Osnabrück

Schüler und Ukraine-Krieg: Hat Remarques Pazifismus ausgedient?

Ralf Doering
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Von Ralf Doering
| 23.03.2022 11:58 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Hohes Identifikationspotenzial hat Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Deshalb wurde der Roman bereits 1930 verfilmt; deshalb erreicht er bis heute die Schüler an deutschen Schulen. Foto: dpa / Bryan Smith; imago images / United Archives
Hohes Identifikationspotenzial hat Erich Maria Remarques „Im Westen nichts Neues“. Deshalb wurde der Roman bereits 1930 verfilmt; deshalb erreicht er bis heute die Schüler an deutschen Schulen. Foto: dpa / Bryan Smith; imago images / United Archives
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Wie reagieren Schüler auf die pazifistischen Botschaften in Erich Maria Remarques Roman „Im Westen nichts Neues“? Fest steht: Die pazifistische Botschaft kommt heute noch an.

Ja, natürlich ist der Krieg in der Ukraine Thema in der Angelaschule. „Viele haben Angst vor einer Eskalation“, sagt Janna Heinemeyer. Sie unterrichtet an dem Osnabrücker Gymnasium seit über dreißig Jahren Deutsch, und seit dreißig Jahren ist da Krieg ein Unterrichtsthema. Krieg ist das Mittel zum Zweck, um den Schülern Lyrik zu vermitteln, und natürlich zählt der Antikriegsroman schlechthin zum Unterrichtsstoff: „Im Westen nichts Neues“ von Erich-Maria Remarque. Ein Stoff, der die Schüler „emotional packt“, sagt Heinemeyer. Und das nicht erst, seit in der Ukraine der Krieg tobt.

Das deckt sich mit Beobachtungen von Thomas Schneider. Er leitet in Osnabrück das Erich-Maria-Remarque-Friedenszentrum, eine Einrichtung der Stadt, die sich gemeinsam mit der Universität Osnabrück um das literarische Vermächtnis des berühmtesten Osnabrückers kümmert. Ob sich das Rezeptionsverhalten der jungen Menschen mit den Jahren verändert hat? Schneider verneint die Frage.

„Remarques Romane berichten zwar von historischen Ereignissen – Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus, Flüchtlinge in den 30er und 40er Jahren“, sagt Schneider. „Aber er stellt das außerordentlich anschlussfähig dar, weil sich zwar die Umstände ändern, aber nicht die Probleme, die damit zusammenhängen.“ Und das Thema Krieg betreffe uns nicht erst, seit er geografisch so nahe gerückt ist. „Man sollte sich nicht in die Tasche lügen: Die Bundeswehr ist seit zwei Jahrzehnten in Kriegen und Konflikten im Einsatz, nur eben nicht hier, sondern in Afghanistan, in Mali, im Kosovo“, sagt Schneider. Das hat Folgen: „In jeder Klasse sitzt mindestens einer, der weiß was PTBS ist, das Posttraumatisches Belastungssyndrom, weil in der Familie jemand ist, der daran leidet.“ Und das meint Menschen, die vor Krieg geflüchtet sind, genauso wie Bundeswehrsoldaten, die traumatisiert vom Einsatz zurückkehren.

Ungeachtet dessen hat sich der Schulunterricht gewandelt. Zählten für frühere Schülergenerationen Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ und Bertolt Brechts „Mutter Courage“ zur Pflichtlektüre, ist mittlerweile „der Kanon enger und kleiner geworden“, sagt Christian Dawidowski. Er leitet an der Universität Osnabrück den Fachbereich Neuere Literaturwissenschaft und Literaturdidaktik. Damit ist er mit der Lehrerausbildung befasst und hat tiefe Einblicke in die Lehrpläne. Und die weisen halt beim Thema Krieg vor allem Remarques Klassiker aus. Immerhin: In diesem Jahr ist „Vor der Drachenwand“ von Arno Geiger Abiturstoff.

Doch auch neunzig Jahre nach der Erstveröffentlichung gibt es Argumente für Remarques Klassiker. Der Roman sei gut lesbar, und Dawidowski betont das „starke identifikatorische Potenzial.“ „Das gelingt heute ähnlich gut wie vor drei Jahrzehnten“, sagt er und bestätigt damit aus Forschersicht die Beobachtungen, die Schneider in Schulprojekten des Friedenszentrums macht, und Deutschlehrerin Heinemeyer im Regelunterricht. „Da fließen immer wieder mal die Tränen“, sagt sie.

Daneben legen die Schüler aber auch ein Bewusstsein für die aktuelle Debatten an den Tag. So stellen sich Schüler die Frage, warum Geflüchtete aus Syrien nicht so offen empfangen wurden, wie jetzt Flüchtlinge aus der Ukraine. Und noch eine Frage wird diskutiert, und das durchaus kontrovers: Die Wehrpflicht. Es gebe Schüler, die eine Notwendigkeit sehen und bereit sind, Wehrdienst zu leisten, während andere ihr Recht auf Ersatzdienst betonen, sagt Heinemeyer. Auch dass die Regierung 100 Milliarden Euro ins Heer investieren will, werten viele Schüler als richtig.

Aber wie verträgt das mit Remarques Pazifismus, der aus all seinen Büchern und Äußerungen spricht? Schneider sagt: „Remarques Position ist: Krieg ist ein Verbrechen gegen Zivilisation und Menschlichkeit, gegen alle Werte, für die Remarque steht.“ Aber bereits kurz nach der Veröffentlichung von „Im Westen nichts Neues“ habe Remarque einer Londoner Zeitung gesagt: „Wenn Westfalen überfallen wird, greife ich zu den Waffen“, zitiert Schneider. In einer Angriffssituation seine Heimat zu verteidigen, ist für Remarque nicht nur legitim gewesen, sondern notwendig. Während des zweiten Weltkriegs hat er daraus Konsequenzen gezogen: Jetzt schlage nicht die Stunde der Literatur, sondern die des Militärs, hat er sinngemäß gesagt und sich als Freiwilliger bei der US Army gemeldet. Er wurde allerdings als untauglich ausgemustert.

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