Ehrenamt

Bei der Feuerwehr Ochtersum sitzt jetzt sie am Steuer

Susanne Ullrich
|
Von Susanne Ullrich
| 01.04.2022 12:53 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Anke Manott am Lenkrad eines Ochtersumer Feuerwehrautos. Foto: Ullrich
Anke Manott am Lenkrad eines Ochtersumer Feuerwehrautos. Foto: Ullrich
Artikel teilen:

Anke Manott ist neue Ortsbrandmeisterin in Ochtersum – bei einer Wehr, deren Tage eigentlich gezählt waren. Und das als Frau und Quereinsteigerin. In der Männerdomäne Feuerwehr eine Seltenheit.

Ochtersum - Neongelber Sicherheitshelm auf langen pinken Haaren. Wenn Anke Manott in Einsatzkleidung an einer Unfallstelle oder zu einem Brand kommt, kann man sie förmlich leuchten sehen. Wer mit ihr über ihr Ehrenamt spricht, kommt nicht umhin, auch in ihren Augen ein Leuchten zu entdecken. Denn diese Frau ist Feuer und Flamme für ihre Feuerwehr. Und sie scheut sich nicht vor Verantwortung: Anke Manott ist die neue Ortsbrandmeisterin in Ochtersum – einer Wehr, deren Tage schon fast gezählt waren. Am 1. April beginnt ihre offizielle Amtszeit von sechs Jahren. Kommissarisch ist sie seit dem 1. März Chefin.

Was und warum

Darum geht es: Anke Manott ist Ortsbrandmeisterin in Ochtersum.

Vor allem interessant für: Engagierte Frauen, die sich etwas zutrauen. Und jeden, der mal Hilfe von der Feuerwehr braucht.

Deshalb berichten wir: Frauen sind längst keine Normalität in den Wehren. In Führungspositionen noch weniger. Im Kreis Wittmund gibt es jetzt schon zwei. Sie sind die einzigen in Ostfriesland.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.ullrich@zgo.de

Nicht nur ihre Haarfarbe unterscheidet die 41 Jahre alte Friseurmeisterin von anderen Führungskräften der Feuerwehr. Die, so verrät sie fröhlich, sei seit vielen Jahren ihr Markenzeichen. Sie ist Quereinsteigerin und trat Ende 2017 überhaupt erst in die Ortswehr ein. Und sie ist eine Frau und Mutter: Von insgesamt 24 Ortsfeuerwehren im Kreis Wittmund werden nur zwei von Frauen geführt. Ute Sukowski ist seit zwei Jahren Ortsbrandmeisterin in Stedesdorf. Sie war Mitte der 1990er Jahre die erste Frau in ihrer Wehr, musste sich durchbeißen. Frauen hätten es mittlerweile zwar etwas leichter, eine Männerdomäne sei die Wehr aber noch immer, sagt Tanja de Freese. Die Frauensprecherin des Feuerwehrverbands Ostfriesland weiß: „Wir müssen schon mit Ellenbogen beweisen, dass wir es können.“

Ostfriesland landesweit mit den meisten Frauen

Die jetzt zwei Ortsbrandmeisterinnen im Kreis Wittmund sind ostfrieslandweit die einzigen. Auch sonst ist die Anzahl von Frauen in Führungspositionen „verschwindend gering“, sagt de Freese. Das sei anderswo schon besser. Bis zu 20 Prozent aktive Frauen gebe es in Ostfrieslands Wehren, schätzt sie. Der Landesfeuerwehrverband Niedersachsen schätzt, dass landesweit 13.500 Feuerwehrfrauen im Einsatz sind. Aus Sicht von Regierungsbrandmeister und Präsident der Ostfriesischen Feuerwehren, Erwin Reiners, ist noch Luft nach oben: Eine Ausgewogenheit zwischen Frauen und Männern wäre ideal. Frauen in der Führungsebene seien zwar nicht mehr ungewöhnlich – aber seltener, je weiter oben man schaue. „Es gibt bereits eine große Anzahl von Gruppenführerinnen.“ Reiners sieht Ostfriesland trotzdem vorn: „Der Frauendurchschnitt in Ostfriesland ist landesweit der höchste.“ Nur noch wenige hiesige Einsatztrupps kämen ohne Frauen aus.

Anke Manott ist seit Ende 2017 Mitglied der Ortsfeuerwehr Ochtersum. Foto: Ullrich
Anke Manott ist seit Ende 2017 Mitglied der Ortsfeuerwehr Ochtersum. Foto: Ullrich

Der Umschwung ist eingeleitet. Nach und nach würden es mehr Frauen in der Wehr und damit irgendwann auch mehr in Führungspositionen, hofft de Freese. Sie sollen einfach Normalität werden. „Das muss wachsen. Es ist ein langer Weg.“ Sie weiß genau, wovon sie spricht: „Ich war selbst die erste und einzige Frau, 17 Jahre lang.“ In Hatshausen habe es lange nur sie „und 31 Männer“ gegeben. Frauen müssten ihre Sache immer gut machen. Das sei ein besonderer Ansporn für diejenigen, die sich auf das Abenteuer Brandschutz einlassen. Ihr habe das nichts ausgemacht. Sie sei mit zwei Brüdern aufgewachsen, verrät sie und lacht.

Kaum Ostfriesische Wehren noch ohne Frauen

Andere Mädchen und Frauen störten sich am zuweilen rauen Ton im Einsatz: Sind es in den Kinderfeuerwehren noch rund 40 Prozent weibliche Mitglieder, schrumpft ihr Anteil in der Jugendwehr auf 30 Prozent. Dabei tun weibliche Mitglieder den Wehren gut, unterstreicht Tanja de Freese. Sie sagt, der Umgang profitiere. Die Ochtersumer Wehr ist überdurchschnittlich weiblich aufgestellt: „Wir sind zehn Kameradinnen“, sagt Anke Manott. Bei 42 Aktiven. Das Gros der Frauen sei mit und nach ihr dazugestoßen.

Die pinken Haare sind ihr Markenzeichen, sagt Anke Manott. Foto: Ullrich
Die pinken Haare sind ihr Markenzeichen, sagt Anke Manott. Foto: Ullrich

Im Jahr 2017 forderte die Politik die Zwangsfusion der Feuerwehren Ochtersum mit der Feuerwehr Schweindorf. Damals waren die nur 29 Mitglieder gerade genug. Manott rüttelte das auf. Für sie ist klar: „Die Feuerwehr gehört ins Dorf.“ Sie trat in die Feuerwehr ein, obwohl Brandschutz davor nicht ihr Thema gewesen sei. Sie kam auf den Geschmack: „Es hat sich innerhalb kürzester Zeit zu einer Riesenleidenschaft entwickelt.“ Zielstrebig absolviert sie einen Lehrgang nach dem anderen. Bis hin zum Verbandsführer. Meist als einzige Frau, was sie bedauere. Als erste Frau stieß sie 2018 zur Technischen Einsatzleitung auf Kreisebene.

Anke Manott beschreibt sich als Teamplayer, als vorausschauend und kommunikativ. Sie ist selbstbewusst und weiß, was sie sich zutrauen kann: Eigene Grenzen „im Kopf“ habe sie dafür überwunden. Das Klettern oder Abseilen habe sie beim ersten Mal herausgefordert – heute ist es quasi Alltag. „Ich traue mir jetzt Sachen zu, die ich früher nie gemacht hätte.“ Auch ihre Söhne Melvin und Rouven, neun und zehn Jahre alt, brennen für die Wehr. Schnell sei klar gewesen, dass sie „irgendwann“ Ortsbrandmeisterin werden wolle. Jetzt aber ging es schneller als erwartet: Ihr Vorgänger Dieter Dirks verzichtete auf eine weitere Amtszeit. Manott rückte in den Fokus. „Meine Kameraden haben schnell gemerkt, dass ich keine Angst vor Verantwortung habe.“ Mangelnde Erfahrung war für Manott kein Grund zum Amtsverzicht: „Ich habe ganz viel Hilfe angeboten bekommen.“

Ähnliche Artikel