Erziehung
Kita-Übernahme: Das Ziel ist mehr Qualität
Für die geplante Übernahme sämtlicher Kitas hat der Landkreis Aurich viel Prügel bezogen. Doch der Erste Kreisrat Dr. Frank Puchert steht zu dem Plan. Das Ziel sei mehr Qualität. Denn die lasse in einigen Kitas zu wünschen übrig.
Aurich - Der Landkreis Aurich übernimmt 2023 sämtliche Kindertagesstätten im Kreisgebiet: Vor knapp sieben Wochen hat Landrat Olaf Meinen (parteilos) diese Nachricht verkündet. Seitdem sind Eltern und Kita-Beschäftigte in Aufruhr. Sie fürchten um die Qualität der Krippen und Kindergärten – und um ihre Jobs. In der Kreistagssitzung am 31. März überreichten Kita-Beschäftigte aus Hinte dem Landrat eine Petition mit rund 2000 Unterschriften. Auch Bürgermeister und Mitglieder der Gemeinderäte hören nicht auf, die Pläne der Kreisverwaltung zu kritisieren.
Die Kreisverwaltung hat nun Stellung genommen. In einer Pressekonferenz erläuterte der Erste Kreisrat Dr. Frank Puchert am Freitag erneut die Idee hinter dem Vorstoß, der auf seine Initiative zurückgeht. Die zentrale Botschaft: Es soll keine Qualitätseinbußen für die Kitas geben, ganz im Gegenteil: „Unser klarer Anspruch ist, insgesamt die Qualität zu erhöhen“, sagte Puchert. Maßstab seien diejenigen Kitas mit den höchsten Standards, personell und konzeptionell.
Nicht mal die Mindeststandards erfüllt
Betroffen sind 126 Kindertagesstätten zwischen Juist und Wiesmoor, zwischen Baltrum und Großefehn. 66 davon werden von freien und kirchlichen Trägern betrieben, 60 von Städten und Gemeinden. Für die freien und kirchlichen Träger wird künftig der Landkreis Vertragspartner sein. Die Kitas der Städte und Gemeinden wird der Landkreis künftig selbst betreiben. Das ist außergewöhnlich. Mit Ausnahme von Lüchow-Dannenberg haben sämtliche Landkreise in Niedersachsen die Aufgabe den Städten und Gemeinden übertragen.
Bei der Kita-Qualität gebe es innerhalb des Kreisgebietes große Unterschiede, sagte Puchert, auch bei den Gebühren. Das wolle der Landkreis ändern. Das Kita-Angebot dürfe nicht vom Wohnort abhängen. Qualität sei dem Landkreis seit jeher wichtig gewesen. Er habe ein Gütesiegel für Kitas etabliert. 16 Kindertagesstätten im Kreisgebiet erfüllten jedoch nicht einmal die gesetzlichen Mindeststandards, erklärte Matthias von Prüssing vom Jugendamt. Das bedeute nicht, dass sie kurz vor der Schließung stünden. Es liege zum Teil an alten Gebäuden, die heutigen Standards nicht mehr genügten. Doch auch die pädagogische Qualität lasse teilweise zu wünschen übrig.
Kollegialer Grundton gesucht
Puchert wollte jedoch ausdrücklich nicht von Mängeln sprechen, sondern von Optimierungsmöglichkeiten. Der Landkreis sehe sich als Partner. Der Erste Kreisrat war spürbar um Entspannung im Verhältnis zu den Gemeinden bemüht. Er wolle „einen kollegialen Grundton wiederfinden“. Selbstverständlich werde die Kreisverwaltung auch das Gespräch mit den Beschäftigten der Kitas suchen. Das gehe aber nicht über die Köpfe der Gemeinden hinweg. „Das würde uns umgekehrt auch befremdlich erscheinen.“
Auch die personelle Ausstattung der Einrichtungen ist nicht immer optimal. Krippengruppen haben ab dem elften Kind Anspruch auf eine dritte Fachkraft, die vom Land bezahlt wird. Nicht in allen Gruppen gebe es diese Fachkraft, sagte Puchert. Er könne nicht ausschließen, dass es von den jeweiligen Gemeinden versäumt worden sei, einen entsprechenden Antrag zu stellen.
Zu wenig Ganztagsplätze
Insgesamt ist das Angebot an Betreuungsplätzen im Landkreis Aurich nach Erkenntnissen der Kreisverwaltung unterdurchschnittlich. Ziel sei es, für 50 Prozent der Ein- bis Dreijährigen einen Krippenplatz anzubieten. Die Versorgungsquote der Gemeinden schwanke zwischen 24 und 54 Prozent, nur auf den Inseln sei sie höher. Auch das Angebot an Ganztagsplätzen sei viel zu niedrig.
All das soll nun angefasst werden. Möglichst noch vor der Sommerpause, spätestens im Herbst will der Landkreis den Bürgermeistern ein erstes Konzept für den künftigen Kita-Betrieb vorlegen. In die Entscheidungen werde der Kreistag „selbstverständlich“ einbezogen, sagte Puchert.
Die Gemeinden werden es zahlen müssen
Für die Skepsis der Beschäftigten und der Eltern zeigte der Erste Kreisrat Verständnis. Wenn Strukturen verändert würden, führe das immer zu Verunsicherung und Abwehr. Sorgen um die Arbeitsplätze seien jedoch unbegründet. Um die hohen Standards zu erfüllen, werde mehr Personal gebraucht, und das müsse man „mindestens nach Tarif“ bezahlen, um im Wettbewerb um Fachkräfte bestehen zu können. Es solle auch weiterhin feste Ansprechpartner für die Kitas geben, sie sollten nicht in der Anonymität der Kreisverwaltung verloren gehen.
Sozialamtsleiter Michael Müller wies darauf hin, dass die Gemeinden weiterhin in Gebäude für die Kitas investieren sollten und könnten. Der Landkreis werde den Kapitaldienst übernehmen. Wie es im Einzelnen mit der Übernahme der Gebäude ablaufen soll, das muss wie so viele andere Details verhandelt werden. Am Ende steht die große Frage, was das alles kostet. Die Gemeinden werden es über eine höhere Kreisumlage finanzieren müssen, so viel steht fest.