Gedenken

Im Oktober werden in Leer die ersten Stolpersteine verlegt

Katja Mielcarek
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Von Katja Mielcarek
| 05.04.2022 11:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
In Rhauderfehn liegen Stolpersteine vor dem Geburtshaus von Albrecht Weinberg. Foto: Brahms
In Rhauderfehn liegen Stolpersteine vor dem Geburtshaus von Albrecht Weinberg. Foto: Brahms
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In mehr als 1200 Städten und Gemeinden in Deutschland erinnern Stolpersteine an vertriebene und ermordete Opfer der Nationalsozialisten. In Leer gab es bisher Vorbehalte. Aber der Widerstand bröckelt.

Leer - Anders als die meisten Städte im Nordwesten Deutschlands hat Leer bis heute noch keine Stolpersteine, die an ehemalige jüdische Mitbürger erinnern, die von den Nationalsozialisten vertrieben oder ermordet wurden. Das wird sich jetzt ändern. Im Oktober würden die ersten 15 Stolpersteine verlegt, kündigt Bernd-Volker Brahms an. Das habe er in die Wege geleitet. Die Steine würden an die Verwandten des Holocaust-Überlebenden Albrecht Weinberg erinnern.

Was und warum

Darum geht es: Als eine der letzten Städte in Nordwestdeutschland bekommt Leer nun auch Stolpersteine zur Erinnerung an vertriebene und ermordete ehemalige jüdische Mitbürger.

Vor allem interessant für: alle, die es wichtig finden, dass die Gräuel der Nationalsozialisten nicht vergessen werden

Deshalb berichten wir: Der Holocaust-Überlebende Albrecht Weinberg hatte sich Stolpersteine zur Erinnerung an seine Verwandten gewünscht und damit in Leer etwas in Bewegung gesetzt.

Die Autorin erreichen Sie unter: k.mielcarek@zgo.de

Diese Erinnerung hatte sich der 97-Jährige im Gespräch mit der Redaktion ausdrücklich gewünscht. Im Februar hatten sowohl Bürgermeister Claus-Peter Horst (parteilos) als auch die großen Fraktionen und Gruppen im Rat ihre Unterstützung zugesagt.

Stimmung hat sich gewandelt

„Es gab lange Vorbehalte“, erklärt Bruno Schachner, Vorstandsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland (GCJZ), warum es in Leer noch keine Stolpersteine gibt, obwohl hier eine große jüdische Gemeinde existiert hatte. Sowohl die jüdische Gemeinde in Oldenburg, in deren Zuständigkeit Leer liegt, als auch einigen Verwandten von Opfern gefalle die Vorstellung nicht, dass die Namen im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten würden.

Albrecht Weinberg (rechts) und Gunter Demnig sind sich schon mehrfach begegnet, auch im Jahr 2012 in Aurich. Foto: Brahms
Albrecht Weinberg (rechts) und Gunter Demnig sind sich schon mehrfach begegnet, auch im Jahr 2012 in Aurich. Foto: Brahms

Die Stimmung habe sich in den vergangenen Jahren aber immer mehr gedreht, so Schachner. Heute gebe es eine sehr breite Zustimmung für das Projekt des Künstlers Gunter Demnig, der in ganz Deutschland mittlerweile mehr als 75.000 Stolpersteine in mehr als 1200 deutschen Städten und Gemeinden, davon knapp 1000 Steine in Ostfriesland, verlegt hat. Auch in Leer habe das Projekt nun Fahrt aufgenommen. Dank des guten Kontakts von Brahms zum Künstler könnten die ersten Steine in Leer vor drei Gebäuden, in denen die Verwandten von Weinberg gelebt haben – Reimersstraße 6 sowie Bremer Straße 14 a und 70 – noch im Oktober verlegt werden, so Schachner. Laut Homepage des Projekts sind die nächsten freien Termine erst wieder im Dezember zu haben.

Projekt soll wachsen

Bei den 15 Stolpersteinen solle es in Leer nicht bleiben, wünschen sich alle Beteiligten. Deshalb sei es sinnvoll, das Projekt auf eine möglichst große Basis zu stellen, sagt Brahms. Sowohl im Teletta-Groß-Gymnasium als auch im Ubbo-Emmius-Gymnasium gebe es ein großes Interesse, sich zu beteiligen. Auch andere Interessierte sollten sich einbringen können.

Im Jahr 2019 wurden in Weener Stolpersteine verlegt. Foto: Brahms
Im Jahr 2019 wurden in Weener Stolpersteine verlegt. Foto: Brahms

Der Verlegung der Steine gehe viel Recherche-Arbeit in den Archiven voraus. „Es geht ja nicht nur um die Namen, sondern auch um das Schicksal der Menschen, die in aller Kürze auf den Steinen vermerkt sind“, erklärt Brahms. Eine aufwändige aber auch überaus spannende Arbeit. „Selbst wenn man glaubt, schon viel über die Familien zu wissen, erfährt man oft noch vieles, mit dem man gar nicht gerechnet hat“, berichtet er von seinen Erfahrungen, die er mit den Stolpersteinen in Aurich gemacht hat.

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Eine große Bandbreite von Schicksalen habe man dort ermittelt: von jemandem, der hingerichtet wurde, weil er Kontakt mit einer nichtjüdischen Frau hatte; von jemandem, der auf Schindlers Liste gestanden und überlebt hat, von einem Euthanasie-Opfer.

Spendenkonto zur Finanzierung der Stolpersteine

Die Arbeit für die ersten Stolpersteine werde Menna Hensmann, die ehemalige Leiterin des Leeraner Stadtarchivs, übernehmen. Wie man sich in Zukunft aufstellen werde, werde in den nächsten Wochen besprochen, so Brahms. Die Finanzierung – ein Stolperstein kostet rund 120 Euro – solle über Spenden gewährleistet werden. Über das Spendenkonto der Gesellschaft für deutsch-jüdische Zusammenarbeit in Ostfriesland seien unter dem Kennwort „Stolpersteine“ schon die ersten Summen eingegangen, berichtet Schachner. Er ist optimistisch, dass sich viele Leeraner beteiligen werden, damit nach den ersten 15 Stolpersteinen weitere folgen könnten. Wer spenden möchte, findet die Kontonummer auf der Homepage der GCJZ.

Albrecht Weinberg ist glücklich, dass seine Verwandten, die zum Teil keine Gräber haben, durch die Stolpersteine eine Art Grabstein bekämen. Wie wichtig ihm das ist, zeigt, dass er auf eine Reise mit „seinem“ Gymnasium Rhauderfehn nach Israel verzichten würde, um bei der Verlegung der Stolpersteine dabei zu sein. Die Reise ist lange geplant. Nun scheint es eine Terminkollision zu geben. „Wenn wir das nicht lösen können, bleibe ich hier“, sagt Weinberg.

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