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Putins Männlichkeitsbild: „Die Gefahr ist groß, dass er blind um sich schlägt“

Ankea Janßen
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Von Ankea Janßen
| 05.04.2022 15:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Präsident Wladimir Putin geht es laut Diplom-Pädagoge Sebastian Tippe vor allem um Machtdemonstration. Foto: imago images/ZUMA Press
Präsident Wladimir Putin geht es laut Diplom-Pädagoge Sebastian Tippe vor allem um Machtdemonstration. Foto: imago images/ZUMA Press
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Diplom-Pädagoge Sebastian Tippe ist Experte beim Thema Toxische Männlichkeit und sieht in Wladimir Putin eine Riesengefahr. Im Interview spricht er über die Machtdemonstration des russischen Präsidenten und dessen problematisches Männerbild.

Frage: Herr Tippe, in Ihrem Buch „Toxische Männlichkeit - Erkennen, reflektieren, verändern“ schreiben Sie, dass Regierungsoberhäupter wie Wladimir Putin oder der nordkoreanische Diktator Kim Jong-Un Symptome einer patriarchalen Welt und toxischer Männlichkeit sind. Was meinen Sie damit?

Antwort: Wladimir Putin und Kim Jong-un sind Diktatoren, die ein höchst problematisches Männerbild repräsentieren. Es geht einher mit Unterdrückung, Folter, Gewalt, Mord, Einschüchterung, Macht und Machtmissbrauch. Darüber stehen Frauenhass und Sexismus. Sie profitieren von einer von Männern dominierten Welt. Putin arbeitet mit Angst und Bedrohung, die dazu auch noch real ist. Denn es ist zu befürchten, dass er das, was er sagt, auch umsetzt.

Frage: Welche Verhaltensweisen sind typisch für toxische Männlichkeit?

Antwort: Toxische Männlichkeit im Alltag wäre, wenn Männer Frauen permanent unterbrechen, ihnen die Welt erklären (Mansplaining), wenn Männer die Gedanken und Ideen von Frauen als ihre eigenen ausgeben (Hepeating). Wenn Männer sexistische Sprüche machen, wenn sie sich weniger um die Kindererziehung und den Haushalt kümmern, wenn sie Frauen weniger bezahlen oder Männer breitbeinig sitzen (Manspreading) und mehr Raum einnehmen, als ihnen eigentlich zusteht.

Antwort: Diktaturen und Kriege – womit wir beim Thema wären – sind extreme Ausmaße toxischer Männlichkeit. Ebenso sexuelle Belästigung und Vergewaltigung. Auch diese Vorwürfe gibt es aktuell in der Ukraine gegen russische Soldaten. Das Thema Prostitution ist ebenfalls ein riesen Thema. Frauen, die nach Deutschland fliehen, werden von Zuhältern abgefangen, die versuchen, sie zu versklaven.

Frage: Welche Vorstellung von Männlichkeit erkennen Sie beim russischen Präsidenten Wladimir Putin?

Antwort: Putin geht es viel um Machtdemonstration. Das zeigen auch die vielen Bilder, die es von ihm gibt. Er am Kopf eines betäubten Tigers, als Pilot eines Kampfflugzeugs oder U-Bootfahrer. Seine Militärübungen, in denen Russland immer wieder in fremde Lufträume eindringt, sollen eine gewisse Bedrohung darstellen.

Antwort: Es ist ein Teil von toxischer Männlichkeit durch den eignen Körper, Waffen und Gewalt andere Menschen zu unterdrücken. Auch die Atomwaffen sind eine Verlängerung seines Selbstbildes. Er zeigt damit, dass er über verschiedenste Möglichkeiten verfügt, mit denen er andere einschüchtern kann. 

Frage: Putin besitzt auch einen überdimensionalen Tisch, an dem er seine Gäste empfängt…

Antwort: Ja, auch das ist ein Bild von toxischer Männlichkeit und eine Form von Raumaneignung. Der Tisch gehört ihm, der Gesprächspartner wird auf Distanz gehalten.

Antwort: Meist geht es darum, zu zeigen: „Ich bin ganz, ganz hart.“ Putin zeigt keine weichen Eigenschaften, die ja immer wieder als vermeintlich weiblich konnotiert werden. Dabei sind es nur menschliche Eigenschaften, die Jungs allerdings schon sehr früh von ihrer Persönlichkeit abspalten.

Frage: Was denken Sie, wie der russische Präsident sozialisiert wurde?

Antwort: Russland ist nochmal viel patriarchaler und konservativer als Deutschland. Frauen haben viel weniger Rechte, die traditionelle russische Familie muss immer heterosexuell sein. Häusliche Gewalt wird als „private Angelegenheit“ betrachtet, Täter gehen meist straffrei aus. Dabei sterben in Russland jährlich 14.000 Frauen durch gewalttätige Übergriffe von Ehemännern oder Partnern.

Antwort: Man muss also sehen: Wie sind die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen? Und wie spielt Putins problematisches Geschlechterbild und seine toxische Männlichkeit damit rein? Meiner Meinung nach ist er eine Riesengefahr.

Frage: Warum?

Antwort: Ich denke, Putin ist psychisch krank. Bei ihm vermengt sich zudem toxische Männlichkeit mit Narzissmus. Umso schlimmer toxische Männlichkeit ist, desto mehr narzisstische Anteile sind vorhanden. Diese Männer schauen nur auf sich, sehen sich im Mittelpunkt der Welt. Hätte er mal eine Therapie gemacht, wären wir heute nicht da, wo wir stehen.

Frage: Können Sie das erläutern?

Antwort: Hätte Putin seine Biografie, seine Männlichkeitsvorstellungen und seinen Frauenhass therapeutisch aufgearbeitet, dann hätte es den Angriffskrieg auf die Ukraine nicht gegeben. Wenn ein narzisstischer und toxischer Mann wie Putin sich bedrängt und bedroht fühlt oder denkt, dass er den Krieg verlieren könnte, ist die Gefahr sehr groß, dass er blind um sich schlägt und beispielsweise durch Atomwaffen so viele Menschen wie möglich noch mit in den Tod reißt. 

Frage: Können sich Politiker, die in der Öffentlichkeit stehen, besonders schwer vom Bild traditioneller Männlichkeit lösen?

Antwort: Ich glaube, dass viele das gar nicht wollen, weil sie genau wissen, dass mit diesem Männlichkeitsbild eine gewisse Macht und ein gewisser Einfluss einhergeht. Sie nutzen die männliche Präsentation also ganz bewusst. Dabei glaube ich, dass sie sehr viele Menschen damit erreichen würden, wenn sie sich anders verhalten würden. 

Frage: Wie muss das Männerbild sich für eine bessere Gesellschaft verändern?

Antwort: Wichtig ist, dass Männer anerkennen, dass es toxische Männlichkeit und patriarchale Strukturen gibt. Männer müssen weggehen von frauenabwertenden Verhaltensweisen und Einstellungen. Sie müssen lernen, mit dem Thema Konkurrenz – gerade unter Männern – umzugehen. Sie müssen weg von diesem Denken, dass sie in einer machtvollen Position sein müssen, in der sie andere Menschen dominieren und über sie herrschen können. Meine feministische Jungenarbeit setzt sehr früh dabei an, dass Jungen sich mit ihren Gefühlen und Emotionen beschäftigen und über diese sprechen.

Antwort: Jungen werden von überall mit problematischen Männlichkeitsbildern zugeschüttet – in jeder Serie, jedem Cartoon. Eine feministische Erziehung bringt leider wenig, wenn das Umfeld ihnen immer suggeriert, wie ein Mann eigentlich zu sein hat. Der Appell geht daher an die gesamte Gesellschaft: die Politik und Bildung und jeden einzelnen.

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