Fußball
Kickers Emden hat nun einen Nationalspieler
Eine Überraschung folgt der nächsten: Gleich in erstem Fußball-Länderspiel für Sierra Leone durfte Ibrahim Sillah von Fußball-Oberligist Kickers Emden von Beginn an spielen. Kickers will derweil Platz eins erobern.
Emden - Der Donnerstag war für alle Kickers-Spieler ein ganz normaler Trainingstag – nur nicht für einen: Ibrahim Sillah. Zwei Stunden bevor seine Teamkollegen von Kickers Emden auf dem Trainingsplatz standen, erlebte der 26-Jährige rund 3000 Kilometer südöstlich einen ganz besonderen Moment. Er feierte im türkischen Antalya sein Debüt in der Fußball-Nationalmannschaft für Sierra Leone. Der Mittelfeldmann des Emder Oberligisten, der erstmals für die A-Nationalmannschaft seines Heimatlandes nominiert worden war, stand im Freundschaftsspiel gegen Togo (0:3) sogar in der Startelf. Während bei der Hymne vor dem Anpfiff die Lippen seiner meisten Mitspieler geschlossen blieben, sang Sillah inbrünstig, voller Stolz und mit der rechten Hand auf der linken Brust mit.
Im folgenden Spiel durfte der Kickers-Mann 82 Minuten mitwirken, ehe er beim Stand von 2:0 für Togo ausgewechselt wurde. In dem Moment schaute Ibrahim Sillah ziemlich verdutzt, wie auf Livebildern von der Partie, das auf der Plattform Youtube übertragen wurde, zu sehen ist. Als habe er nicht verstanden oder verstehen wollen, dass er das Feld verlassen sollte. So zog sich die Auswechslung Sillahs gut eine Minute hin.
Kickers-Spieler verfolgten Livestream
Zum Zeitpunkt dieser Szene begannen seine Mitspieler von Kickers Emden gerade mit dem Abschlusstraining für das an diesem Sonnabend (16 Uhr) anstehende Auswärtsspiel bei Arminia Hannover. Dieses wird Sillah aufgrund seiner Nationalmannschaftsreise logischerweise verpassen. Zwei weitere Partien stehen für ihn vor der Rückkehr nach Ostfriesland noch mit der Nationalelf des afrikanischen Acht-Millionen-Einwohner-Staats an. Am Sonntag geht es gegen Liberia und am Dienstag gegen Kongo. Es sind die letzten Testspiele für Sierra Leone vor den Qualifikationsspielen für den Afrika-Cup 2023 – und bei denen wäre Sillah selbstverständlich auch gerne dabei.
In seinem ersten Länderspiel hat der Muskelprotz jedenfalls eine „ganz gute Leistung“ gezeigt. Jene bescheinigt ihm jedenfalls sein Vereinstrainer Stefan Emmerling. „Einmal ist ihm der Ball unter der Sohle durchgerutscht. Aber ansonsten hat er sich wie gewohnt als Zweikampfmaschine präsentiert und den ein oder anderen guten Pass gespielt“, urteilt Emmerling. Der Emder Coach hatte sich die erste Halbzeit des Länderspiel-Debüts seines Spielers zu Hause auf dem iPad angeschaut, ehe er zum Training zum Kickers-Gelände fuhr. Dort war „Ibby“, wie Ibrahim Sillah von seinen Mitspielern gerufen wird, natürlich Thema. „Der ein oder andere Spieler von uns saß vor dem Training noch mit dem Handy in der Hand in der Kabine und hat sich den Livestream von ‚Ibbys‘ Spiel angeschaut“, berichtet Stefan Emmerling, der in Hannover bis auf Sillah auf alle Akteure zurückgreifen kann. Die sechs mit Corona infiziert gewesenen Spieler sind wieder dabei. „Natürlich steckt die Erkrankung noch in den Klamotten. Doch ich bin überzeugt, dass alle gute Leistungen bringen können“, sagt Emmerling.
Unser Tipp
Hannover – Emden 0:2. Ein Selbstläufer wird es beim Letzten der Aufstiegsrunde für Kickers gewiss nicht. Das Tabellenbild täuscht. Beim letzten Duell vor zwei Jahren war Kickers beim 1:3 chancenlos. Doch die Emder haben sich weiterentwickelt – und zeigen das in Hannover.
Sillah wird auf Instagram emotional
Bereits am Freitagnachmittag fuhr der Kickers-Tross mit zwei Bullis und weiteren Pkws gen Hannover, um dort am Folgetag ausgeruht antreten zu können. Zurück nach Ostfriesland soll es dann im besten Fall als Spitzenreiter gehen. Mit einem Sieg würde Kickers zumindest übergangsweise an Egestorf-Langreder und Lohne, die sich am Sonntag im direkten Duell gegenüberstehen, vorbei auf Platz eins der Oberliga-Aufstiegsrunde springen.
Live sehen, wie sich seine Mitspieler in Hannover ohne ihn präsentieren, kann Ibrahim Sillah jedenfalls nicht – auch wenn es das straffe Programm mit seiner Nationalmannschaft zulassen sollte. Denn beim SV Arminia ist keine Kamera am Platz installiert.
Mit Sillah selbst sprechen konnte unsere Zeitung nach seinem Länderspiel-Debüt noch nicht. Er sei gerade sehr mit seinem Team beschäftigt, schrieb der 26-Jährige. Über seinem Instagram-Profil gewährt er aber Einblicke in seine Länderspiel-Reise. Er postete in den vergangenen Tagen Bilder, die ihn mit Nationalelf-Kollegen beim Training oder im Kabinentrakt zeigen. Am Freitagvormittag lud er ein Mannschaftsfoto hoch – mit folgenden sachlich gehaltenen Zeilen (übersetzt ins Deutsche): „Nicht das Ergebnis, das wir erwartet hatten, aber wir werden uns neu formieren, als Team wachsen und uns darauf vorbereiten, bei unserer nächsten Begegnung zu glänzen.“ Wesentlich emotionaler äußerte er sich Tage zuvor auf Instagram: „Ich fühlte Schmerzen, ich schwitzte, ich aß Gras, ich gab alles. Es hat sich gelohnt. Ich fühle mich geehrt und stolz, die Nationalmannschaft von Sierra Leone zu vertreten. Gib deine Träume nicht auf.“