Hamburg
Schweinedämmerung: Warum bald Schlachthöfe schließen könnten
In Deutschland werden jedes Jahr zig Millionen Schweine geschlachtet. Doch wie lange noch? Die Branche durchlebt harte Zeiten. Von Schließungen einzelner Schlachthöfe oder dem Aus ganzer Unternehmen ist die Rede. Darum ist die Lage für Tönnies und Co. so schwierig.
Die Zahlen sind eindeutig. Egal, wohin man blickt: Mit dem Schwein in Deutschland geht es bergab. Zuletzt bestätigte das die sogenannte Versorgungsbilanz, die von staatlichen Stellen erhoben wird und zeigt, wie viele Fleisch gegessen wird.
Das Ergebnis für das Jahr 2021: Auf den Tellern landeten pro Kopf etwa 31 Kilogramm Schweinefleisch. Das ist zwar immer noch viel. Zehn Jahre zuvor, im Jahr 2011, waren es allerdings noch mehr als 40 Kilogramm Fleisch.
Den Deutschen ist der Appetit aufs Schwein vergangen. Das spüren auch die Schweine-Schlachter hierzulande, aber es ist nicht das einzige Problem der Branche. Der Absatz im Inland geht zurück. Zugleich stockt der Export aufgrund von Restriktionen, weil in Deutschland die Afrikanische Schweinepest grassiert. Und dann wird rund um den Ukraine-Krieg auch noch alles teurer, was für die Schlachtung benötigt wird: Arbeitskräfte, Energie, Logistik, Verpackung und, ja, auch das wichtigste: das Schwein.
Branchenanalyst Klaus-Martin Fischer von der Beratung “Ebner Stolz” kommt bei der Addition aller Probleme zu einem klaren Ergebnis: “Die Konsolidierung ist großes Thema in der Branche. Von Standortschließungen bis hin zu einzelnen Unternehmen, die bereits wackeln und den Markt verlassen, ist derzeit alles denkbar.”
Der Verband der Fleischwirtschaft (VdF), die Dachorganisation der Fleischproduzenten hierzulande, teilt auf Anfrage mit, man könne sich nicht zu den Plänen einzelner Mitgliedsunternehmen äußern. Aber dass entsprechende drastische Schritte bevorstehen könnten, dementiert der VdF nicht. Die Situation sei ausgesprochen angespannt, so Vorstand Hubert Kelliger.
Und die Probleme werden immer größer, denn die Preise für Schweinefleisch erreichen immer neue Dimensionen. Damit gemeint ist der Preis, den Schlachthöfe an Bauern pro Kilo Lebendgewicht zahlen. In den Kontrakten mit den großen Handelsketten, so heißt es aus der Branche, sind diese Preissprünge noch nicht berücksichtigt. Wohl auch, weil die Händler sich noch daran erinnern, dass die Fleischunternehmen vor wenigen Monaten die Kühlhäuser vollpackten mit Fleisch, als der Schweinefleisch im Keller war. Analyst Fischer formuliert es so: “Im Moment legen die Schlachtbetriebe bei jedem Schwein Geld obendrauf.”
Momentan liegt der Preis pro Kilo Schlachtgewicht bei etwa 2 Euro. Tendenz steigend.. Torsten Staack, Geschäftsführer der Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN), sagt: “Wir stoßen jetzt in vollkommen unbekannte Regionen vor. Wir werden Preise von 2,50 bis 2,60 Euro pro Kilo sehen müssen. Das hat es noch nie gegeben.” Der Bauernvertreter sagt, die Summe sei aber auch für Bauern dringend notwendig. Denn auch auf den Bauernhöfen sind die Kosten ebenfalls deutlich gestiegen - für Energie, für Futter und so weiter.
Die Folge: Aufgrund der hohen Kosten und weil einige Landwirte bereits spekulieren, dass der Schweinepreis weiter steigen wird, lassen sie ihre Ställe erst einmal leer. Andere Bauern sind entweder schon ganz aus der Tierhaltung ausgestiegen oder stehen unmittelbar davor. Es fehlt ihnen trotz allem an Perspektive. ISN-Geschäftsführer Staack formuliert es so: “Niemand sagt derzeit, wie genau der Stall der Zukunft aussehen geschweige denn genehmigt oder finanziert werden soll. Trotz der gestiegenen Preise ist das vielen Schweinehaltern deutlich zu riskant.”
Das hat Folgen für die Schlachthöfe, die es in dieser Dimension noch nicht gegeben hat. Branchen-Analyst Fischer bringt das Problem so auf den Punkt: “Wo nichts ist, kann auch nichts geschlachtet werden.” Derzeit würden noch um die 800.000 Schweine pro Woche in Deutschland geschlachtet. “Tendenz abnehmend.” Bis vor wenigen Wochen seien es noch 1,1 Millionen Tiere gewesen. “Die Kapazitäten in den Betrieben werden derzeit nicht benötigt, verursachen aber enorme Kosten, da die führenden Schlachtbetriebe auf Menge kalkuliert sind”, sagt Fischer.
Er geht davon aus, dass die Kapazitäten auf absehbare Zeit auch nicht mehr benötigt werden. ISN-Vertreter Staack stimmt zu. Er sagt: “Ich halte es für realistisch, dass wir mittelfristig bei weniger als 600.000 geschlachteten Schweinen pro Woche rauskommen – im Gegensatz zu gut einer Million früher. Einfach deswegen, weil nicht mehr Schweine da sind.”
Was bleibt, ist die Konsolidierung. Analyst Fischer sagt: “Wenn wir in wenigen Jahren auf die Top 10 der Schlachtunternehmen schauen, wird das Ranking sicherlich ganz anders aussehen.” Derzeit führt Tönnies. Nach Zahlen der ISN schlachtete der Konzern im Jahr 2020 16,3 Millionen Schweine an seinen Standorten wie Rheda-Wiedenbrück, Sögel im Emsland oder Kellinghusen in Schleswig-Holstein.
Im Ranking direkt hinter Tönnies rangiert das niederländische Unternehmen Vion mit 7,6 Millionen Tieren. Große Teile davon werden am Standort Emstek in Niedersachsen geschlachtet. Auf Platz drei folgt das genossenschaftlich organisierte Westfleisch aus Nordrhein-Westfalen mit 7,47 Millionen Schweinen, vor weiteren Betrieben mit jeweils mehr als einer Million geschlachteter Tiere.
Einige davon setzen schon jetzt tageweise die Schlachtung aus, weil die Tiere fehlen, heißt es aus der Branche. Für die großen Betriebe bedeutet das erhebliche und damit kostspielige Verwerfungen in den Produktionsketten. Was kann helfen?
Hubert Kelliger vom VdF sagt: “Die Politik muss jetzt einen Strukturbruch in Deutschland verhindern, wenn wir auch weiterhin die Versorgung mit Fleisch aus eigener Erzeugung [...] sichern wollen.” Er fordert Klarheit bei den künftigen Haltungsbedingungen der Schweine, damit Bauern wieder investieren. Und auch den Export von Schweinefleisch soll die Bundesregierung wieder ankurbeln.
Analyst Fischer macht aber wenig Hoffnung, dass Agrarminister Cem Özdemir den Schlachtunternehmen zur Seite springt: “Die Schlachtbranche hat keine politischen Fürsprecher mehr. Früher gab es von der Politik Rückenwind. Diese Zeiten aber sind vorbei - für immer.” Es werde keine Hilfsprogramme geben, lautet seine Prognose. Eher noch weitere Regulierungen und Auflagen des Marktes.