Serie „Wiesmoorer Köpfe“
Trotz Biss – Postbote Müller hat keine Angst vor Hunden
Seit 36 Jahren ist Karl-Heinz Müller Postbote. Wiesmoor ist sein Bezirk. Pro Woche werden in der Stadt rund 37.500 Briefe zugestellt – das ist nicht immer ungefährlich.
Wiesmoor - Karl-Heinz Müller kennt sich aus in seinem Revier: „Wenn das Tor zum Garten offen steht, kann man durchgehen. Dann sind die Hunde nicht da“, erklärt der Postzusteller. Es ist ein Zeichen für ihn, falls er ein Paket dabei haben sollte. In dem Fall deponiert er es – das ist vertraglich mit dem Empfänger vereinbart – regengeschützt auf der Terrasse. Und die Tour kann weitergehen, bis alle Wiesmoorer Haushalte in seinem Zuständigkeitsbereich an diesem Tag beliefert sind.
Angst vor Hunden, wie sie so vielen Zustellern nachgesagt wird, hat Karl-Heinz Müller übrigens nicht. Dass mal gebellt wird, wenn er kommt? Kein Problem, „dann hat sich der Hund wohl erschreckt“, weiß der 61-Jährige. Selbst der kleine Zwischenfall im vergangenen Herbst hat seine positive Grundeinstellung gegenüber Hunden nicht verderben können. „Der hat direkt zugebissen“, erzählt Müller. Kleine Fleischwunde, nichts Ernsthaftes – „und es war das erste Mal nach 36 Jahren.“
Rund 37.500 Briefe wöchentlich
So lange garantiert Karl-Heinz Müller schon, dass kleine und größere Postsendungen an die richtigen Adressen kommen. Am frühen Morgen werden die Pakete, Päckchen und Briefe im Zustellstützpunkt an der Hauptstraße für die insgesamt zwölf Wiesmoorer Bezirke sortiert. Danach bringen sie Karl-Heinz Müller und seine Kolleginnen und Kollegen zu den 7218 Wiesmoorer Haushalten. Pro Woche werden in der Stadt und ihren Ortsteilen rund 37.500 Briefe und 4900 Frachtsendungen verteilt.
Bis vor anderthalb Jahren war Karl-Heinz Müller – als letzter Zusteller in Wiesmoor – noch mit dem Rad unterwegs. Für Briefe und kleinere Päckchen funktionierte das gut. Größere Pakete kamen mit dem gelben Transporter. Zwei getrennte Arbeitsgänge also in jedem Wohngebiet, während heute „im Verbund“ zugestellt wird. Wie die meisten seiner Kollegen fährt Karl-Heinz Müller inzwischen mit einem elektrisch betriebenen „Streetscooter“, einem Elektrofahrzeug. Das noch etwas umweltfreundlichere Zweirad nutzt Müller jetzt „nur noch“ in der Freizeit – für häufige Ausflüge in die ostfriesische Landschaft.
Er liebt seinen Beruf
Das bewahrt zusätzlich Müllers starke Beziehung zu seiner Heimat. Aufgewachsen in Marcardsmoor, lebt er heute in Großefehn, hat im Dienst insgesamt sieben Zustellstützpunkte in Ostfriesland – etwa in Sande, Schortens, Hooksiel oder in Friedeburg – erkundet und wird auch in Zukunft bodenständig bleiben. In seinem Ruhestand will er sich verstärkt Garten und Enkelkindern widmen, aber auch seine Zeit weiter für ausgedehnte Radtouren, zum Beispiel ins Alte Land, nutzen.
Wann diese Zeit beginnt, hat er noch nicht endgültig entschieden. Er liebt seinen Beruf, das ist nicht zu übersehen. Marina Buss und ihr kleiner Sohn Ben wissen das zu schätzen: „Er fährt sogar noch mal zurück, wenn er uns mal nicht zu Hause angetroffen hat – und uns dann etwas später begegnet“, erzählt die junge Mutter. Wenn die Kunden so zufrieden sind, weiß der 61-Jährige wieder einmal, dass er Glück gehabt hat mit der Berufswahl. Wie damals, als er an Weihnachten noch ein großes Paket auszuliefern hatte. Ein Paket, das eigentlich ein paar Tage zu spät abgeschickt worden war; dessen Fehlen bereits Tränen verursacht hatte – und das schließlich mit bangen Kinderaugen empfangen wurde. Ohne Worte, nur ein sanftes Blinzeln, und alles war gut.
Was genau in dem Paket war, weiß Karl-Heinz Müller nicht. Wollte und will er auch nicht wissen. Das Postgeheimnis ist ihm immer absolut bindend und sinnstiftend gewesen. „Achtsamkeit“ nennt er sein Prinzip. „Man hat ja Dinge zu besorgen, die anderen Menschen gehören“, erklärt er. Manchmal versucht jemand, etwas über die Nachbarn zu erfahren: „Na hast du ihm wieder was Neues für den Garten gebracht?“, lautet dann die arglos daher kommende Frage. „Du hast es doch gesehen“, antwortet er dann; bleibt freundlich aber korrekt. Mit etwas Übung schafft man locker beides.
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