Neue Gastro-Projekte
Bei Anruf Pommes: Lokale bedienen einen Trend
In diesen Tagen öffnen jeweils nach mehr als zweijähriger Pause zwei Traditionslokale in Rahe und Sandhorst. Wer glaubt, dass er jetzt verlässlich eine Adresse für seine Ausflüge hat, irrt gewaltig.
Aurich - Das Grün bricht aus den Zweigen, die Sonne lacht seit Wochen vom Himmel. Pünktlich zur Saison sollen in Aurich einige Ausflugslokale wiedereröffnen, die seit langer Zeit wegen Inhaberwechsels oder Sanierung geschlossen hatten. Das lässt die Hoffnung aufkeimen, auf einer Fahrradtour dort Station machen zu können. Unlängst war Kritik daran laut geworden, dass es zu wenig Gaststätten in der Periphere gebe. Das ist in doppelter Hinsicht bedauerlich: Es besteht kaum eine Möglichkeit, eine Erfrischung zu sich zu nehmen. Wer auf dem Weg eine Toilette aufsuchen muss, hat das Nachsehen: Man muss die Beine zusammenkneifen. Bei den Neueröffnungen könnte sich ein Trend abzeichnen, der in Großstädten sichtbar wird. Wegen vieler Unwägbarkeiten in der Gastro-Szene öffnen gastronomische Betriebe nur auf Bestellung. Kurz gesagt: Bei Anruf gibt es Pommes. Oder Steaks oder was auch immer.
Was und warum
Darum geht es: Zwei Traditions-Ausflugslokale eröffnen demnächst in Aurich.
Vor allem interessant für: Alle, die gerne bei einem Ausflug irgendwo einkehren wollen.
Deshalb berichten wir: Eine Radaktivistin hatte vor Wochen beklagt, dass es bei Radtouren zu wenig Einkehrmöglichkeiten gebe. Wir wollen schauen, ob sich daran jetzt etwas ändern wird. Die Autorin erreichen Sie unter: g.boschbach@zgo.de
Welche Lokale werden in diesen Tagen eröffnet? Das Traditionslokal Kukelorum an der Rahester Schleuse empfängt demnächst wieder Gäste. „Wir arbeiten auf Hochtouren an einem Neustart“, sagt Bärbel Birnbaum-Wermerßen. Die Inhaberin hat nach langer Suche mit Vera Rieken eine neue Pächterin gefunden. Zweieinhalb Jahre lang war das Kukelorum geschlossen. Vera Rieken kennt sich in dem Lokal gut aus. Die 53-Jährige hat bereits in der Küche ausgeholfen, als das Ehepaar Wermerßen, die Eltern der jetzigen Inhaberin, dort den Betrieb geführt hat. In dieser Zeit hat die Gaststätte ihren legendären Ruf gefestigt. Dieser geht auf die Ära von Hannes Flesner zurück. Der ostfriesische Liedermacher hat in der urigen Schänke häufig logiert und dem Kukelorum sogar einen Song gewidmet. Eine Art Liebeserklärung. Deren Refrain schmückt die Wände, die gerade frisch gestrichen worden sind. Hand haben Inhaberin und Pächterin auch an die Restaurierung der alten Möbel angelegt. Das Inventar der Küche wurde erneuert. Am Herd wird Vera Rieken erst mal alleine wirken. Auf die Frage danach, wie viel Personal eingestellt wurde, heißt es, dass die Pächterin zunächst darauf verzichte. Was die Öffnungszeiten anbelangt, hält sich Bärbel Birnbaum-Wermerßen noch bedeckt. Man müsse mal schauen.
Lokal als Liebhaberprojekt
Ähnlich vage äußert sich Bernhard Böden. Der Inhaber des traditionsreichen Sandhorster Kruges tastet sich zunächst vorsichtig in seine gastronomische Zukunft hinein. Der gebürtige Auricher verdient sein Geld als Unternehmer in Achim bei Bremen. Aus Liebhaberei hatte er die Gaststätte vor vier Jahren erworben und in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz umgebaut. Von der Frontseite – also von der Straße aus – ist kaum zu erkennen, was sich alles verändert hat. So gibt es unter anderem an der Rückseite einen verglasten Wintergarten mit einer Fläche von 160 Quadratmetern. Dort sind nach Aussage von Bernhard Böden bereits Feste ausgerichtet worden. „Gesellschaften haben wir bereits empfangen“, sagt er. Das Geschäft entwickle sich gut. Es gebe Dutzende Vorbestellungen. Für die Öffentlichkeit wolle man auf jeden Fall um Pfingsten herum öffnen. Auf die Frage nach regelmäßigen Öffnungszeiten hält sich der Unternehmer bedeckt. Man müsse Erfahrungen sammeln. Bereits vor drei Jahren beim ersten Gespräch mit dieser Zeitung hatte Böden auf die prekäre Personalsituation hingewiesen.
Die Lage hat sich durch die Corona-Pandemie noch mal verschärft. Fachkräfte zu bekommen ist schwerer denn je. Lieferketten müssen wieder aufgebaut werden. „Die Betriebe müssen mit spitzem Stift rechnen“, sagt Renate Mitulla. Die Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) in Niedersachsen fügt an, dass sich der Trend zur Bedarfs-Gastronomie verstärken werde. Das heiße, dass Betriebe nur nach vorheriger Bestellung für Gruppen öffnen würden. „Das ist zwar eigentlich nichts Neues. Ich denke etwa an den Landwirt, der am Wochenende seine Gastwirtschaft betrieben hat. Doch jetzt hat das einen anderen Hintergrund.“
Nach Zwangspause lädt das Kukelorum Vatertag wieder ein
Kukelorum hat einen neuen Pächter
Durch die besonderen Umstände der vergangenen zwei Jahre habe sich die Branche verändert. Sie sei coronabedingt nicht mehr so krisensicher sei, wie sie es Hunderte von Jahren lang war. Auch bei den Zulieferern gebe es Veränderungen und Strukturwandel. „Stellenweise muss ich schauen, ob die Brauerei so viel Fassbier, wie ich benötige, überhaupt liefern kann“, sagt Renate Mitulla. Mitunter falle es schwer, immer Durchhalteparolen bereitzuhalten. Sie sei aber zuversichtlich, dass sich die Situation im Frühjahr und Sommer bessere.