Energieversorgung
Spannung in Wilhelmshaven: Wie viel LNG kommt hier an?
In Wilhelmshaven herrscht gespannte Erwartung: Die Stadt könnte plötzlich zu zwei Terminals für Erdgas kommen, um Deutschland unabhängig von Russland zu machen. Bei einigen herrscht auch Entsetzen.
Wilhelmshaven/Hannover - Die Vorbereitungen für eine von Russland unabhängige Gasversorgung rücken Wilhelmshaven offenbar immer weiter in den Fokus. Hier könnten nach jüngsten Planungen sogar zwei Importterminals innerhalb kürzester Zeit installiert werden. So jedenfalls geht es aus einem Schreiben von Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hervor, das unserer Redaktion vorliegt. In beiden Fällen handelt es sich um schwimmende Terminals, sogenannte „Floating Storage and Regasification Units“ (FSRU).
„Nach intensiven Gesprächen freue ich mich, Ihnen mitteilen zu können, dass in Niedersachsen am Standort Wilhelmshaven kurzfristig zwei FSRUs sowie die entsprechende Anlandung und Weiterleitung des Gases realisiert werden können“, heißt es in dem Schreiben vom 22. März. Und weiter: Damit wäre Deutschland bereits im Jahr 2023 in der Lage, eine Kapazität von rund 20 Milliarden Kubikmetern LNG über den Standort Wilhelmshaven zu importieren, in das Gas-Fernleitungsnetz einzuspeisen und so abzutransportieren. LNG ist eine Abkürzung für Liquified Natural Gas, also verflüssigtes Erdgas.
Der Ministerbrief
Lies wird konkret und nennt die beiden möglichen Betreiber plus Daten zu Mengen und Zeitrahmen: Demnach könnte das FSRU-Projekt von Uniper bis Ende 2022 umgesetzt sein und neun Milliarden Kubikmeter LNG pro Jahr anlanden können. Das zweite FSRU-Projekt von Nord-West Oelleitung (NWO) könnte ab Herbst 2023 weitere neun Milliarden Kubikmeter pro Jahr ins Land holen. Die nötigen noch zu bauenden Gasleitungen zur Anbindung an das bestehende Gasnetz könnten bis Ende 2022 fertig werden.
Lies bringt auch weitere und etwas langfristigere Projekte ins Gespräch: ein weiteres Terminal des belgischen Unternehmens TES in Wilhelmshaven, ein Ammoniak-Projekt von Uniper sowie ein LNG-Terminal in Stade. Der Umweltminister regt an, „kurzfristig“ eine Vereinbarung zu unterzeichnen: „Diese sollte Zusagen für die FSRUs, die Unterstützung der Bundesnetzagentur beim Gasleitungsbau sowie zu einer erforderlichen anteiligen Finanzierung enthalten.“
FSRU und LNG
FSRUs sind schwimmende Anlandungsterminals für verflüssigtes Erdgas, also für LNG. Im Gegensatz zu stationären Terminals sind diese Einheiten deutlich schneller und kostengünstiger zu beschaffen und zu installieren. Es gibt weltweit bereits einige, man kann sie also entweder kaufen, chartern oder leasen. Diese schwimmenden Einheiten werden in der Regel fest an einem Hafen installiert, können aber eben auch wieder wegfahren. FSRUs nehmen das verflüssigte Erdgas von anlandenden Schiffen entgegen, die neben ihnen anlegen, und wandeln es wieder in seinen gasförmigen Zustand um.
Die Umwandlung des Erdgases hat praktische Gründe. Grundsätzlich kann es auf verschiedenen Wegen transportiert werden: Entweder in seinem Urzustand, also gasförmig, durch Leitungssysteme. Wenn es aber von weiter her kommt, von dort also, wohin es keine Leitungen gibt, muss es erst per Schiff transportiert werden. Da das Volumen des Gases zu groß für solch einen Transport ist, wird es per Abkühlung verdichtet. Konkret um das 630-Fache, dann ist es flüssig. Das Erdgas wird in flüssiger Form transportiert, am Anlandepunkt in seinen gasförmigen Zustand zurückverwandelt und ins Leitungssystem eingespeist.
Uniper
In Wilhelmshaven steht man jetzt in den Startlöchern. Und wartet: Bisher gebe es noch keinen Zuschlag vom Bund für das Terminal, heißt es auf Nachfrage beim Energieunternehmen Uniper. Die Beschaffung des schwimmenden Terminals sei allerdings kein Problem, wird noch betont. Das könne sehr schnell da sein.
Uniper betrieb zuletzt ein Kohlekraftwerk in Wilhelmshaven, das mittlerweile vom Netz gegangen ist. Das Unternehmen kann schon auf eigene LNG-Planungen zurückgreifen: Es hatte jahrelang ein eigenes Vorhaben zum Bau und zur Installation eines schwimmenden LNG-Terminals vor Wilhelmshaven vorangetrieben und dieses erst im November 2020 auf Eis gelegt. Es hatte sich als zu unwirtschaftlich herausgestellt.
NWO
Das Unternehmen Nord-West Oelleitung (NWO) ist eigentlich auf Öl abonniert. Sein Tagesgeschäft seit mehr als 50 Jahren: Umschlag, Lagerung und Durchleitung von Mineralöl. Nach eigenen Angaben wurden dort mittlerweile eine Milliarde Tonnen Mineralöl umgeschlagen und weitergeleitet. Damit sei man der bedeutendste Mineralölimporthafen Deutschlands. Aber auch hier stehen die Zeichen auf Veränderung: Zum Öl soll Gas kommen.
Nach Auskunft von Geschäftsführer Jörg Niegsch waren im Kreise der NWO-Gesellschafter – BP, Shell, Ruhr-Oel und die Holborn Raffinerie – schon 2020 Pläne für ein schwimmendes LNG-Terminal an der unternehmenseigenen Brücke südlich des Jadeweserports entworfen worden. Wie bei Uniper verschwand das Projekt allerdings wegen Unwirtschaftlichkeit wieder in der Schublade. Und wird nun wieder hervorgeholt. Auch Niegsch kennt noch keine konkrete Zusage vom Bund, sagt aber zuversichtlich: „Die NWO geht davon aus, dass das Projekt jetzt umgesetzt wird.“
Die Kritiker
Bei der Bürgerinitiative Klima-Allianz-Nordseeküste (KANS) in Wilhelmshaven reibt man sich derweil die Augen. „Ich hätte nicht gedacht, dass das LNG-Terminal wiederkommt“, sagt BI-Sprecher Rainer Büscher. Die Bürgerinitiative hatte die LNG-Pläne von Uniper in der Vergangenheit oft und heftig kritisiert, sich mit anderen Bürgerinitiativen vernetzt und auch die Deutsche Umwelthilfe mit ins Boot geholt. Man machte sich Sorgen um die Sicherheit einer solch schwimmenden Einheit und lehnte auch Erdgas als Energieträger ab. Als Uniper seine Pläne 2020 aufgab, war die Freude groß.
Jetzt will die BI wieder mobil machen. „Wir brauchen auch in dieser Situation keine LNG-Terminals“, sagt Büscher, und meint damit den Krieg in der Ukraine und die mögliche Lossagung vom russischen Gas. So schnell wie angekündigt werde es sowie nicht gehen. Das Geld, findet er, solle besser in die Energiewende gesteckt werden, also weg von fossilen Energien. Für Mai hat die BI schon jetzt eine Reihe von Veranstaltungen und Demonstrationen geplant.