Soziales
Schon 107 Emder Familien bekamen „Kinnertied“-Besuch
Weil im März 2021 die Geburtsstation in Emden früher als erwartet geschlossen wurde, gab es ein großes Versorgungs-Vakuum. Durch einen „Kinnertied“-Besuch soll Familien jetzt früh geholfen werden.
Emden - Jetzt können wieder alle jungen Familien in Emden ganz früh nach der Geburt eines Kindes erreicht werden. Im Jugendhilfeausschuss des Emder Rates stellten Kaarina Siekmann und Juliane Seifert in der vergangenen Woche eine Bilanz des erst im Oktober gestarteten Programms „Kinnertied“ vor. Die Mitarbeiterinnen der evangelisch-reformierten Familienbildungsstätte Emden (Fabi) besuchen alle Familien in der Stadt, in denen ein Baby neu geboren wurde und die dem Besuch zustimmen. Von 150 angeschriebenen Familien mit Zuwachs seit Oktober öffneten 107 gerne die Tür für die beiden Fabi-Mitarbeiterinnen. Selten werde abgesagt und stattdessen eher wegen der Pandemie verschoben, so Kaarina Siekmann.
Was und warum
Darum geht es: Das Versorgungs-Vakuum, das sich durch die Schließung der Emder Geburtsstation gebildet hatte, schließt sich langsam.
Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder, die Kinder haben, bald Zuwachs bekommen oder sich Kinder wünschen
Deshalb berichten wir: Im Jugendhilfeausschuss wurde eine erste Bilanz zum „Kinnertied“-Besuch der Fabi gezogen. Die Autorin erreichen Sie unter: m.hanssen@zgo.de
Zum Hintergrund: Im März vergangenen Jahres war die Geburtstation im Emder Klinikum Monate früher als zunächst angekündigt geschlossen worden. Konnten junge Mütter und Familien sonst schon direkt im Krankenhaus von der Stadt erreicht und Hilfs- wie Beratungsangebote vorgestellt werden, war der erste Kontakt plötzlich eine große Herausforderung. Emder Babys werden nun in Leer geboren, in Aurich, Westerstede oder Oldenburg. Die Eltern melden sie im Standesamt der jeweiligen Stadt an und das fließt automatisch in die Einwohnerstatistik Emdens. Einen Kontakt zu den Familien aufzubauen und diesen gegebenenfalls in Notsituationen zu helfen, erwies sich damit als schwierig.
Schon früh Familien in Notlagen helfen
Jetzt bekommen alle Emder Familien, bei denen es neuen Zuwachs gibt, einen Willkommensbrief von Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos). Das Einwohnermeldeamt melde an die Stadt, sobald weltweit eine Emderin entbindet, sagte Thomas Sprengelmeyer, Leiter des Fachbereichs Jugend, Schule und Sport. In dem Schreiben von Kruithoff, das in mehrere Sprachen übersetzt ist, ist bereits der Termin für den „Kinnertied“-Besuch vermerkt. Passt dieser den Eltern nicht, dann können sie ihn bei der Fabi absagen oder verschieben. „Die Stadt hat mit dem Besuch nichts mehr zu tun. Dieser findet in einem geschützten Rahmen statt“, so Sprengelmeyer. Man habe sich bewusst für einen freien Träger entschieden, die Familien sollten nicht den Eindruck bekommen, dass sie von den Behörden begutachtet würden.
Die Resonanz sei sehr positiv, sagte Kaarina Siekmann. Bis zu 80 Prozent der Familien freuten sich über den Besuch, die Information sowie das Willkommens-Geschenk der Stadt. In dem Stoffbeutel befinden sich Kinderbücher zum Vorlesen, Spielsachen und auch ein Strampler mit dem Aufdruck „Herzlich willkommen Emder Küstenkind“. Der Strampler erfreue die Familien insbesondere, so Juliane Seifert. Es war ein sehr emotionales Thema für die Stadt nach der Schließung der Geburtsstation, dass - außer bei Hausgeburten - keine „echten“ Emderinnen und Emder mehr geboren werden.
„Wir sprechen mit den Eltern das Infomaterial durch“, erklärte Kaarina Siekmann. Individuell auf die Bedürfnisse der Familie zugeschnitten würden dann Angebote in Emden vorgestellt - etwa in der Villa am Ring (An der Großen Kirche 1), wo die Stadt Beratungs- und Hilfangebote zusammen gelegt hat. Viele Fragen würden bei den Besuchen gestellt, sagte Kaarina Siekmann. Wegen der Pandemie hatten viele vorbereitende Kurse und Gruppen nicht stattgefunden. Der Austausch mit anderen Müttern und Familien fehlte. Das betreffe alle Familien: „Von der Stadtvilla bis zur Blockwohnung“ werde die „Kinnertied“ geschätzt. Die jeweiligen Fragen würden aber zum Teil sehr unterschiedlich ausfallen. Familien, in denen die Muttersprache nicht deutsch ist, würden beispielsweise nach Sprachkursen fragen. Sozial schwächer gestellte Familien hätten teilweise Fragen zur Wohnsituation. „Es wird sehr früh mitbekommen, was den Familien fehlt“, lobte Abdou Ouedraogo, für die Grünen im Ausschuss, das Programm.