Osnabrück

Tatort „Hubertys Rache“ aus Köln: So spannend wie lange nicht

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 23.03.2022 19:08 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Schenk (Dietmar Bär, vorn) bringt den Kollegen Ballauf (Klaus J. Behrendt) als Geisel an Bord eines Rhein-Ausflugsschiffes. Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost
Schenk (Dietmar Bär, vorn) bringt den Kollegen Ballauf (Klaus J. Behrendt) als Geisel an Bord eines Rhein-Ausflugsschiffes. Foto: WDR/Bavaria Fiction GmbH/Thomas Kost
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Spannung pur. Der Tatort „Hubertys Rache“ aus Köln ist zwar konventionell, aber einfach gut gemacht. Und bis zur letzten Minute spannend.

Der Tatort aus Köln wird in diesem Jahr gefühlte 100, tatsächlich aber erst 25 Jahre alt. Dennoch sollte man meinen, in 83 Folgen schon so ziemlich alles Kölsche erlebt und gesehen zu haben. Aber denkste – bislang spielte ausgerechnet der Rhein immer nur eine Nebenrolle. Meistens, wenn sich die Herren Kommissare Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) nach getaner Arbeit an ihrem Stammimbiss am Rheinufer noch einen Absacker gönnten.

Nun aber gibt es den ersten Kölner Tatort, der auf dem Rhein, genauer gesagt auf einem Rheinschiff spielt. Mehr noch: Zum ersten Mal hat das durchaus Tatort-erfahrene Kölner Ehepaar Eva und Volker A. Zahn die Vorlage für eine Folge geschrieben, die seiner Wahlheimat liegt: „Hubertys Rache“. All jenen, die beim Namen Huberty sofort an den legendären Kölner „Sportschau“-Moderator Ernst Huberty denken, sei allerdings gesagt: Die Legende des Sportjournalismus hat mit diesem Film rein gar nichts zu tun.

Und noch etwas: Es hat schon über 80 Tatort-Folgen aus Köln gegeben, nicht wenige waren gut, andere eher mäßig, aber dieser ist herausragend. Die packendste Folge seit „Franziska“, die Anfang 2014 wegen ihrer Dramatik erst nach 22 Uhr ausgestrahlt wurde. Und auf jeden Fall der spannendste Tatort bislang in diesem Jahr. Kein Experiment, keine Wundertüte, kein Lachsack, einfach nur ein richtig guter konventioneller Krimi.

Am Rheinufer wird die Leiche eines Mannes gefunden, der als Techniker auf dem Ausflugsschiff „Agrippina“ arbeitete. Doch noch während Ballauf und Schenk den Fundort sondieren, bahnt sich auf dem Schiff die nächste Eskalationsstufe an: Daniel Huberty (Stephan Kampwirt), ein ehemaliger Gymnasiallehrer kapert das Schiff kurz nach dem Ablegen, droht mit einer Bombe und einem Komplizen an Bord. Aus seiner Identität macht er kein Geheimnis – und fordert, dass fünf ganz bestimmte Personen zu ihm gebracht werden.

Der Mann steht vor den Trümmern seines Lebens. Nach einer Affäre mit einer 14-jährigen Schülerin wurde er wegen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen zu 18 Monaten Haft verurteilt und aus dem Schuldienst entlassen. Seine Frau ließ sich von ihm scheiden, zudem kündigte ihm der Vermieter einer Immobilie, in der Huberty Nachhilfeunterricht gab.

Die Staatsanwältin von damals ist zufälligerweise schon an Bord, jetzt will der Lehrer auch noch seine Ex-Frau und deren neuen Partner, die Mutter der Schülerin und den Vermieter auf dem Schiff sehen, um quasi in einem Schauprozess das Verfahren neu aufzurollen. Denn er ist überzeugt davon, dass ihm seinerzeit übel mitgespielt wurde und diese Menschen verantwortlich sind für die vermeintliche Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren sei.

„Daniel Huberty möchte Gerechtigkeit, so wie er sie interpretiert,“ erläutern Eva und Volker A. Zahn im Senderinfo ihren Drehbuchansatz. „Gesetze, Moral und die Empfindungen oder Ängste anderer Menschen blendet er dabei völlig aus. Es geht ihm allein um seine Agenda. Er fühlt sich gedemütigt, er ist ein Gekränkter, ein Abgehängter. Er hat seine bürgerliche Existenz und seine Reputation verloren, ein Mann, der mit dem Rücken zur Wand steht und sich von Mächten und Menschen erniedrigt fühlt, denen er nur mit einer spektakulären Aktion die Stirn bieten kann.“

Darin erkennen die Drehbuchautoren durchaus Parallelen zu Corona-Leugnern und Verschwörungsideologen: „Der ehemalige Lehrer gehört zu jenen Menschen, die es nicht ertragen oder akzeptieren, dass Regeln und Gesetze nicht exakt ihre ganz persönlichen Empfindungen, Bedürfnisse und Ansichten widerspiegeln.“ Dabei steht für sie fest: „Daniel Huberty wurde zu Recht verurteilt. Er hatte Sex mit einer minderjährigen Schutzbefohlenen. Was er als Liebe darstellt – und vielleicht sogar als Liebe empfunden hat – war Missbrauch.“

Rainer Piontek (Hannes Hellmann), den Vermieter, hat Huberty damals nie persönlich zu Gesicht bekommen. Der Mann ist extrem öffentlichkeitsscheu, es gibt keine Fotos von ihm im Internet. Darin erkennt Ballauf seine Chance: Er lässt sich gegen den Willen des Kollegen Schenk als Piontek zurechtmachen und auf die „Agrippina“ bringen.

Fortan entwickelt sich ein äußerst spannender und von Marcus Weiler großartig inszenierter Thriller. Natürlich hat man ähnlich gestrickte Thriller schon mehrfach gesehen – und doch kann man sich der Spannung von „Hubertys Rache“ kaum entziehen. Am Ende wird Schenk seinem Kollegen Ballauf sagen: „Mach das nicht noch mal, Max!“. Als Zuschauer möchte man entgegnen: Doch, bitte!

Tatort: Hubertys Rache. Das Erste, Sonntag, 27. März, 20.15 Uhr.

Wertung: 6 von 6 Sternen

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