Hamburg/Berlin
Warum feministische Außenpolitik das Leben jedes Menschen bereichern würde
Außenministerin Annalena Baerbock will eine feministische Außenpolitik betreiben. Was das bedeutet und warum man das Patriarchat zum Wohle aller zerstören sollte, erklärt Kristina Lunz vom „Centre for Feminist Foreign Policy“.
In diesem Artikel erfährst Du:
Wir leben in einer Welt, die von Männern im globalen Norden geformt, genormt und geführt wird. Das will Kristina Lunz nicht mehr hinnehmen. Die Feministin und Aktivistin ist Mitbegründerin des Centre for Feminist Foreign Policy und setzt sich für eine feministische Außenpolitik ein. Was sich hinter dem Begriff versteckt, warum der Zugang zu Trinkwasser und Gesundheitsversorgung wichtiger sind für die Sicherheit des Einzelnen als Panzer und wie sie sich vor „Activism Burnout“ schützt, erklärt sie im Interview.
Frage: Frau Lunz, in Ihrem Ende Februar erschienen Buch beschreiben Sie Ihren Wunschzettel für eine „zukunftsgerechte Außenpolitik“: Abrüstung, Exportstopp von Waffen, Zerschlagung militärisch-industrieller Komplexe, um nur einige der Themen zu nennen. Wie viel Hohn haben Sie dafür in einem Land enthalten, das ein Sondervermögen in Höhe von 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr lockermacht?
Antwort: Viel Hohn, wie auch viel Zustimmung. Die deutsche Gesellschaft ist sehr antimilitaristisch und die Mehrheit weder für Aufrüstung, noch für eine nukleare Teilhabe Deutschlands. Das heißt im aktuellen Kontext mit Putins Krieg in der Ukraine viel Hohn, aber auch Zustimmung aus dieser Haltung heraus.
Frage: In ihrem Buch beschreiben Sie, warum Deutschland eine feministische Außenpolitik braucht. Warum muss diese feministisch sein und nicht bloß anders?
Antwort: Feministische Außenpolitik versucht seit mehr als hundert Jahren, die Außenpolitik langfristig zu transformieren: Weg von militärischer Sicherheit hin zu menschlicher Sicherheit. In dem Bemühen bezieht sie sich auf die feministische Bewegung, die seit 250 Jahren gegen patriarchale Gewalt vorgeht. Diese patriarchalen, gewaltvollen Strukturen, die durch traditionelle Außenpolitik aufgebaut wurden, müssen abgebaut werden, damit wir zu einer Außenpolitik kommen, die die Lebensrealitäten und Bedürfnisse aller Menschen einbezieht.
Frage: Feministische Außenpolitik will also nicht nur die Situation von Frauen verbessern, sondern die Situation aller Menschen?
Antwort: Genau.
Frage: Welches Verständnis von Feminismus steckt dahinter?
Antwort: Ein intersektionales. Feminismus bezeichnet das Vorgehen gegen patriarchale Strukturen und intersektional, dass es nicht nur die Unterdrückung und strukturelle Gewalt gegen Frauen berücksichtigt, sondern weiß, dass diese Form der Gewalt und strukturellen Benachteiligung von Frauen mit anderen Unterdrückungsformen und struktureller Gewalt gegen People of Color, Menschen mit Behinderung oder die LGBTQI*-Community zusammenhängt.
Frage: In ihrem Buch schreiben Sie, dass das Verständnis des „Dreiklangs aus Misogynie, Androzentrismus und Patriachat“ maßgeblich sei, um das Buch zu verstehen. Könnten sie die einzelnen Begriffe und wie sie zusammenhängen bitte kurz beschreiben?
Antwort: Androzentrismus ist die Zentrierung der Perspektiven von Männern in Politik, Kultur - in unserer ganzen Gesellschaft. Wir wird davon ausgegangen, dass die Wünsche, Bedürfnisse und Lebensrealität von Männern für alle Menschen gelten. Misogynie bezeichnet den Hass oder die Verachtung von Frauen sowie den Versuch, Frauen im Privaten zu halten und sie aus dem öffentlichen Leben auszuschließen. Wenn Frauen ihre Freiheit einfordern, wird ihnen mit Gewalt begegnet. Patriarchat ist eine Gesellschaftsordnung, die sich aus beidem heraus speist, in der der Mann das Sagen in Staat und Familie hat und Männer im globalen Norden das Sagen weltweit.
Außenministerin Annalena Baerbock erklärt, warum feministische Außenpolitik wichtig ist:
Frage: Sie sind Mitgründerin des „Centre for Feminist Foreign Policy“ mit dem Sie auch ein Manifest für eine feministische Außenpolitik geschrieben haben. Dabei gehen Sie sowohl auf klassische außen- und sicherheitspolitische Themen ein, inkludieren aber auch Aspekte wie Klimagerechtigkeit, Migration oder Handelspolitik: Im Grunde fordern Sie, dass die Welt sich verändert. Wie viel Utopie steckt im Manifest?
Antwort: Richtig viel Utopie. Von einer feministischen Außenpolitik oder einer Außenpolitik, die alle Werkzeuge so einsetzt, das strukturelle Ungerechtigkeiten und Gewalt weltweit abgebaut werden - ob innerhalb von Staaten, zwischen Staaten, zwischen Geschlechtern, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und zwischen Menschen unterschiedlicher Sexualität - sind wir sehr weit entfernt. Stattdessen orientieren sich, innen- wie außenpolitisch, weltweit politische Entscheidungen an weißen, männlichen Standards. Das ist die androzentristische Sichtweise. Um zu dieser Utopie zu gelangen, muss sehr viel umgedacht werden. Wir haben mit diesem Manifest als Organisation und ich in meinem Buch versucht aufzuzeigen, was das alles bedeuten könnte. Utopie ist für mich ein positiver Begriff, der bedeutet, dass es ein Licht am Ende des Weges gibt, den wir gehen müssen, um zu dieser gerechteren Welt zu kommen.
Auf dem Instagram-Account der NGO werden Feministinnen vorgestellt:
Frage: Schmerzt es manchmal zu wissen, dass Sie das zu Lebzeiten nie erleben werden?
Antwort: Es ist sehr, sehr, sehr schade. Natürlich gibt es oft Momente des großen Frustes, wenn ganz große Ungerechtigkeiten bekannt werden. Täglich gibt es zig Beispiele von eklatanter Ungerechtigkeit und es schmerzt oft zu wissen, dass wir diesen gerechten Zustand nie erreichen werden. Gleichzeitig ist die Arbeit daran, dass besser zu machen, sehr hoffnungsgebend und kann dadurch Momente des Frustes neutralisieren, wenn man in seine eigene Wirksamkeit reinkommt.
Frage: Ist das Ihr Weg, nicht am „Activism Burnout“ zu erkranken?
Antwort: Mein bestes Mittel dagegen ist mein Coach, mit dem ich seit drei Jahren arbeite, und eine sehr gesunde Beziehung zu mir selbst. Aber auch genau zu wissen und die Zahlen zu kennen, wie ungerecht die Welt ist und nicht in eine blinde Naivität zu verfallen und zu denken, dass ich in meiner Lebenszeit alle Probleme beheben könnte. Manchmal Resignation, manchmal realistische Einschätzung, diese Mischung hilft.
Mehr über „Activism Buronout“ erfährst Du in diesem Video:
Frage: Grundlage von allem ist das feministische Sicherheitsverständnis. Was unterscheidet dieses vom gegenwärtigen Sicherheitsverständnis?
Antwort: Der gegenwärtige Sicherheitsbegriff beschränkt sich zu oft auf militärische Sicherheit. Es wird davon ausgegangen, dass wenn Grenzen sicher sind und wir ein starkes Militär, eine starke Polizei und starke staatliche Strukturen, es sicher ist. Aber fragen wir mal Menschen mit Migrationshintergrund oder People of Color, die werden oft nicht von staatlichen Strukturen oder Polizei geschützt. Auch die Verteidigung von Grenzen hält sehr viele flüchtende Menschen in Unsicherheit; militärische Sicherheit oder Aufrüstung hält die Mehrzahl der Menschen in Unsicherheit, nämlich diejenigen, die die Waffen selbst nicht bedienen. Jede Waffe mehr bedeutet mehr Todesopfer. Der feministische Sicherheitsbegriff ist eine Weiterentwicklung des menschlichen Sicherheitsbegriffs.
Antwort: Menschliche Sicherheit ist ein Konzept der Vereinten Nationen aus den 90ern, der erstmal sagt: Was die meisten Menschen sicher hält, ist nicht das Militär, sondern der Zugang zu Ernährung und Gesundheitsversorgung. Feministische Sicherheit ist da nochmal nuancierter, indem sie sagt: Das stimmt, gleichzeitig ist es so, dass unterschiedliche Bevölkerungsgruppen aufgrund der Unterdrückung durch Rassismus oder Sexismus nochmal andere Bedürfnisse haben. In meinem Buch habe ich beispielsweise ein Kapitel zu globaler feministischer Gesundheitspolitik, in dem ich erkläre, warum der Zugang zu Gesundheit für LGBTQI-Personen und Transpersonen vielfach schwieriger ist als beispielsweise für CIS-Frauen und Männer.
Frage: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass für ein feministisches Sicherheitsverständnis „patriarchale Strukturen innerhalb von Außen- und Sicherheitspolitik zerschlagen“ werden müssen. Wer soll das tun, wenn die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen derer Männer liegt, die von diesen Strukturen profitieren?
Antwort: Das war immer schon das Problem der feministischen Bewegung, weshalb die feministische Bewegung generell kreativ sein musste und multiple Strategien fahren musste, wie Strategien der Repräsentation und der fairen Verteilung der Macht. Es reicht nicht, wenn es weltweit mehr weibliche Außenministerinnen oder Botschafterinnen gibt. Es geht um Inhalte der feministischen Bewegung – wenn die von niemandem in Machtpositionen angenommen werden, ist der Bewegung auch nicht geholfen, weswegen diese multiple Strategie.
Warum Frauen in der Friedenspolitik so wichtig sind, erfährst Du in diesem Video:
Frage: Wie macht man Männer zu Feministen?
Antwort: Ich glaube, es ist in dem Moment, in dem man realisiert, wie ungerecht der Zustand der Welt ist - das allein in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch einen Partner oder Ex-Partner getötet wird, weltweit fehlen mehr als 100 Millionen Frauen aufgrund von geschlechtsbezogenen Abtreibungen oder Unterversorgung von weiblichen Föten oder dass die 22 reichsten Männer der Welt so viel Geld besitzen wie alle Frauen des afrikanischen Kontinentes zusammen. In der Sekunde, wo man die Fakten kennt, und Mensch ist, ob Mann oder Frau, der oder die nicht bereit ist, in einer ungerechten Welt zu leben, gibt es eigentlich keine andere Chance, als Feminist oder Feministin zu werden. Der Feminismus braucht Männer als Mitstreiter, aber Männer brauchen noch mehr den Feminismus, weil auch sie davon profitieren würden.
Frage: Stichwort Suizidrate, die bei Männern um ein vielfaches höher ist als bei Frauen.
Antwort: Genau. Die meisten Menschen, die ermordet werden, sind Männer, fast immer von männlicher Gewalt. Wenn man das weiß: Wie kann man sich dann dazu entscheiden, nicht feministisch zu sein?
Die feministische Bewegung kämpft seit mehr als 100 Jahren für Gerechtigkeit:
Frage: Um im System aufzusteigen und so die Chance zu haben, es von innen heraus zu verändern, müssen Frauen sich anpassen und nach den Regeln der Männer agieren. Sie haben sich dagegen entschieden und CFFP gegründet. Wäre es nicht leichter gewesen anzustreben, aufzusteigen und Institutionen Top-down zu verändern als Bottom-up als Aktivistin?
Antwort: Man muss sich selbst die Frage stellen, wie man zu sozialem Wand beitragen möchte. Für mich wäre es keine Option, weil ich das große Bedürfnis habe, in meinem Agieren und Sein täglich zum Abbau von Ungerechtigkeiten beizutragen und maximal frei im Denken und Handeln zu sein. Als Diplomatin wäre mir das nicht möglich. Da hätte ich einen Regierungskurs, den ich vertreten müsste. Das ist auf jeden Fall eine Option und ich habe ganz tolle Kolleginnen, die Diplomatinnen sind und die das System von drinnen ändern und eine großartige Arbeit machen. Das hat am Ende auch etwas mit persönlichen Präferenzen zu tun.
Svenja Schulze spricht sich für eine feministische Sicherheits- und Entwicklungspolitik aus:
Frage: In den drei maßgeblichen Ministerien Außen, Verteidigung und Entwicklung sind Frauen an der Spitze. Erkennen Sie bei Annalena Baerbock, Christine Lambrecht und Svenja Schulze nach den ersten 100 Tagen im Amt Ansätze einer feministischen Außen- und Sicherheitspolitik?
Antwort: Bei Annalena Baerbock und Svenja Schulze auf jeden Fall. Annalena Baerbock spricht bei Auftritten immer wieder von feministischer Außenpolitik und handelt auch danach, etwa als sie beim Amtsantritt in Ägypten den Export von Waffen in Verbindung mit der Frauenrechtslage gebracht hat oder exzellente zivilgesellschaftliche Expertise in der Klimaaußenpolitik durch Jennifer Morgan ins Auswärtige Amt geholt hat. Svenja Schulze redet viel davon, wie sie eine feministische Entwicklungspolitik machen möchte und wirkt dabei sehr authentisch und aufrichtig darin, dass sie echten Wandel betreiben will. Christine Lambrecht nehme ich als Person war, die zuhört, die empathisch ist und die ein feines Gespür für politische Entscheidungen hat.
Frage: Wenn Sie an jede der Ministerinnen eine Forderung stellen dürften, die sie in dieser Amtszeit umsetzen sollten, welche wären es?
Antwort: An Christine Lambrecht, dass sie sich mit den 100 Milliarden Sondervermögen für die Bundeswehr daran beteiligt, ihr Ministerium von Verteidigungs- zum Friedensministerium umzugestalten und auch in der Kommunikation klarmacht, dass Aufrüstung langfristig immer zu mehr Aggressionen führen werden. Wenn man davon ausgeht, dass Menschen eine Ambiguität-Toleranz haben, gehen militaristische Unterstützung für die Ukraine kurzfristig und eine Abrüstung mittelfristig gleichzeitig. Sie sollte klarstellen, dass Sicherheit viel größer gedacht werden muss als militärische Stärke und sich dafür einsetzen, dass es auch für Themen der menschliche Sicherheit Sondervermögen gebe.
Christine Lambrecht will sich für eine bessere Ausrüstung der Bundeswehr einsetzen:
Frage: Dann wäre sie auch eine Vertreterin einer feministischen Außenpolitik für Sie? Oder widersprechen sich eine feministische Außenpolitik und das Amt als Verteidigungsministerin?
Antwort: Das ist eine schwierige Frage. An sich sind Verteidigung und Aufrüstung einer feministischen Außenpolitik sehr entgegen gestellt. Gleichzeitig kann sie auch nichts dafür, dass sie eine Institution erbt, die seit Jahrzehnten so aufgebaut wurde. Aber auch innerhalb dessen könnte sie feministisch agieren wie beschrieben.
Antwort: Svenja Schulze werde ich Anfang April treffen und bin gespannt. Wenn sie das wirklich durchzieht und feministische Entwicklungszusammenarbeit machen möchte, Gelder verstärkt an feministische Zivilgesellschaft gibt und dieses post-koloniale Verständnis des Gebens und der Charity aufbricht in Solidarität und auch Entschuldigungs- und Vergebungsmomente einbaut, das fände ich gut.
Antwort: Von Annalena Baerbock bin ich total begeistert, wie sie das aktuell macht.