Osnabrück

Martin Walser: Sprachgewandter Chronist der bundesdeutschen Mittelschicht

Stefan Lüddemann
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Von Stefan Lüddemann
| 23.03.2022 17:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
"Lit.Cologne Spezial" geht in die erste Runde Foto: dpa
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Sphinx vom Bodensee: Schriftsteller Martin Walser feiert am 24. März 2022 seinen 95. Geburtstag. Zu seinen größten Erfolgen gehören „Ein fliehendes Pferd“ und „Tod eines Kritikers“.

Nein, in seinen Romanen gibt es keinen Winzling, der sein Wachstum einstellt wie Oskar Matzerath in Günter Grass „Blechtrommel“, keine stille Dulderin wie die Leni aus Heinrich Bölls „Gruppenbild mit Dame“ und erst recht keinen widersetzlichen Siggi, den Siegfried Lenz seine „Deutschstunde“ als endlosen Besinnungsaufsatz schreiben lässt. Bei Martin Walser heißen die Helden Anselm Kristlein, Helmut Halm oder Karl von Kahn. Sie sind Studienräte, Immobilienberater, Angestellte, kurz, Repräsentanten bundesdeutscher Normallage.

Unspektakulär gleich unbedeutend?  „Es gibt keine Nebenpersonen auf der Welt“, sagt Walser und folgt seinen gebrochenen Helden in seinen inzwischen rund zwei Dutzend Romanen und zahllosen Erzählungen durch ihren scheinbar unauffälligen Alltag. Sein Gesamtwerk hat sich längst zu einer Analyse der Bundesrepublik verdichtet. Es ist Walser, gleichsam unter der Hand, zum eigentlichen Zeitroman Nachkriegsdeutschlands expandiert. Martin Walser ist, Grass, Böll, Lenz zum Trotz, sein wichtigster Chronist und mit jetzt 95 Jahren die letzte literarische Konstante eines Landes, dessen Wonnezeiten von Wirtschaftswunder und unbeschwertem Genuss langsam, aber sicher außer Sicht geraten.

Martin Walser, das ist der Autor von Erfolgsbüchern wie der mit Ulrich Noethen in der Hauptrolle verfilmten Novelle „Ein fliehendes Pferd“, Romanen wie „Angstblüte“, „Ein liebender Mann“ oder „Einhorn“. Walser stellt das Leben der Durchschnittsmenschen auf den Prüfstand, fühlt ihnen nach, wenn sie wie Anlageberater Karl von Kahn in „Angstblüte“ ihre Karrierekatastrophen schlittern oder wie Studienrat Helmut Halm in der „Brandung“ spüren, wie sie das Leben mit seiner unkalkulierbaren Vitalität überfordert. „Die Realität macht Seitensprünge“, brachte der Schriftsteller in seiner Erzählung „Die letzte Matinee“ diese Erfahrungen auf den Punkt. Ein typischer Walser, dieser Satz.

Luzid und perlend aber klingt Walsers Sprache ohnehin. Er bestrickt sein Lesepublikum zuverlässig als Wortmeister geschmeidiger Geläufigkeiten. Seine biegsamen Sätze funktionieren perfekt als Medium einer Wirklichkeitsbeschreibung, in der sich psychologische Einsichten und ironische Spitzen auf feinsinnigste Weise verschwistern. Walser entwirft keine weit gespannten Panoramen, als Erzähler folgt er seinen Figuren durch Mikrosituationen und ihre Doppeldeutigkeiten zwischen Komik und Kollaps. Mit „Ehen in Philippsburg“ gab Walser 1957 sein Debüt mit einer Geschichte über einen jungen Aufsteiger im Bürgermilieu. Bücher wie „Ein springender Brunnen“ (1998), „Ein liebender Mann“ (2008) oder „Das dreizehnte Kapitel“ (2012) markieren nur ausgewählte Positionen seiner Bestsellerfolge.

Die Liste wäre unvollkommen ohne den Roman „Tod eines Kritikers“, der 2002 einen der heftigsten Literaturskandale der Bundesrepublik auslöste. Literaturkritiker hatte Walser schon Jahrzehnte früher als „Lumpenhunde“ gescholten, aber nun ging es um die Frage, ob der Autor in seinem Roman den als Figur André Ehrl-König kaum kaschierten Marcel Reich-Ranicki ermorden ließ. Kritiker warfen Walser offen Antisemitismus vor. In die Kritik geriet der Schriftsteller auch nach seiner Dankrede für die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998 in der Frankfurter Paulskirche. „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule oder auch nur Pflichtübung“: Dieser Satz löste eine monatelange Debatte um den angemessenen Umgang mit der Erinnerung an den Holocaust aus – und setzte Walser ins Zwielicht.

Auch wenn Martin Walser in den sechziger Jahren gegen den Vietnam-Krieg protestiert und sich für die SPD Willy Brandts eingesetzt hatte – als moralische Autorität eignete er sich nie. Diesen Part überließ er Günter Grass und Heinrich Böll. Martin Walser blieb die Sphinx vom Bodensee, omnipräsent, aber nie festzulegen, erfolgreich, aber fern aller Gruppenbildungen, kritisch, aber niemals belehrend. Mochten seine Romanfiguren oft wie Personen wirken, die sich in ihrem Leben wie in einem schlecht sitzenden Anzug bewegen: Walser ist bis heute nicht nur ein überaus produktiver Autor, der mit „Das Traumbuch. Postkarten aus dem Schlaf“ gerade einen neuen Band vorgelegt hat, Walser ist auch sein eigenes Universum – aus lauter brillanten Texten.

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