Prozessbeginn

Ein Doppelmord in Delmenhorst

F.-J. Höffmann
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Von F.-J. Höffmann
| 22.03.2022 17:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Der Angeklagte steht zu Prozessbeginn mit Handfesseln in einem Saal im Landgericht und bedeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner. Foto: Dittrich/dpa
Der Angeklagte steht zu Prozessbeginn mit Handfesseln in einem Saal im Landgericht und bedeckt sein Gesicht mit einem Aktenordner. Foto: Dittrich/dpa
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Ein 34-Jähriger soll im Oktober vergangenen Jahres in Delmenhorst zwei Menschen umgebracht haben. Bei der Tat ging es um Eifersucht und eine „verschmutzte Familienehre“.

Oldenburg - Mit einem entsetzlichen Verbrechen muss sich seit Dienstag die Schwurgerichtskammer des Oldenburger Landgerichts beschäftigen. Angeklagt wegen zweifachen Mordes ist dort ein 34 Jahre alter Mann aus Delmenhorst.

Er soll am 3. Oktober des vergangenen Jahres in Delmenhorst zunächst einen vermeintlichen Nebenbuhler und dann seine Ehefrau erstochen haben. Laut Anklage soll der 34-Jährige bei den Taten die Absicht gehabt haben, die Familienehre wiederherzustellen, die er durch eine vermeintliche Affäre der Getöteten beschmutzt sah.

Mann hat Tat vorher mit Verwandten besprochen

Gleich zum Prozessauftakt am Dienstag gestand der Angeklagte beide Taten. Als Motiv nannte er in einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung unter anderem Eifersucht. Er habe seine nach jesidischem Recht geheiratete Frau zuvor „angefleht“, den Kontakt zu dem anderen Mann zu beenden.

Was für den Angeklagten Ehre ist, erfüllt für die Staatsanwaltschaft, welche die Ehrenmorde sittlich auf unterster Stufe ansiedelt, das Mordmerkmal der niedrigen Beweggründe. Der Angeklagte hat demnach eine lange Haftstrafe zu erwarten. Im Vorfeld der Taten sollen sich unglaubliche Szenen abgespielt haben: Der Angeklagte soll sich zuvor mit zwei Brüdern und drei Cousins getroffen haben, um die fürchterliche Tat zu besprechen. Dann fuhr die Männer laut Anklage gemeinsam in eine Bar, wo sich der vermeintliche Nebenbuhler aufhielt.

Mann tötete Ehefrau vor der Tochter

Den 23-Jährigen tötete der Angeklagte dort mit 30 Messerstichen in Brust und Bauch, wofür er von seinen anwesenden Brüdern und Cousins gelobt worden sein soll. Anschließend fuhr der 34-Jährige zu der gemeinsamen Wohnung und stach dort vor den Augen der gemeinsamen achtjährigen Tochter 21 Mal auf seine Ehefrau ein. Die 27-Jährige starb zwei Tage später. Die kleine Tochter ist seit der Tat schwerst traumatisiert.

Der Bruder des Opfers rang auch knapp ein halbes Jahr nach der Bluttat sichtlich um Fassung. „Das ist schrecklich, was passiert ist. Ich kann das gar nicht in Worte fassen“, sagte er unter Tränen. Er nimmt als Nebenkläger an dem Prozess teil. Der Anwalt der Nebenklage, Matthias Koch, betonte, dass es zwischen dem vermeintlichen Nebenbuhler und der 27-Jährigen gar keinen Kontakt gegeben habe. „Aber selbst wenn es das Verhältnis gegeben hätte, rechtfertigt das nicht diese Tat“, sagte der Bruder der 27-Jährigen.

Verwandte bekommen eigenes Verfahren

Am Dienstag machte der Angeklagte über seinen Anwalt Wahnvorstellungen sowie Drogen- und Alkoholmissbrauch für sich geltend. Er höre Stimmen, habe tiefste Ängste, fühle sich verfolgt. Er habe mit einem Mordkomplott und mit einer Vergiftung durch seine Ehefrau gerechnet. Um die „Anschlagspläne“ gegen ihn endlich zu beenden, habe er am Tatabend den 23-Jährigen getötet.

Und auch seine Ehefrau habe sterben müssen, ließ der Angeklagte über seinen Anwalt erklären. Von Ehre war hier keine Rede mehr. Ob die geschilderten Wahnvorstellungen nun von dem eigentlichen Grauen ablenken sollen, bleibt abzuwarten. Der Angeklagte wird jetzt psychiatrisch begutachtet.

Sobald der Prozess gegen den 34-Jährigen Ende April dieses Jahres beendet ist, sind seine beiden Brüder und seine drei Cousins an der Reihe. Sie sitzen allesamt zurzeit in Untersuchungshaft und müssen sich im Sommer dieses Jahres wegen Beihilfe zum Mord vor Gericht verantworten. Sie sollen bei der Tötung des 23-Jährigen nicht nur zugeschaut, sondern den Angeklagten auch ermutigt haben. Nach der Bluttat habe einer der Cousins zu dem mutmaßlichen Täter gesagt: „Das hast du gut gemacht.“ Der Prozess, für den insgesamt sechs Verhandlungstage angesetzt sind, wird am 29. März fortgesetzt.

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