Fischerei
Krabbenpulen mit Ultraschall: Forschungsprojekt startet
Wissenschaftler nehmen regionale Wertschöpfung der Krabbenfischerei an der deutschen Nordseeküste in den Blick. Eine Erfindung aus Ostfriesland gab den Anstoß dazu. Das Land fördert das Vorhaben.
Greetsiel - Die von Krisen geschüttelte Krabbenfischerei an der niedersächsischen Nordseeküste soll zukunftsfähig aufgestellt und nachhaltig gesichert werden. Das ist das Ziel eines Forschungsprojektes, für das an diesem Sonnabend in Greetsiel der offizielle Startschuss gegeben wurde.
Was und warum
Darum geht es: die Chancen für eine stärkere regionale Wertschöpfung der Krabbenfischerei und eine neuartige Krabbenpulmaschine
Vor allem interessant für: alle, die sich für die Branche der Krabbenfischerei interessieren, und diejenigen, die gerne Krabben essen
Deshalb berichten wir: In Greetsiel wurde am Sonnabend offiziell der Startschuss für ein millionenschweres Forschungsprojekt gegeben. Wir waren dabei. Den Autor erreichen Sie unter: h.mueller@zgo.de
Im Hafen des Krummhörner Fischerdorfes überreichte Niedersachsens Fischereiministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) zum Start einen Förderbescheid über rund 2,3 Millionen Euro an Projektpartner und das Thünen-Institut für Seefischerei in Bremerhaven, das die Federführung übernimmt. Das Geld kommt aus dem Corona-Sondervermögen des Landes.
Vom Fang bis zur Vermarktung
Bei dem Forschungsprojekt wollen Wissenschaftler und Fischereiexperten den gesamten Weg der Nordseekrabben vom Fang, über die Verarbeitung und die Vermarktung in den Blick nehmen und ausloten, wie die Chancen für eine stärkere regionale Wertschöpfung stehen. „Wir wollen die Krabbenfischerei auch widerstandsfähiger gegen Krisen machen“, sagte Otte-Kinast. Sie bezeichnete die Branche als „das Rückgrat der niedersächsischen Fischerei“. Es gehe darum, „Wege zu verkürzen und die die Fischer unabhängiger zu machen“, sagte auch die Krummhörner Bürgermeisterin Hilke Looden (parteilos).
Angestoßen wurde das Vorhaben durch eine Erfindung aus Ostfriesland: eine Krabbenschälmaschine mit Ultraschall-Technik, die Christin Klever aus Großheide vor gut fünf Jahren als Masterarbeit ihres Maschinenbau-Studiums entwickelte. Seit 2017 hatte die 35-Jährige zusammen mit ihrem Vater Günter Klever, einem Fischer, nach Möglichkeiten gesucht, die Technik aus dem Labor mit einem Prototypen im größeren Maßstab zu testen. Doch bei der Förderung der rund 800.000 Euro teuren Technik gab es immer wieder Rückschläge. Innerhalb des Forschungsprojektes könne der Prototyp nun binnen einen Jahres entstehen, heißt es.
Entwicklerin: Es ist ein gutes Gefühl
„Es ist ein gutes Gefühl, dass wir jetzt so weit sind“, sagte Christin Klever. Die 35-Jährige, die ihre Erfindung patentieren ließ und gemeinsam mit ihrem Vater eine Firma gründete, hatte lange darauf warten müssen. Beide verhandeln derzeit mit dem Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik über den Bau des Prototypen. „Ich hoffe, dass Ende dieses Jahres etwas zu sehen sein wird“, so die Großheiderin.
Bei dem von ihr entwickelten Verfahren brechen Stoßwellen des Ultraschalls die Chitin-Panzer der in einem Becken schwimmenden Krabben auf, ohne das begehrte Krabbenfleisch zu beschädigen. Nach einigen Minuten lassen sich dann Schale und Fleisch trennen. Andere Entschälmaschinen mit Messern oder Bürsten, die bereits existieren, arbeiten nicht so zuverlässig, dass sie bereits im großen Maßstab eingesetzt werden.
Neue Methode ist sehr vielversprechend
Nach Ansicht von Experten könnte die neue Maschine die Verarbeitung von Schalentieren revolutionieren. „Es ist die mit Abstand vielversprechendste Methode der letzten Jahrzehnte“, sagte Dr. Gerd Kraus, Direktor des Thünen-Instituts für Seefischerei, dieser Zeitung am Rande des Termins in Greetsiel. Die Maschine verfolge im Gegensatz zu anderen Entwicklungen „einen völlig neuen Ansatz“. Einer der Vorteile sei, dass sie auch Krabben unterschiedlicher Größe verarbeiten könne.
Auch die Krabbenfischer zwischen Ditzum und Sylt warten schon lange auf dieses Vorhaben. „Schade, dass es so lange gedauert hat“, sagte Dirk Sander, Vorsitzender des Verbandes der Deutschen Kutter- und Küstenfischer sowie des Landesfischereiverbandes Weser-Ems. Sollte es gelingen, Krabben maschinell im großen Stil in Norddeutschland zu pulen, könne dies die Fischer auch unabhängiger von den größtenteils niederländischen Großhändlern machen.
Es wird überwiegend in Marokko gepult
Der Großteil der an der deutschen Küste angelandeten Nordseekrabben wird zum Pulen per Hand bislang überwiegend nach Marokko transportiert. Grund sind vor allem die Lohnkosten. Umwelt- und Verbraucherschützer kritisierten die langen Transportwege immer wieder. Mit einer Maschine können wieder ein großer Teil der Wertschöpfung bei der Krabbenverarbeitung in Norddeutschland bleiben, hoffen Projektpartner und Fischer.
Konstruktion und Bau des Prototypen der Pulmaschine ist laut Projektleiter Dr. Ralf Döring vom Thünen-Institut der erste Schwerpunkt des auf drei Jahre angelegten Forschungsprojekts. Mit Testläufen wollen Forscher des Instituts und der Universität Göttingen auch die Wirtschaftlichkeit der neuen Schältechnik untersuchen. „Dabei wollen wir schnell Ergebnisse produzieren“, sagte Döring dieser Zeitung. Bei den Forschungen gehe es unter anderem um die Fragen, wie groß die Maschinen sein müssten und wo sie installiert werden können.
In einem weiteren Schritt wollen die Wissenschaftler und Fischereiexperten grundsätzlich die Zukunftsperspektiven der Krabbenfischer in den Fokus nehmen. Schließlich soll es in einem dritten Schwerpunkt des Forschungsprojektes um die Möglichkeiten der Vermarktung und die Preisgestaltung der in der Region entschälten Krabben gehen.
Die Krabbenfischer und das Prinzip Hoffnung
Spritpreise: Greetsieler Fischer bleiben zu Hause
Neues zur Krabbenpulmaschine aus Ostfriesland