Porträt
Wenn der Pastor nebenberuflich Bus fährt
Seit Kurzem betreut der Marcardsmoorer Pastor Martin Kaminski nicht nur eine Kirchengemeinde, sondern fährt auch auf einer halben Stelle Bus. Wie kriegt er beide Aufgaben unter einen Hut?
Marcardsmoor/Aurich - Abends, wenn die Dunkelheit sich übers Land gesenkt hat, tut der Marcardsmoorer Pastor Martin Kaminski zuletzt regelmäßig Dinge, die außer ihm in Ostfriesland wohl kein Geistlicher so macht: Er kurbelt noch einmal am großen Lenkrad eines fast 15 Meter langen Linienbusses, steuert ihn auf den Betriebshof der Auricher Kreisbahn „Jan Klein“ und rollt in Richtung Tank- und Waschstraße. Er zerrt am dicken Schlauch, füllt den Tank mit Diesel, damit der Kollege der Frühschicht direkt losfahren kann. Der 54-Jährige putzt die Frontscheibe und wirft schließlich die Waschanlage an. Danach sucht er dem Bus einen Parkplatz für die Nacht, schnappt sich einen Besen und fegt durch den Fahrgastraum. Schließlich soll der Bus am nächsten Morgen sauber sein. Auch das Fahrtenbuch führt er noch, steigt aus dem Bus, schließt ihn ab und bringt den Schlüssel in einen Tresor. Dann, ja dann steigt er in sein Auto und fährt heim.
Seit einigen Wochen ist Kaminski mehr als nur Pastor. Er ist auch auf einer halben Stelle als Busfahrer tätig. Hinters Steuer steigt er in aller Regel montags und donnerstags und dann zumeist im Spätdienst. „Meine Arbeitgeber bei der Kreisbahn kommen mir da dankenswerterweise wirklich sehr entgegen“, sagt er. Denn zuvor erledigt Kaminski oft noch Seelsorger-Aufgaben. „Am Montag etwa bin ich frühmorgens aufgestanden, habe dann die Tiere auf dem Hof versorgt, auf dem ich lebe, habe dann eine Stunde lang Mails beantwortet – etwa zum Radiogottesdienst vom Sonntag. Dann habe ich weitere Büroaufgaben erledigt, Telefonate mit Kirchenämtern geführt, war noch je eine Stunde auf zwei Altengeburtstagen, ehe ich ins Auto gesprungen und zur Kreisbahn gefahren bin, wo ich dann bis spätabends mit dem Bus unterwegs war“, sagt er. „Dass ich an den Tagen, wo ich Bus fahre, vorher einfach entspanne, kommt quasi nie vor. Es ist genug zu tun.“
Feierliche Wieder-Einführung am Sonntag
Dabei ist er selbst nur noch auf einer halben Stelle in der Kreuzkirchengemeinde Marcardsmoor Pastor. Er gebe trotzdem alles, um voll für die Menschen da zu sein. „Und wenn es Notfälle und Sterbefälle gibt, wenn jemand dringend Seelsorge und Begleitung braucht: Dann ist es ja akut. Notfälle kommen ja einfach, wie sie kommen“, sagt er. Kirchenvorsteherin Grete Reiners hatte vor Wochen schon bekundet, die Gemeinde stehe voll hinter ihrem busfahrenden Pastor. Am kommenden Sonntag wird Kaminski von der stellvertretenden Superintendentin Silke Kampen feierlich erneut in das Amt eingeführt, das er schon von 2017 bis Anfang vorigen Jahres bekleidet hatte. Seinerzeit war der Pastor auch noch mit einer halben Stelle in Wiesmoor eingesetzt. Die fest aneinandergekoppelte Stellenteilung mit dem Kirchspiel Wiesmoor gefiel aber weder ihm noch dem Kirchenvorstand in Marcardsmoor. Er wechselte zunächst nach Aurich-Oldendorf, wo er auch wohnt, sehnte sich aber nach Marcardsmoor zurück. Nach einigem Zank lenkte der Kirchenkreisvorstand ein und löste die Stellenkopplung.
Kaminski ist inzwischen wieder, wo er hinwollte – um aber finanziell über die Runden zu kommen, bewarb er sich bei der Auricher Kreisbahn als Busfahrer. Bereits früher war der 54-Jährige als Busfahrer bei einem Kölner Reiseunternehmen beschäftigt, fuhr etwa zehn Jahre lang in Bonn bei den Stadtwerken Bus – und auch, als er vor etwa zehn Jahren nach Ostfriesland kam und beim Kirchenkreis Leer in der Öffentlichkeitsarbeit und im Fundraising tätig war, lenkte der Geistliche noch einige Zeit nebenberuflich Busse im Stadtverkehr von Leer.
„Da mussten wir zweimal hingucken“
Bei „Jan Klein“ freute man sich über die Bewerbung des Pastors, sagt Firmenchef Jens Buß: „Unter unseren rund 70 Busfahrern haben wir einige Seiteneinsteiger. Von Schlachtern über Bäcker und quer durchs Handwerk. Aber einen Pastor hatten wir noch nicht. Da mussten wir auch zweimal hingucken, als wir die Bewerbung erhalten haben.“ Das sei schon sehr überraschend gewesen.
Buß weiter: „Uns kam seine Bewerbung sehr gelegen und ich finde das toll: Martin Kaminski hat Spaß an dem, was er tut, ist freundlich – und grundsätzlich ist wie in allen Berufskraftfahrt-Branchen auch für uns die Fachkräftesuche zuletzt schwieriger geworden.“ Eigenbewerbungen seien zuletzt merklich seltener geworden – auch wenn man versuche, durch eigene Ausbildung den sich abzeichnenden Mangel abzumildern. Der werde sich in den kommenden Jahren sogar noch verschärfen. Buß: „Viele unserer Fahrer sind bereits über 50 Jahre alt.“
Busfahren „ist wertvolle Arbeit“
Jünger ist auch Kaminski nicht. „Meine neuen Kolleginnen und Kollegen sind sehr nett und haben mich freundlich aufgenommen“, sagt er. Und die Aufgabe behagt ihm als Ausgleich zur Pfarrtätigkeit. „Ich bin gern geerdet, gern unter Menschen, mitten im Leben. Es ist ein verantwortungsvoller und sinnvoller Job. Man muss sich konzentrieren, aber man begegnet vielen Menschen, sieht viel von der Gegend – und kann je nach Route manchmal sogar an der Küste Pause machen und sieht dort, wenn man Glück hat, den Sonnenuntergang“, sagt er.
Zugleich glaube er, „dass der Job als Busfahrer in der Öffentlichkeit, aber auch in der Politik nicht die Wertschätzung erfährt, die er eigentlich verdient hätte. Denn das ist wertvolle Arbeit“, sagt Kaminski. „Die Fahrgäste freuen sich, wenn man nett zu ihnen ist.“ Das ist Kaminski an diesem Tag auch zu mehreren ukrainischen Flüchtlingen: Die bittet er am Busbahnhof in Leer vor der Rückfahrt nach Aurich auf Englisch in seinen 60-Sitzer – und hilft weiteren den richtigen Bus zu finden. Bis in die Nacht wird er den Bus durch die Gegend lenken und nach Feierabend zu Hause noch kurz durchschnaufen – ehe wenige Stunden später die Tiere und die Gemeindearbeit wieder dran sind.