Soziales
So ist das Leben im Kinderheim
Fast 80 Emder Kinder leben derzeit in einem Kinderheim. In der Stadt gibt es so eine Einrichtung nicht. Wir haben uns die Einrichtung in Leer angeschaut und über den ganz normalen Alltag gesprochen.
Emden/Leer - Mit einem vielsagenden Blick berichtet Julia Köster von den Anrufen einiger Eltern: Ob man einmal mit den eigenen Kindern ins Kinderheim gehen dürfe, um ihnen zu zeigen, wie viel besser es sie doch zu Hause hätten und sie sich doch bitte benehmen sollten. Köster ist Geschäftsführerin des Ifi-Kinderheims in Leer und hat kein Verständnis für diese Eltern, die ihre Einrichtung als abschreckendes Beispiel für ihre Kinder verwenden wollen.
Was und warum
Darum geht es: Für viele Leute ist das Kinderheim ein Mysterium. Es existiert viel Unwissen.
Vor allem interessant für: Menschen, die sich dafür interessieren, wie Kinder aufwachsen, die aus ihren Familien entnommen wurden
Deshalb berichten wir: Im Jugendhilfeausschuss des Emder Rates wurde vor kurzem über Inobhutnahme gesprochen. Demnach leben 120 Emder Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien und fast 80 in Heimen. In Emden gibt es kein Heim, also haben wir uns das in Leer angeschaut. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Rund um Kinderheime gibt es offenbar viel Unwissen und die Negativ-Schlagzeilen der Vergangenheit haften ihnen noch an. „Das Wort Kinderheim ist kein guter Begriff mehr“, sagt Julia Köster. Er sei über die Jahrzehnte zu negativ besetzt worden. Neuere Einrichtungen würden daher bereits Wohngruppen heißen. Man überlege auch bereits, wie man das Heim umbenennen könne (Vorschläge an diese Mail-Adresse). Julia Köster und ihre Kollegin Renate Harms-Tapken, die Geschäftsführerin und pädagogische Leiterin ist, berichten im Gespräch mit dieser Zeitung, wie der Alltag in ihrer Einrichtung aussieht.
Kinder kommen aus ganz Deutschland
Diese biete heute 67 Kindern und Jugendlichen, die aus „problematischen Familien“ entnommen wurden, an mehreren Standorten Platz, so Harms-Tapken. 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betreuen diese rund um die Uhr. In Aurich gibt es eine Mädchen-Wohngruppe, in Strücklingen eine heilpädagogische Intensivgruppe und in Leer unter anderem die Schutzstelle Wegweiser, die im Notfall Kinder sofort aufnimmt, sowie mehrere Wohngruppen. Die Kinder und Jugendlichen kommen aus ganz Ostfriesland, aber auch unter anderem aus Bremen, Cuxhaven, Uelzen, Bochum und sogar Bayern, so Renate Harms-Tapken.
In den meisten Fällen wenden sich Nachbarn, die Schule oder die Eltern selbst an das Jugendamt, weil die Kinder Hilfe brauchen. Das Amt schaue dann, was die Familie brauche. Reicht schon eine ambulante Hilfe oder kann das Kind besser woanders untergebracht werden? Im „optimalen“ Fall bei der „geplanten Inobhutnahme“, wenn sich überforderte Eltern beispielsweise bei den Behörden melden, ruft das Jugendamt beim Kinderheim an und fragt, ob irgendwo Platz ist, erklärt Renate Harms-Tapken. Das betroffene Kind könne sich dann gemeinsam mit seiner Familie die Einrichtung anschauen und mit entscheiden, ob es sich dort wohlfühlen könnte. „Das Sorgerecht haben dann weiter die Eltern“, erklärt Julia Köster. Kinder könnten ihr Zuhause nach Wunsch auch besuchen. Es gebe aber eben auch Fälle, wenn ein Kind sofort aus der Familie raus und irgendwo untergebracht werden müsse.
Einige Kinder passen nicht in Pflegefamilien
Säuglinge und Kleinkinder wären eigentlich besser in einer Pflegefamilie untergebracht, aber: „Es gibt nicht genug Familien“, sagt Julia Köster. Es seien oftmals einfach keine Plätze mehr verfügbar. Und: Während es beispielsweise Zehnjährige gebe, die sich in einer Pflegefamilie wohler fühlen würden, gebe es auch Dreijährige, die für eine Pflegefamilie überfordernd wären. Man müsse sich vor Augen halten, dass diese Kinder „aus gutem Grund“ aus ihren leiblichen Familien entnommen wurden, so Renate Harms-Tapken.
Viele seien traumatisiert und dadurch aggressiv, verhaltensauffällig und auch selbstverletztend. „Das muss eine Pflegefamilie stemmen können“, sagt sie. Es gebe auch Fälle, bei denen Kinder aus den Pflegefamilien in Wohngruppen kämen. Julia Köster nennt das Beispiel eines Zwölfjährigen, der von seiner Pflegefamilie, ihrer festen Struktur und ihrem „Betüdeln“ vollkommen überfordert war. „Der Rahmen war zu eng“, sagt sie. Er hortete Essen, schwänzte Schule, zeigte auffälliges Verhalten. „Die Kinder wollen nicht ärgern“, betont Renate Harms-Tapken. Sie zeigten mit ihrem Verhalten nur, dass sie Dinge erlebt haben, die Kinder und Jugendliche eigentlich niemals erleben dürften.
Der ganz „normale“ Alltag
Die Wohngruppen seien heutzutage auf die jeweiligen Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen ausgelegt. Laut Regularien - Julia Köster spricht von einem aktuellen Regelwerk mit 14 Seiten - haben alle Kinder ein eigenes Zimmer in vorgegebener Größe. Badezimmer werden geschlechtsgetrennt geteilt. In der Wohngruppe Leer leben beispielsweise neun Jugendliche, die von einem Team an Mitarbeitern begleitet werden. Der Personalschlüssel sehe vor, dass wenigstens 5,3 Mitarbeiter auf acht Kinder und Jugendliche kommen, so Köster. Drei Mitarbeiter seien normalerweise über den Tag eingesetzt.
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Der „normale“ Tag sieht laut Renate Harms-Tapken so aus: Morgens klingelt der Wecker, das Frühstück wird von Mitarbeitenden vorbereitet und man isst gemeinsam. Dann geht es in die Schule, zum Ausbildungsplatz oder Job. Es wird gemeinsam zu Mittag gegessen, wonach es Lernzeit und Zimmerzeit gibt, so Köster. Ganz normal würden Freunde besucht, gehe es zum Sport oder ins Kino. Je nach Alter würden die Kinder dabei von Mitarbeitern begleitet und gebracht. Abends werde den jüngeren Kindern vorgelesen. In dem „Bezugsbetreuersystem“ sei auch verankert, dass die Kinder und Jugendlichen auch mal alleine mit einem Betreuer oder einer Betreuerin einen Ausflug machen, an die Küste fahren oder ins Restaurant gehen. Mit der Wohngruppe fährt man auch in den Urlaub.
In den meisten Fällen sei es normal, dass die Kinder und Jugendlichen bis zum 18. Lebensjahr in den Wohngruppen blieben und nicht mehr zurück zu ihren Familien oder in eine Pflegefamilie gingen, so Renate Harms-Tapken. „Hier werden sie ganz normal groß.“ Wenn der Schritt ins Erwachsenenleben dann bevorstehe, würden die Jugendlichen nicht einfach vor die Tür gesetzt. Es gebe Übungs-Wohnungen, über das Jugendamt könne eine Erstausstattung beantragt werden und auch ein Zuschuss für den Führerschein. Sie berichtet von einem Mädchen, die mit neun in die Einrichtung kam und nun als 21-Jährige eine eigene Wohnung und eine Ausbildung als Heilerziehungspflegerin anstrebt. „Das Kind ist flügge“, sagt Renate Harms-Tapken und man merkt ihr die Freude darüber an. Zu vielen ehemaligen Bewohnerinnen und Bewohnern habe sie noch Kontakt und verfolge die Lebensentwicklungen. Auch negative seien dabei - ein Abrutschen in die Drogen-Abhängigkeit etwa. „Wir können nicht alle retten“, sagt Julia Köster. Ihre Aufgabe sei es, Alternativen aufzuzeigen und Chancen zu ermöglichen.