Hamburg
Wie ein katholischer Pastor auf der Reeperbahn zwischen Sexclubs und Bars arbeitet
Zwischen Bars und Sexclubs liegt die Gemeinde des katholischen Pfarrers Karl Schultz. Der Geistliche ist eine Größe auf der Reeperbahn, obwohl er das nicht sein will.
Kiezgröße? Nein, dazu gehöre er nun wirklich nicht, sagt Karl Schultz. „Obwohl mich natürlich fast jeder hier auf Sankt Pauli kennt.“ Kein Wunder, denn das Haus des 65-Jährigen liegt direkt an der Großen Freiheit 43, gleich gegenüber vom berühmten Musikclub „Große Freiheit 36“. Und zum Freundeskreis des umtriebigen Schultz gehören auch bekannte Kiezlegenden wie Dragqueen Olivia Jones, deren Bar nur wenige Schritte entfernt liegt, oder Impressario Corny Littmann, dessen „Schmidts Tivoli“ noch heute für die Neuerfindung des weltbekannten Rotlichtviertels als Club- und Musikviertel steht.
„Aber ich mache prinzipiell keinen Unterschied zwischen oben und unten, bekannten Nemen und normalen Menschen“, sagt der katholische Pastor der St. Joseph-Gemeinde. Zu seinem Wirkungsbereich gehören Hamburger Feiermeilen wie Reeperbahn und das nahe Schanzenviertel, die bekannte Davidwache und die Herbertstraße sowie der Fischmarkt, aber auch ganz einfache Wohnquartiere.
Etwa 6000 Mitglieder zählt Schultz’ Pfarrei – Familien, Arbeiter und Mittelständler, Künstler und Lebenskünstler. Sie suchen ebenso wie Clubbesitzer und Luden, Sexarbeiterinnen und Touristen regelmäßig das Gespräch mit dem Priester.
Seit 2010 liegt der Arbeitsplatz des gebürtigen Mecklenburgers – der den Anfang seines Berufswegs in der evangelischen Jugend- und Stundentenseelsorge in der DDR machte und erst vor mehr als zwanzig Jahren zur katholischen Kirche konvertierte – auf Sankt Pauli. Eine Zeit voller Eindrücke und Umbrüche, die Schultz in seinem kürzlich erschienen Buch „Zwischen Kirche und Kiez“ festgehalten hat.
Kaum jemand rechne damit, ausgerechnet auf der Großen Freiheit in Hamburg eine Kirche, noch dazu eine katholische Kirche zu finden, weiß Schultz.
Damals gewährte König Frederik III. dem damals zu Dänemark gehörenden Altona das Privileg der Glaubens- und Gewerbefreiheit. Gleichzeitig schenkte er der Gemeinde einen Bauplatz auf der Großen Freiheit, auf dem 1718 das barocke Gotteshaus St. Joseph entstand. Das Original der königlichen Urkunde liegt heute in einem Schaukasten in der Krypta der Kirche.
„Seitdem ich hier bin, habe ich St. Joseph Schritt für Schritt für alle geöffnet“, beschreibt Schultz sein Anliegen. „Mir ist eine Pastoral der offenen Türen wichtig – auch in der Nacht.“ Denn gerade dann sei der Überraschungseffekt am größten, so der weltoffene Pastor: „In unserer Reihe ,St. Joseph by night' laden wir an Samstagabenden zu Livemusik jedermann zum Besuch der Kirche ein, quasi als Kontrastprogramm zum lauten Clubbing.“ Bis zu 600 Gäste kämen dann oft, viele von ihnen ganz spontan, da sie beim Bummel über den Kiez mehr aus Neugier denn aus Überzeugung den Kirchraum betreten und von einem Raum der Stille und des Innehaltens mitten im lauten Nachtleben überrascht seien.
In der besonderen Atmosphäre der Kirche entstehe nicht selten schnell ein Gesprächsbedürfnis, sagt Schultz. „Ich bin dann ganz Zuhörender. Viele Menschen wissen anfangs gar nicht, dass sie mit einem Pfarrer sprechen. Ja, sie wissen oft gar nicht, dass in ihnen ein tiefes Mitteilungsbedürfnis schlummert. Ich habe dann ein offenes Ohr, gebe aber nicht unaufgefordert Ratschläge.“ Er sei eben Priester und kein Polizist, deshalb vertrauten sich ihm viele Menschen an, selbst wenn sie keine Beziehung zur Kirche haben.
Überraschende Begegnungen dieser Art seien in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Coronapandemie mit den langen Club- und Barschließungen leider weggefallen.
Auch er selbst liebt das Nachtleben und seine Nachtstimmungen, weshalb die Öffnung ihn gleich doppelt freut.
Einschneidende weltpolitische Ereignisse wie den Syrienkrieg mit seinen Millionen Flüchtenden, von denen St. Joseph vor sieben Jahren einigen Asyl gab, und den Angriffskrieg auf die Ukraine – zurzeit beherbergt das Pfarrhaus Flüchtlinge von dort –, hat Schultz in seinen bislang zwölf Jahren als Kiezpastor ebenso erlebt wie kleine, bleibende Begegnungen mit Künstlern und Stars.
2017 beispielsweise hat Rocksänger und Maler Udo Lindenberg in St. Joseph seinen Gemäldezyklus „Die zehn Gebote“ ausgestellt. Unter Protest vieler Gemeindemitglieder musste dafür zeitweise der Kreuzweg abgehängt werden. Doch schon die Diskussion darüber und die Öffnung der Kirche für Neues habe ihm recht gegeben, erinnert sich Schultz. „Udo Lindenberg ist zwar kein Kirchgänger, wohl auch nicht religiös in meinem Sinne, aber spirituell.“
Seitdem ist zwischen Schultz und Lindenberg eine ungewöhnliche Freundschaft über vermeintliche Grenzen hinweg entstanden. Inzwischen gestaltete der Sänger das Titelbild von Schultz’ Buch, das den Autor mit Hut und Weinglas zeigt. „Und dann habe ich Udo auch gleich gefragt, ob er nicht auch das Vorwort schreiben möchte“, so Schultz, der so auf prominente Unterstützung setzen konnte.
Wichtiger als große Namen sind dem engagierten Pastor aber die einfachen Leute ohne Lobby. Karl Schultz: „Ich habe in meinem ganzen Berufsleben mit Menschen gearbeitet, die keinen kirchlichen Background haben, oft auch sonst keinen Halt im Leben. Menschen und Schicksale, von denen ich aber spüre, dass sie mit mir oder in einer Kirche freier reden und freier atmen können als normalerweise."
Aus all diesen Lebenserfahrungen hat Schultz ein Weltbild entwickelt, das nicht in allen Punkten mit dem seiner Kirche übereinstimmt. Und einige seiner Ansichten ecken ganz bewusst an. Dazu zählt auch Schultz’ Haltung zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. „Ich kann ich mich nicht weigern, Menschen zu segnen, wenn diese mich darum bitten.“
Auch das Thema Prostitution sieht Schultz nicht aus der Sicht der katholischen Sexualmoral:
Er wolle stattdessen lieber „Räume des Vertrauens“ öffnen.
Wichtig sei ein Geist der Toleranz, so Schultz. „Ich predige nicht Moral, sondern Respekt. Für mich ist eines der Schlüsselworte des Evangeliums die Freiheit – darum muss sich alles drehen.“ Er habe in seinen Jahren auf Sankt Pauli gelernt, dass die Kirche ihre Lehre der Menschlichkeit nicht über Bord werfen soll und darf. „Aber wir müssen die biblische Botschaft neu formulieren. Ihre Sprache ist oft alt, viele Menschen verstehen ihren Sinn gar nicht mehr.“
Das gelte auch für die Osterbotschaft der Auferstehung, die gerade in Zeiten wie diesen zentral sei: „Krieg ist schrecklich, wir müssen alles dafür tun, um ihn und seine Folgen zu verhindern“, so Schultz. „Aber wir sollten uns bei allem Leid immer auch einen Raum für das Leben suchen. Sonst werden wird unser Dasein zu dunkel und depressiv.“