Ausstellung

Heute wie 1945: Auf der Flucht brauchen die Menschen wenig

Nikola Nording
|
Von Nikola Nording
| 28.03.2022 19:36 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Heinz Hausschild, Oliver Freise und Dr. Barbara Magen stellten die neue Sonderausstellung im Heimatmuseum Leer vor. Foto: Nording
Heinz Hausschild, Oliver Freise und Dr. Barbara Magen stellten die neue Sonderausstellung im Heimatmuseum Leer vor. Foto: Nording
Artikel teilen:

Im Leeraner Heimatmuseum ist eine Ausstellung über Vertriebene nach 1945 zu sehen. Sie verrät viel über das Leben der Menschen aus Schlesien und Pommern. Doch die Schau hat auch einen sehr aktuellen Bezug.

Leer - Die Stimmung muss ausgelassen gewesen sein in den Heimatstuben der Geflüchteten aus Schlesien und Pommern. Es wurde in Dialekt gesprochen, gemeinsam Kaffee getrunken, Gebäck aus der Heimat genossen und an die dramatische Vertreibung von zu Hause erinnert. „Die Menschen konnten in diesen geschützten Räumen schwach sein und die traumatischen Erlebnisse aufarbeiten. In der Öffentlichkeit war das nicht gerngesehen“, sagt Dr. Barbara Magen vom Museumsverband für Niedersachsen und Bremen.

Was und warum

Darum geht es: Im Heimatmuseum ist eine Ausstellung zum Schwerpunkt Flucht und Vertreibung zu sehen.

Vor allem interessant für: Menschen, mit Angehörigen aus Schlesien und Pommern.

Deshalb berichten wir: Es ist die erste Sonderausstellung im Heimatmuseum seit zwei Jahren. Das Thema ist zudem wegen des Kriegs in der Ukraine sehr aktuell.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.nording@zgo.de

Die Organisation hat im Rahmen des Projektes „Herkunft.Heimat.Heute.“ die Wanderausstellung „Vom ihr zum wir. Flüchtlinge und Vertriebene im Niedersachsen der Nachkriegszeit“ erstellt. Die Schau ist Teil der neuen Sonderausstellung im Heimatmuseum Leer. Das Museums hat sie durch 70 Exponate, Dokumente und Fotografien erweitert, die auch die Situation in Ostfriesland und speziell im Landkreis Leer zwischen 1945/46 und 1955 beleuchten.

Beim Gang durch die Ausstellung bekommen Besucher einen guten Einblick davon, wie die Männer und Frauen aus Pommern und Schlesien nach Ostfriesland kamen und hier ihre Kultur weiterlebten. Zum Beispiel ist ein Kochbuch zu sehen. Aufgeschlagen ist ein Rezept für „Schlesisches Himmelreich“, ein Fleischgericht mit Bauchspeck und Trockenobst. Jedes Exponat erzählt eine Geschichte und weckt Erinnerungen. „Manche Gegenstände sind sehr schlicht, haben aber eine berührende Geschichte“, sagt Oliver Freise, Leiter des Heimatmuseums in Leer. Ein bisschen Zeit, um Texte zu lesen, müssen Besucher also mitbringen. Vergleichsweise wenig konnte Freise aus Leer selbst finden. „Hier gab es damals keine Heimatstube für Vertriebene. Die nächste war in Aurich“, sagt er. Dennoch habe man auch Erinnerungen und Exponate aus dem Landkreis Leer gefunden. Zum Beispiel eine Tasche von Ex-Landtagspräsident Horst Milde, der diese auf seiner Flucht von Breslau nach Holtland dabei hatte.

Papiere und Erinnerungen

Was Freise beim Zusammenstellen aufgefallen ist: Die Gegenstände, die Menschen für die Flucht mitnehmen, haben sich seit 1945 nicht groß geändert. Für die Ausstellung konnte er nämlich auch die Fluchttasche einer Frau aus Leer leihen, die 2015 aus Syrien floh. „Es sind immer Zeugnisse und Pässe, Kleidung und ein paar wenige Erinnerungstücke. Und bei den Kindern Spielzeuge“, sagt er. Nur ein Smartphone sei erst in den vergangenen Jahren hinzugekommen.

Freise geht davon aus, dass auch die Menschen, die derzeit aus der Ukraine flüchten, kaum andere Dinge dabei hätten. Durch den Krieg in der Ukraine habe die Ausstellung im Heimatmuseum eine traurige Aktualität erhalten, sagt er. Der Blick in die Geschichte und auf Ereignisse, die viele noch lebende Menschen als Zeitzeugen miterlebt haben und an die sich viele Betroffene noch erinnern können, ist gerade in der heutigen Zeit und angesichts der momentanen Situation von hoher Aktualität. „Wir haben uns gefragt, ob wir eine gedankliche und auch emotionale Verbindung von den Geflüchteten und Vertriebenen der Nachkriegszeit in die jüngere Vergangenheit und nicht zuletzt in die Gegenwart schaffen können. Noch nie haben wir uns mehr geirrt“, erklärte Heinz Hauschild, stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins Leer bei der Vorstellung der Ausstellung.

Die Sonderausstellung „Vom ihr zum wir. Flüchtlinge und Vertriebene im Niedersachsen der Nachkriegszeit“ ist noch bis zum 17. Juli zu sehen. Es ist die erste Sonderausstellung im Heimatmuseums nach zweijähriger Corona-Pause.

Ähnliche Artikel