Gesundheit

Kommt der Feinstaub aus den Niederlanden?

| | 24.03.2022 19:42 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Seit Jahren kritisieren die Umweltschützer den Schadstoffausstoß in den Niederlanden. Archivfoto: Wagenaar
Seit Jahren kritisieren die Umweltschützer den Schadstoffausstoß in den Niederlanden. Archivfoto: Wagenaar
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Die Feinstaub-Belastung – seit Mittwoch im roten Bereich – nimmt in Ostfriesland weiter zu. Eine Initiative kämpft gegen Schmutz aus den Niederlanden. Hat er etwas mit der aktuellen Situation zu tun?

Ostfriesland - Nachdem die Feinstaub-Belastung in Ostfriesland am Mittwoch so hoch war wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr, hat sich der Wert im Laufe des Donnerstags noch einmal verschlechtert. Nach Angaben des Lufthygienischen Überwachungssystems Niedersachsen (LNÜ) befanden sich beispielsweise um 19 Uhr an der Emder Messstation in einem Kubikmeter Luft 59 Mikrogramm Feinstaub (PM10). Das ist gemäß den Daten des Umweltbundesamtes (UBA) der schlechteste Feinstaub-Wert seit April 2019. Und Bernd Meyerer aus dem Vorstand der Bürgerinitiative (BI) „Saubere Luft Ostfriesland“ fürchtet, dass sich die Situation in nächster Zeit noch verschlimmern könnte.

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Regelmäßig klagt die BI mit ihren niederländischen Partnern gegen Vorhaben von Industrie-Konzernen. Vor allem geht es um Emissionen, die im niederländischen Delfzijl in die Luft geblasen werden – direkt am Wattenmeer, direkt am Naturschutzgebiet, direkt vor Ostfriesland. Ende April wird die BI wieder in Groningen vor Gericht stehen – diesmal, um gegen die Genehmigung der vierten Müllverbrennungslinie der Anlage des Unternehmens EEW vorzugehen. Meyerer und seine Mitstreiter sind der Überzeugung, dass mit dem Wind regelmäßig Stickoxide und Feinstaube nach Ostfriesland getrieben würden. „Ist das Zeug aber erst mal in der Luft, lässt sich natürlich nicht 100-prozentig nachweisen, wo es herkommt“, sagt Meyerer.

Furcht vor noch mehr Feinstaub

Zwar müssten die Unternehmen melden, wie viele Schadstoffe sie ausstoßen, in der Luft vermischten sich die Partikel aber mit allen anderen – mit normalem Straßenstaub, mit Abgasen, mit Bremsstaub und so weiter. „Das heißt: Je schmutziger die Luft sowieso schon ist, desto sicherer kann ich mir sein, keine Verantwortung für meine Emissionen übernehmen zu müssen“,sagt Meyerer. Dazu komme ein weiteres Problem: „Mit einer neuen Regelung in den Niederlanden wird die Wirkung von Stickstoffemissionen nur noch in einem Umkreis von 25 Kilometern um neu zu genehmigende Industrieanlagen in der Umweltverträglichkeitsprüfung berücksichtigt.“ Alle Auswirkungen darüber hinaus spielten keine Rolle.

Der Umweltschützer befürchtet in diesem Zusammenhang die schnelle Genehmigung neuer Industrieanlagen in den Niederlanden – und damit mehr über den Dollart nach Ostfriesland wehende Schadstoffe. Kritisch sieht er auch das Verbrennen von Biomasse im Kohlekraftwerk in Eemshaven. „Bei der Verbrennung von Biomasse – also Holz – entsteht mitunter ein höherer Ausstoß von Feinstaub als bei der Verbrennung von Kohle“, sagt Meyerer von der Bürgerinitiative. Der Ausstoß ist in der Tat nicht zu unterschätzen: Laut Zahlen des UBA vom vergangenen Jahr übersteigt in Deutschland der Ausstoß von sogenannten Biomasse-Kleinfeuerungsanlagen mittlerweile alle Auspuffemissionen von allen Autos und Lastwagen zusammen.

Schwacher Wind aus Norden

Zumindest die aktuellen Immissionswerte scheinen nichts mit Partikeln aus den Niederlanden zu tun zu haben. „Ich kann das mit ziemlicher Sicherheit ausschließen“, sagt LÜN-Chef Dr. Andreas Hainsch der Redaktion. Er und der Deutsche Wetterdienst hatten die schlechte Luft am Mittwoch mit einer sogenannten Inversionswetterlage in Verbindung gebracht, bei der – vereinfacht gesagt – warme Luftschichten in großen Höhen ein Entweichen der Schadstoffe verhindern. Das aktuelle Hochdruckgebiet sorgt den Experten zufolge dafür, dass die Partikel in Richtung Erdboden gedrückt werden – und damit den Menschen gesundheitliche Probleme bereiten können.

Laut LÜN-Leiter Hainsch kommt zur Inversion noch der verhältnismäßig ruhige Wind hinzu – der ein ziemlich sicheres Indiz dafür sei, dass die Schadstoffe zumindest aktuell nicht aus den Niederlanden stammten. Der Wind sei schwach und komme aus der falschen Richtung, nämlich aus Norden. Sollte die niederländische Industrie verantwortlich für die hohe Feinstaub-Belastung in Ostfriesland sein, müsste er aus Westen kommen. Meyerer sagt, dass der beste Weg, um Feinstaub zu verhindern, ohnehin sei, das Auto möglichst oft stehen zu lassen – oder langsam zu fahren, wenn man auf das Fahrzeug angewiesen sei. „Das können wir alle tun, und das hilft nicht nur gegen die Luftverschmutzung, sondern auch gegen die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern aus Russland“, so der Umweltschützer.