Corona

Pandemie-Baby: Vom Kreißsaal in den Lockdown

Stephanie Tomé
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Von Stephanie Tomé
| 19.03.2022 17:05 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Bene ist am 13. März 2020 geboren. An diesem Tag wurde bekannt, dass Deutschland in den Lockdown geht. Sein Leben hat sich dadurch anders entwickelt als das seiner größeren Schwester Lia, die noch ein Leben ohne Pandemie kennengelernt hat, sagt die Mutter Sabrina Harms. Foto: Tomé
Bene ist am 13. März 2020 geboren. An diesem Tag wurde bekannt, dass Deutschland in den Lockdown geht. Sein Leben hat sich dadurch anders entwickelt als das seiner größeren Schwester Lia, die noch ein Leben ohne Pandemie kennengelernt hat, sagt die Mutter Sabrina Harms. Foto: Tomé
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Die Welt scheint still zu stehen, als die Welt in den Lockdown geht. Bene Harms ist zu diesem Zeitpunkt erst wenige Tage alt. Ein Leben ohne Maske hat der heute Zweijährige nie kennengelernt.

Emden - Drei Tage vor dem ersten Lockdown lag Sabrina Harms in den Wehen. Es war ein Freitag, genauer gesagt der 13. März 2020. Ihr Mann Sven arbeitete den ersten Tag im Home-Office. Beide erfuhren an diesem Tag, dass die Kindergärten schließen sollten. Auch die Einrichtung, die ihre damals drei Jahre alte Tochter Lia besuchte, sollte montags drauf schließen. Es war der Tag, an dem bekannt wurde, dass Deutschland in den Lockdown geht. „Es herrschte eine ganz komische Stimmung“, erinnert sich Sabrina Harms, die am Nachmittag noch nicht wusste, dass sie wenige Stunden später im Kreißsaal liegen würde. Alle rätselten noch über diese neue Krankheit, die aus China nach Deutschland gekommen war. Und wohl kaum einer konnte sich vorstellen, wie sich das Leben in den nächsten Monaten verändern würde.

Was und warum

Darum geht es: Kinder, die während der Pandemie geboren wurden, kennen kein Leben ohne Maske. Was bedeutet das?

Vor allem interessant für: Eltern und alle, die sich für die Entwicklung von Kindern interessieren

Deshalb berichten wir: Der kleine Bene wurde am 13. März 2020 geboren - und damit an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass Deutschland in den Lockdown geht. Wir wollten wissen, wie sich sein Leben seitdem entwickelt hat.

Die Autorin erreichen Sie unter: s.tome@zgo.de

Als der kleine Bene am selben Tag um 19.40 Uhr im Auricher Krankenhaus das Licht der Welt erblickte, verbreitete sich das Virus gefühlt schneller als die Nachrichten darüber. Bald wurde klar: Die ganze Welt sperrt ab. Nicht nur Kindergärten und Schulen wurden geschlossen, auch die Cafés und Restaurants. „Wir hatten noch Glück“, sagt Sabrina Harms rückblickend. „Mein Mann durfte noch mit in den Kreißsaal und mich auch mehrere Stunden danach noch besuchen.“ Wenige Tage später änderte sich auch das.

Nach zwei Monaten das erste Mal einkaufen

Während sich in den Supermärkten die Regale mit Klopapier zunehmend leerten und Deutsche, die sich im Ausland befanden, zurückgeflogen wurden, verbrachte Familie Harms die ersten Tage zu viert zu Hause. In den eigenen vier Wänden in Uphusen spielte die Pandemie keine große Rolle – wenngleich der Besuch, der das Neugeborene sehen wollte, so gut wie ausblieb. Heute gehört die Maske für die Zweifach-Mama zum Alltag dazu. Auch die Kinder haben keine Berührungsängste damit. Sie setzen sie auch ihren Kuscheltieren und Puppen auf und gehen damit um, als handele es sich dabei um ein ganz normales Kleidungsstück. „Mein Sohn hat das Leben ohne Maske nie kennengelernt“, sagt Sabrina Harms während sie ihre Kinder dabei beobachtet. Es sei mit das erste gewesen, was er im Krankenhaus gesehen hat.

Es waren aber nicht nur die Masken, die das Leben der Familie veränderten. Kurse wie Babyschwimmen, Kinderturnen oder den Spielkreis konnte Bene nie richtig besuchen. Zwischenzeitlich gab es kurze Phasen, in denen das wieder möglich war. Doch dann kam schon der nächste Lockdown. Auch für die große Schwester war dies eine schwierige Zeit. Anfangs waren auch die Spielplätze noch gesperrt. Ihrer Tochter sei nur schwer zu vermitteln gewesen, warum plötzlich alles mit Flatterband abgesperrt war, sagt Sabrina Harms. Um sich die Zeit zu vertreiben, war die Familie viel mit dem Fahrrad unterwegs. Das Baby im Anhänger, die große Schwester auf ihrem neuen Fahrrad – so ließ sich der Alltag etwas besser ertragen.

Gesichter anders lesen

Was der zweifachen Mutter auffiel, war vor allem, dass ihr Sohn auf Gruppen mit Gleichaltrigen völlig anders reagierte, als sie dies von ihrer Tochter kannte. Die heute Fünfjährige hat einen richtigen Freundeskreis vor der Pandemie aufbauen können, den Bene so bis heute nicht hat. Das Zusammentreffen mit Kindern desselben Alters überforderte ihn. Er klammerte sich an seine Mutter und musste sich an die neue Situation erst einmal gewöhnen. Viele Menschen in einem Raum: Das war etwas, das Bene einfach nicht kannte. Heute ist das zum Glück anders, sagt Sabrina Harms.

Diese Erfahrung kann Melanie Krause bestätigen. Die Vorsitzende des Kita-Fachkräfteverbands Niedersachsen-Bremen hat als Erzieherin täglich mit Kindern im Krippen- und Kindergartenalter zu tun. Sie sagt, dass Kinder, die über einen längeren Zeitraum wenig oder so gut wie gar keinen Kontakt zu anderen Kindern oder auch Erwachsenen hatten, zunächst zurückhaltender sind und sich auf die Mutter oder den Vater fixieren. Vor allem jüngere Kindern könnten soziale Defizite aber schnell wieder aufholen. Etwas schwieriger sei dies, wenn das Kind schon älter ist.

Sabrina Harms glaubt außerdem, dass ihr Sohn sein Umfeld anders wahrnimmt als Kinder, die vor der Pandemie geboren wurden. „Ich habe das Gefühl, dass er die Mimik der Personen eher über die Augen einordnet.“ Trotz Maske könne der heute Zweijährige gut erkennen, ob jemand freundlich auf ihn zugehe oder eher nicht. Die Generation der Babys, die während der Pandemie geboren wurde, wächst eben damit auf, dass Menschen Masken tragen, sich mehrmals am Tag die Hände desinfizieren und Abstand halten. All das werde sicherlich auch weiterhin noch unseren Alltag prägen, glaubt Sabrina Harms. Doch nach zwei Jahren Pandemie freut sich die zweifache Mutter über etwas mehr Normalität, die jetzt in Aussicht ist.

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