Karlsruhe
„Man darf Schwangersein durchaus ätzend finden“
Eine Schwangerschaft ist alles andere als nur schön. Aber das will die Gesellschaft nicht hören, sagt Autorin Marlene Hellene. Deswegen hat sie ihr Plädoyer „Bauch frei“ geschrieben. Im Interview spricht sie über ihr Buch, das nicht kitschig, dafür aber ehrlich und aufrüttelnd ist.
Frage: Frau Hellene, Schwangerschaftsratgeber gibt es unzählige. Warum hat Ihr Buch noch gefehlt?
Antwort: Ich würde mein Buch nicht als Schwangerschaftsratgeber bezeichnen. Ich habe keine Ratschläge für Schwangere in Bezug auf Ernährung, Sport oder die Frage „Wie bereite ich mich bestmöglich auf ein Kind vor?“. Es geht mir viel mehr darum der Gesellschaft zu sagen, was schiefläuft im Umgang mit Schwangeren. Und das hat meiner Meinung nach noch gefehlt.
Frage: Was läuft denn alles schief?
Antwort: Einiges. Es ist so, dass wir ein ganz besonderes und sehr einseitiges Bild von Schwangeren haben. In unserer Vorstellung ist eine Schwangere eine glückliche, proppere, strahlende Frau. Im besten Fall hat sie einen Mann an ihrer Seite und sich das Kind in ihrem Bauch sehnlichst gewünscht. Diese Frau lebt in geordneten finanziellen Verhältnissen und blickt mit ihrer Familie in eine schöne Zukunft. So suggerieren es uns zumindest die Werbung oder andere Schwangerschaftsratgeber. Und so möchte es die Gesellschaft. Dabei ist das doch nur ein klitzekleiner Ausschnitt aus den Möglichkeiten, die es gibt.
Frage: Was Sie beschreiben, bezeichnen Sie in Ihrem Buch als „zuckriges Babyglück“. Rosafarbene Überschriften, niedliche Babybilder und fröhliche Mütter begegnen jedem, der sich zum Beispiel im Netz über das Thema Schwangerschaft informiert.
Antwort: Ja, dabei gibt es wahnsinnig viele Frauen, die ungewollte schwanger sind. Oder sie sind gewollt schwanger, aber trotzdem nicht glücklich. Es gibt Menschen, die sind ohne Partner schwanger, leben in homosexuellen Partnerschaften oder sind alleinerziehend. Dieses einseitige Bild schließt aber all diese Möglichkeiten aus und stellt sie in eine Schmuddelecke. Während einer Schwangerschaft ist man sehr empfindsam und vulnerabel. Selbst ich, die zweimal gewollt schwanger war, habe mich super oft schlecht gefühlt. Aus körperlichen, aber auch aus psychischen Gründen. Wenn man dann diese ganzen Bilder sieht, empfindet man Schuld und Scham.
Frage: Diese Schuld und Scham wollen Sie den Frauen mithilfe Ihres Plädoyers, in dem sie auch viel Aufklärung betreiben, nehmen.
Antwort: Die Öffentlichkeit muss endlich verstehen, dass es zwei verschiedene Paar Schuhe sind, dass man sein zukünftiges Kind liebt und gut aufziehen möchte und eine Schwangerschaft vielleicht super ätzend findet. Denn: Man darf Schwangersein total ätzend finden. Egal wie sehr man sich ein Kind gewünscht hat. Dieses Tabu muss endlich gebrochen werden. Da hilft es auch nicht, wenn irgendein Karl-Heinz kommt und sagt „Du wolltest das doch so!“
Frage: Rund um die Schwangerschaft gibt es viele Themen zu besprechen. Wie haben Sie die Auswahl für Ihr Buch getroffen?
Antwort: Mir war es wichtig, zu besprechen, dass wir den Frauen die Selbstbestimmung beim Thema Schwangerschaft unbedingt alleine überlassen beziehungsweise zurückgeben müssen. Deswegen schreibe ich zum Beispiel darüber, warum es für Frauen notwendig ist, sich schnell und komplikationslos einen Schwangerschaftstest besorgen zu können. Nur wer das Wissen darüber hat, was gerade in seinem Körper passiert, kann Entscheidungen treffen und Handlungen einleiten. Deswegen plädiere ich auch dafür, Schwangerschaftstests für jeden kostenlos zur Verfügung zu stellen. Frauen müssen alleine und ohne Kritik von Dritten entscheiden dürfen, ob sie eine Schwangerschaft möchten, wie sie diese austragen und wie sie am Ende mit der Entbindung und dem Wochenbett umgehen wollen.
Frage: Welche Erwartungen der Gesellschaft an eine Schwangere stören Sie besonders? Haben Sie da direkt Sätze im Kopf?
Antwort: „Du hast es doch so gewollt“ oder „Liebst du dein Kind denn nicht?“ Was auch gerne gesagt wird, ist: „Du wirst am Ende doch belohnt.“ Allein dieser Spruch ist eine Frechheit dem Ungeborenen gegenüber. Mein Kind muss mich doch für nichts belohnen, zumal die Zeit mit einem Säugling erstmal eine super anstrengende Zeit ist. Ich finde, die Liebe sollte erstmal außen vorgelassen werden. Eine Schwangerschaft ist vor allem auch eine körperliche Angelegenheit, die wahnsinnig kräftezehrend ist. Das immer mit dem Standardsatz „Du bist schwanger und nicht krank“ abzutun, ist eine Unverschämtheit. Jeder legt sich mit einer Grippe ins Bett, aber wer schwanger ist und dessen Organe von einem heranwachsenden Kind verdrängt werden, darf nichts sagen. Denn dann heißt es, man jammert und ist undankbar…
Frage: …und anstrengend…
Antwort: …und sehr schnell hysterisch. Man wird sehr gerne belächelt.
Frage: Ihr Buch richtet sich deswegen auch gar nicht nur an Schwangere.
Antwort: Genau. Dieses Buch sollte wirklich jeder Mensch lesen, der mal aus dem Körper einer schwangeren Person geboren wurde. Wir haben alle Berührungspunkte mit dem Thema Schwangerschaft. Die ganze Menschheit basiert auf einer Schwangerschaft. Deswegen ist es umso absurder, dieses Thema so einseitig und mit so wenig Respekt zu behandeln. Generell finde ich, dass schwangere Frauen viel mehr mit Applaus bedacht werden sollten. Sie erhalten verdammt nochmal unsere Spezies. Das ist für alle wichtig zu lesen. In meinem Plädoyer kläre ich darüber auf, was eigentlich in schwangeren Personen vorgeht und wie man mit ihnen im besten Fall umgehen sollte.