Osnabrück
Marguerite Donlons neues Tanzstück „EastWest“ begeistert
Kaum verneigen sich die Darsteller, brandet auch schon vielstimmiger, heller Jubel durch das Osnabrücker Stadttheater: Marguerite Donlons neues Tanzstück „EastWest“ trifft den Nerv des Premierenpublikums.
Eine einzige, großartige und zudem kluge Friedensbotschaft enthält diese am Samstag uraufgeführte Produktion. Syrien und das Schicksal seiner Bewohner sind zwar das Thema, dem Spielzeitthema des Theaters unter Intendant Ulrich Mokrusch folgend. Aber Krieg und Flucht weiten sich bald ins Grundsätzliche und sehr Aktuelle: Die schrecklichen, ausgebrannten Fassaden-Gerippe aus der Ukraine haben es per Video schon auf die Theaterbühne geschafft. Sie überraschen und schmerzen. Doch an den Fassaden öffnen sich nach und nach große Fenster - und hinter denen regt sich Leben. Von großer, liebevoll ausgestalteter Bild- und Symbolkraft ist diese Kulisse.
Den Worten ist leider nicht immer zu trauen: Damit begann Putins Krieg, damit beginnt auch „EastWest“. Der übrigens auch toll tanzende Schauspieler Manuel Zschunke lädt im überlauten und locker-flockigen Moderatoren-Gesäusel zur TV-Talkrunde ein. Seine Gäste aus Israel, Korea, China, Mazedonien oder Frankreich reden in ihren Landessprachen so energisch wie witzig aneinander vorbei. Wo das Gespräch versagt, müssen die sprachlosen Künste bei der Verständigung helfen: der Tanz und die Musik.
Wie harmonisch das geht, zeigen Wladimir Krasmann und Jouana Dahdouh. Der musikalisch so wundervoll versierte Repetitor des Theaters spielt auf dem Klavier eine selbst entwickelte Bach-Weise, zu der die syrische Kunststudentin mit ihrer tollen, weittragenden Stimme improvisiert. Und siehe da: Okzident und Orient, Johann Sebastian Bachs variationsreiche Läufe und die Melismen der arabischen Welt, sind sich gar nicht so fremd. Im Gegenteil: Es macht Freude, Verwandtschaften zu entdecken.
Das bleibt prallvolle 70 Minuten so. Mit schwingenden roten Röcken drehen sich zwei Tänzerinnen der Osnabrücker Dance Company im Stil des Derwisch-Drehtanzes gleichmäßig um die eigene Körperachse. Was sie nicht daran hindert, Arme oder Kopf in ganz anderen östlichen oder westlichen Stilen zu bewegen. Wie es Manuel Zschunke so lustig sagt: Osten und Westen verlieren ihre Verortung und Polarisierung: Werden hier traditionelles chinesisches Fingerspiel mit europäisches Headbanging kombiniert?
Atemberaubend, mit wieviel choreografischer Fantasie und Lust zum Detail Osnabrücks Tanzchefin Marguerite Donlon scheinbar Gegensätzliches miteinander verschmilzt. Die Bewegungssprache des arabischen Raumes wird mit irischem Stepptanz oder Frank Sinatras Hit „My way“ kombiniert. Die Tänzer setzen jede neue Melange mit Tempo, Temperament und staunenswerter Eleganz um - so cool, als hätten sie sie nie anders getanzt, etwa in jenen Passagen, als sich die Hausfassaden ins Betongraue färben. Denn auch Ernst Schießls Lichtdesign und Philipp Contag-Ladas Videokunst spielen fortwährend mit auf dieser echten Entdeckungsreise für Augen und Ohren.
Musikalisch eindrucksvolle eigene Akzente setzen die syrischen Gäste, die Musiker Ali Alyousef mit dem Oud und Jan Hanna, genannt Johnny, mit dem Perkussionsinstrument Darbukka, Sängerin Jouana Dahdouh und syrische DJs - und bleiben doch mit dem Gesamtkunstwerk verschmolzen. Als ein trennender Vorhang zwischen Zuschauer und Szene fallen will, hält das große Ensemble ihn im letzten Moment auf und trifft damit die Hoffnungen, die wir wohl alle hegen: Wir wissen momentan nicht, wie die großen Spaltungen in der Welt zu überbrücken sind - aber wo ein Wille ist, gibt es irgendwann einen Weg - und sei es einen ohne trügerische Worte wie dieser hinreißende Abend.
Weitere Aufführungen: 8., 14. und 19. April. Karten unter Tel. 0541-7600076 oder online unter www-theater-osnabueck.de