Gesundheit
Feinstaub-Belastung in Ostfriesland im roten Bereich
Am Mittwoch war die Feinstaub-Belastung in Ostfriesland so hoch wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Laut Umweltbundesamt ist diese Konzentration schon stundenweise gesundheitsschädlich.
Ostfriesland - Am Mittwoch war die Feinstaub-Belastung in Ostfriesland so stark wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Mit zeitweise 52 Mikrogramm Feinstaub (PM10) pro Kubikmeter Luft wurde laut den Daten des Umweltbundesamtes (UBA) der Grenzwert von 50 Mikrogramm überschritten. Die Luftqualität lag damit stundenlang im hellroten Bereich – und damit in der zweitniedrigsten Kategorie „schlecht“. „Es können nachteilige Gesundheitseffekte bei empfindlichen Personengruppen sowie in Kombination mit weiteren Luftschadstoffen auch bei weniger empfindlichen Personen auftreten“, warnte das niedersächsische Umweltministerium. Für Asthmatiker sei ein „verstärktes Auftreten von Symptomen wahrscheinlich“, hieß es. „Empfindliche Personengruppen“ sollten körperliche Anstrengungen im Freien grundsätzlich vermeiden, andere Personen wenigstens längere.
Dr. Andreas Hainsch arbeitet beim Staatlichen Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim und ist dort Leiter des Lufthygienischen Überwachungssystems Niedersachsen (LÜN). Die Redaktion erreicht ihn, als er gerade unterwegs ist – und fragt, was es mit den hohen Werten auf sich hat. „Sie sind mir heute Morgen auch schon aufgefallen“, sagt der Ingenieur für technischen Umweltschutz. Die Werte seien in ganz Niedersachsen angestiegen. Aus den stündlich aktualisierten LÜN-Immissionswerten geht allerdings hervor, dass Ostfriesland mit maximal 52 Mikrogramm landesweit die schlechtesten Werte hatte, gefolgt von Messstellen in Hannover, Südoldenburg und an der Elbmündung mit höchstens 45 Mikrogramm („mäßig“). Hainsch führt das allerdings nicht darauf zurück, dass mehr Schmutz in die Atmosphäre gepustet wurde. „Es hat keine zusätzlichen Emissionen gegeben“, sagt der Experte. Schuld sei stattdessen das Wetter.
Schadstoffe sammeln sich unter „Topfdeckel“
„Wir haben eine relativ starke Inversionswetterlage“, sagt Hainsch. Die führe dazu, dass sich Partikel, die eigentlich in größere Höhen steigen würden, stattdessen in der bodennäheren Luft festsetzten – und damit unmittelbar dort, wo wir Menschen sind. Heißt: Zwar werde nicht mehr Feinstaub produziert, doch er sei konzentrierter. Hat das mit dem Saharasand der letzten Woche zu tun? „Eher nicht mehr“, sagt der LÜN-Chef. Das Problem habe sich im Norden inzwischen eigentlich erledigt. Jörg Deuber vom Deutschen Wetterdienst bestätigt, dass es in Ostfriesland eine Wetter-Inversion gibt – und erklärt, was das bedeutet: „Im Normalfall ist die Luft in größeren Höhen kälter als darunter. Bei einer Inversion tauchen aber plötzlich wärmere Luftschichten in großen Höhen auf – und die legen sich dann wie ein Topfdeckel über die kalte Luft.“ Das führe dazu, dass der Feinstaub nicht mehr entweichen könne und sich unter dem „Deckel“ sammle.
Ganz entscheidend sei das Hochdruckgebiet, das momentan unser Wetter bestimme, sagt Deuber. In einem Hoch habe man sinkende Luftmassen, die nun die Schadstoffe, die sich unter dem „Topfdeckel“ gesammelt hätten, noch weiter nach unten drückten. „Was wir jetzt unbedingt brauchen, ist Regen“, sagt der Wetterexperten. Dieser könne die Partikel an sich binden und die Luft so reinigen. Dass es in Ostfriesland aktuell aber keinen Niederschlag gebe, sorge dafür, dass beispielsweise durch den Straßenverkehr noch mehr Staub aufgewirbelt werde – auch verbleibender Saharasand, den Deuber auch jetzt noch als Problem erachtet. Dazu kämen beispielsweise Abgase, die nicht durch den Regen gebunden werden könnten. Im Grunde kämen in Sachen Feinstaub mehrere Faktoren zusammen, die sich durch die Inversion und das anhaltende Hochdruckgebiet verstärkten.
53.800 vorzeitige Todesfälle – im Jahr
„Es ist erwiesen, dass sich Feinstaub negativ auf den Gesundheitszustand des Menschen auswirkt“ – und zwar nicht nur dann, wenn sich an dessen Oberfläche krebserregende Kohlenwasserstoffe anlagerten, schreibt das UBA. Auch die Partikel selbst stellten eine Gesundheitsgefahr dar. „Die Feinstaubpartikel lösen Entzündungen und Stress in menschlichen Zellen aus“, so das Amt. Die langfristigen Effekte seien etwa Asthma, Bronchitis, Demenz oder Lungenkrebs. Schon eine stunden- oder tagelange Belastung führe zu Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen sowie Klinikeinweisungen aufgrund von Herz-Kreislauferkrankungen. Und: „Insgesamt führt Feinstaub zu einer erhöhten Sterblichkeit.“ In Deutschland führe die Europäische Umweltagentur für das Jahr 2019 insgesamt 53.800 vorzeitige Todesfälle auf eine dauerhafte Belastung mit Feinstaub zurück.
Die EU gibt die geltenden Feinstaub-Grenzwerte vor: So liegt der Tagesgrenzwert bei 50 Mikrogramm pro Kubikmeter, der in Deutschland jährlich nicht mehr als 35-mal überschritten werden darf. Der zulässige Jahresmittelwert liegt bei 40 Mikrogramm. Laut UBA wurden im vergangenen Jahr beide Werte nicht überschritten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat allerdings in Studien festgestellt, dass es keine Feinstaubkonzentration gibt, unterhalb derer eine schädigende Wirkung ausgeschlossen werden kann. Deshalb hat die WHO eigene Richtwerte ermittelt und festgesetzt: ein Tagesmittel von 45 Mikrogramm pro Kubikmeter und ein Jahresmittel von 15. Diese Werte kann Deutschland laut UBA derzeit nicht einhalten. Beim Tagesmittelwert haben im vergangenen Jahr 33 Prozent aller Stationen das Limit gerissen, beim Jahresmittelwert sogar 40 Prozent der Stationen – „sogar im ländlichen Hintergrund“.