dr. Kleen musste sich aus der Menge die Beschimpfung „Lügner“ an den Kopf werfen lassen. Ein Pfeifkonzert begleitete seine Rede.
Dr. Michael Marahrens bestreitet, dass die Rinder nach Marokko und Algerien exportiert werden, damit dort eine Zucht aufgebaut wird. Der stellvertretende Leiter des Instituts für Tierschutz und Tierhaltung in Celle spricht davon, dass es in den vergangenen 20 Jahren dort keinen Zuchtfortschritt im Hinblick auf Ertragssteigerungen gegeben habe. Das lasse sich unter anderem daran ablesen, dass die Zeit, in der Kühe Milch geben, nicht nennenswert gesteigert worden sei. Es entspinnt sich ein Experten-Gespräch zwischen den beiden Männern, das für den Laien nur schwer nachvollziehbar war. Organisator Diedrich Kleen (Tierschutzpartei) zieht am späten Nachmittag ein positives Fazit: „Wir haben viel erreicht.“ Der Wiesmoorer ist froh, dass die Mitglieder des Landtags bei der Podiumsdiskussion parteiübergreifend so etwas wie einen Konsens erzielt hätten und das Thema mit nach Hannover nehmen wollten.