Düsseldorf

Max Liebermann: Vom malenden Revolutionär zum erfolgreichen Großbürger

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 29.03.2022 17:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Foto: Stefan Lueddemann
Foto: Stefan Lueddemann
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Max Liebermann gehört zum Inventar der Kunstgeschichte. Wirklich? Düsseldorf zeigt jetzt, warum Liebermann seinerzeit beim Kaiser aneckte. Der malende Großbürger als Sozialrevolutionär: Die These hat nur einen Schönheitsfehler.

Die Bäume und Stauden schieben sich wie duftige Wolken aus Grün und Blau, Rot und Gelb heran: Max Liebermann inszeniert den „Nutzgarten“ 1924 als Wirbel aus Farben mit dem Weg als einem weißen Band in der Mitte. Auf dem Weg harkt eine Frau mit Kopftuch den Kies. Das Bild wirkt auf den ersten Blick wie eine kleine Flucht aus jenem Alltag, den es doch dezent zeigt. Die Handarbeiterin im bürgerlichen Gartenidyll – sprechendes Detail eines malerischen Werkes, das vermeintlich einfache Menschen und ihre Arbeit mitten hinein holt in die Welt des schönen Scheins. Impressionist und Sozialrevolutionär: Max Liebermann, der Malerstar des Berlins der Zeit zwischen den Weltkriegen, machte aus Kunst ein Manifest.

Inzwischen ist der Künstler mit der Attitüde des erfolgreichen Großbürgers ein wenig in Vergessenheit geraten. Aus heutiger Sicht kaum vorstellbar: Max Liebermann (1847-1935) eckte mit seinen Bildern von Kartoffelbauern und Webern im Kaiserreich an. Kritiker attestierten seinen frühen, sozialkritischen Gemälden einen „Kultus des Hässlichen und Schmutzigen“. Sogar mit dem Kaiser geriet der Künstler aneinander. Als Provokateur gestartet, als Arrivierter angekommen: Der jüdische Maler, der das Elend der arbeitenden Klassen in seine Bilder holte, bewohnte später eine Villa am Wannsee, war direkter Nachbar von Kaufhausmagnaten und jenes Hauses, in dem 1942 im Zuge der Wannseekonferenz nationalsozialistische Funktionäre den Völkermord an den Juden beschlossen.

Im Düsseldorfer Museum Kunstpalast wird Max Liebermanns Geschichte jetzt noch einmal, nun aber unter anderem Blickwinkel erzählt. Liebermann ist hier nicht mehr der Akademiepräsident, Repräsentant der Weimarer Republik oder der waschechte Berliner mit trockenem Witz. Mit was er denn nun zeichne, mit hartem oder weichem Bleistift, wurde er einmal gefragt. Seine Replik: „Mit Talent“. Düsseldorf zeigt Liebermann nun als Maler der internationalen Verbindungen und Bezüge. Die Kuratoren haben seiner Bilder nun mit Gemälden anderer Meister von Rembrandt und Frans Hals bis Monet und van Gogh konfrontiert. Um es gleich zu sagen: Dieser Vergleich geht für Liebermann nicht immer gut aus.

Dabei beeindrucken vor allem seine frühen Bilder neu. „Hofecke in Weimar. Baufälliges Haus“: Ausgerechnet im Jahr des preußischen Triumphes im deutsch-französischen Krieg 1871 zeigt der 22 Jahre alte und noch ziemlich aufmüpfige Liebermann keine Reichsherrlichkeit, sondern deren schmuddelige Kehrseite. Kram und Müll in Schmuddeltönen – zu Liebermanns Zeiten ist das eine Schlag ins glatte Gesicht des guten Geschmacks. Der Maler lässt sich von der französischen Schule von Barbizon inspirieren, malt Arbeiter auf dem Feld und im Haus. Liebermann: Vor dem repräsentierenden Grandseigneur ist das der malende Sozialrevolutionär, der arme Weber ins Bild bringt, als wäre er der künstlerische Kompagnon von Künstlerin Käthe Kollwitz und Dramatiker Gerhard Hauptmann.

Eine Zeit lang ist Liebermann das sogar. Aber er folgt einem Weg, der nur bedingt mit dem der gleichzeitig explodierenden Moderne synchronisiert scheint. Für seine Porträts lernt von alten Niederländern wie Fans Hals, für seine Gartenbilder von Impressionisten wie Claude Monet. Der direkte Vergleich zeigt nun aber, dass Liebermann gerade gegenüber den französischen Impressionisten wie ein weniger perfekter Nachzügler wirkt. Düsseldorf bietet 120 Bilder Liebermanns auf und fügt sie zu einem sehenswerten Gesamtbild seines Werkes. Kleine Relativierung: Im letzten, den Wannsee-Motiven gewidmeten Saal sind keine wirklich guten Werke versammelt. Schade für eine derart ambitionierte Schau.

Düsseldorf, Museum Kunstpalast: Ich, Max Liebermann. Ein europäischer Künstler. Bis 8. Mai 2022. Di., Mi., Fr.-So., 11-18 Uhr, Do., 11-21 Uhr. Zur Information über die Ausstellung geht es hier.

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