Kindeswohlgefährdung

„Hinter jeder Tür kann ein Kinderschicksal lauern“

Nicole Böning
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Von Nicole Böning
| 18.03.2022 16:48 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Im Landkreis Aurich entwickeln sich die Zahlen der Kindeswohlgefährdungen entgegen dem Bundestrend. Foto: Armer/dpa
Im Landkreis Aurich entwickeln sich die Zahlen der Kindeswohlgefährdungen entgegen dem Bundestrend. Foto: Armer/dpa
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In Deutschland nehmen seit Jahren die Fälle von Kindeswohlgefährdungen zu. Auch in der Pandemie ändert sich daran nichts. Der Landkreis Aurich trotzt dem Bundestrend – weil der Schulstress abnimmt.

Aurich - Lilly Liebert ist eine zierliche Frau – voller Energie und mit einem vollen Zeitplan. Vor Beginn des Gesprächs klingelt ihr Handy mehrmals. Als sie eine Nachricht abhört, bricht die mittendrin ab – der Speicher ist voll. Lilly Liebert lacht und schüttelt den Kopf. Vieles läuft bei ihr zusammen, die Leiterin der Jugendhilfe im Landkreis Aurich muss für viele erreichbar sein, da kommt das schon einmal vor – aber das ist ein anderes Thema. An diesem Tag geht es um Kindeswohlgefährdung und darum, wie die Corona-Pandemie sich auf die Arbeit des Amts für Jugend und Soziales auswirkt.

Was und warum

Darum geht es: Die Zahlen der Kindeswohlgefährdungen nehmen deutschlandweit in der Pandemie zu – wie sieht es im Landkreis Aurich aus?

Vor allem interessant für: Alle, die mit Kindern zu tun haben.

Deshalb berichten wir: Inzwischen leben wir seit zwei Jahren mit der Pandemie – höchste Zeit, einmal nachzufragen.

Die Autorin erreichen Sie unter: n.boening@zgo.de

Denn deutschlandweit sieht es nicht gut aus: Die Jugendämter haben im Jahr 2020 bei fast 60.600 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Das waren rund 5000 Fälle oder neun Prozent mehr als im Vorjahr, meldet das Statistische Bundesamt. Die Kindeswohlgefährdungen haben damit im ersten Corona-Jahr 2020 den höchsten Stand seit Einführung der Statistik im Jahr 2012 erreicht. Bereits in den beiden Vorjahren war die Zahl schon deutlich um jeweils zehn Prozent gestiegen.

So sieht es im Landkreis aus

Die Frage: Zeichnet sich diese Entwicklung auch im Landkreis Aurich ab? Wie hat sich die Situation in der Corona-Pandemie entwickelt? Lilly Liebert hat sich vorbereitet und die aktuellen Zahlen des Landkreises herausgesucht. Sie schüttelt den Kopf. „Im Jahr 2020 hatten wir 125 Fälle von Kindeswohlgefährdung. In 116 Fällen haben wir die Kinder in Obhut genommen. Diese Zahlen liegt bei uns auf dem Niveau der Vorjahre“, sagt sie und deutet auf die nächste Spalte ihrer Tabelle: „Im Jahr 2021 waren es sogar nur 110 Fälle, davon 101 Inobhutnahmen. Die Zahlen gehen also sogar zurück.“

Es ist Lilly Liebert anzumerken, wie unwohl ihr beim Betrachten der Daten ist. Es widerstrebt ihr, über Kindeswohlgefährdungen auf der Basis von Zahlen zu sprechen. „Hinter jeder Zahl stecken Einzelschicksale“, sagt sie. Hinter jeder Zahl steckt auch viel Energie, die sie und ihre Kollegen aufwenden, um die Kinder und ihre Familie wieder zusammenzuführen. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, unter denen es den Kindern bei ihren Eltern besser geht.

Es hat sich viel getan

Oft ist auch vorab schon viel passiert: ambulante Hilfen, Nachmittagsbetreuung, Elternbesuchsdienst, Beratungsstellen. „Es gibt so viele Möglichkeiten, wie Familien sich helfen lassen können“, sagt Liebert: „Das Bild des Jugendamtes hat sich in der Außenwahrnehmung in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Mittlerweile kommen Eltern von allein auf uns zu, wenn sie merken, dass sie Hilfe brauchen.“ Angst müssen sie nicht haben, dass ihnen deshalb das Kind weggenommen wird. Bis so etwas passiert, haben die Mitarbeiter des Jugendamtes vieles versucht, um mit den Eltern Lösungen zu finden.

Auch wenn ein Kind in Obhut genommen werden muss, ist der Weg zurück immer offen. Mit den Eltern werden Ziele vereinbart: Was muss passieren, damit die Kinder wieder nach Hause dürfen? Halten sich die Eltern an die Abmachungen, ist der Weg frei. In vielen Fällen klappt das. Auch hierfür hat Lilly Liebert Zahlen mitgebracht. 2021 wurden 27 Kinder im Alter bis neun Jahre vorübergehend in einer familiären Bereitschaftsbetreuung untergebracht. 18 davon konnten wieder in ihre Familien zurückkehren. Auch von den 56 Zehn- bis 17-Jährigen, die in die Inobhutnahmestelle „Koje“ in Aurich aufgenommen wurden, kehrten 25 wieder zu ihren Eltern zurück. 2021 sind die Fälle der Kindeswohlgefährdung damit nicht nur zurückgegangen, es kamen auch deutlich mehr Kinder zurück in ihre Familien als im Vorjahr. „Aber das sind nur Zahlen“, sagt Lilly Liebert. „In jedem Einzelfall hätte es auch ganz anders ausgehen können, deshalb sagt eine Statistik nur wenig aus.“

Die Polizei hatte gemahnt

Sind ländliche Regionen wie der Landkreis Aurich also besser aufgestellt, um dem Druck einer Pandemie zu entgehen? Lilly Liebert hat ihren Kollegen Bernd Kühling dazugeholt, er leitet die Regionalteams des Kinder- und Jugendamtes in Aurich, Pewsum, Großefehn und Norden. Die halten den direkten Kontakt zu den Familien. Gemeinsam überlegen Kühling und Liebert, warum es in Aurich so viel besser aussieht als im bundesdeutschen Durchschnitt. Beide glauben nicht, dass weniger Fälle gemeldet werden, weil Schulen und Kindertagesstätten weniger Zugang zu den Kindern und Jugendlichen haben. „Die Polizei hat viele Ermahnungen herausgegeben, wachsam zu bleiben. Es ist aber einfach kaum etwas passiert“, so Liebert.

Auch der viele Platz und die große Zahl an Einfamilienhäusern im Landkreis Aurich halten sie für nicht ausschlaggebend. Dazu haben sie zu viel Berufserfahrung. „Hinter jeder Tür, kann ein Kinderschicksal lauern“, sagt Bernd Kühling: „Egal, wie gut eine Wohngegend ist. Es gibt so viele verschiedene Arten, einem Kind etwas anzutun.“ Psychische Krankheiten, Drogenkonsum oder Überforderung der Eltern seien oft Auslöser.

Schule macht Familien viel Stress

Deutschlandweit wurden im Jahr 2020 die meisten Verfahren wegen Vernachlässigung der Kinder eingeleitet – das waren allein 35.592 Fälle. Rund 21.000 Kindeswohlgefährdungen gehen auf psychische Gewalt zurück. Körperliche Misshandlung wurden in rund 16.000 Fällen festgestellt, sexuelle Gewalt mussten 3223 Kinder und Jugendliche erleben. „Was wir mitbekommen, ist, dass in der Pandemie vor allem der Stress wegen schlechter Noten und der Schule allgemein zurückgegangen ist“, sagt Bernd Kühling. Lilly Liebert nickt, die Erfahrung hat sie auch gemacht: „Die Schule und schulische Leistungen sind oft ein Streitpunkt in Familien.“ Da die Anforderungen zurückgefahren wurden, habe auch der Stress abgenommen. Kühling: „Das ist aus unserer Sicht einer der größten Faktoren für die zurückgehenden Zahlen im Landkreis.“

Susanne Hirschmann, Psychologin bei der Vertrauensstelle der Arbeiterwohlfahrt gegen Gewalt in Aurich, hat ähnliche Erfahrungen gemacht wie die Mitarbeiter des Jugendamts. Auch dort haben während der Pandemie nicht mehr Menschen Hilfe gesucht. Hirschmann: „Wir vermuten aber, dass die teilweise geschlossenen Kindertagesstätten und Schulen dazu geführt haben, dass Familien und Kinder nicht an uns weitergeleitet wurden.“ Ohne den persönlichen vertrauensvollen Kontakt sei eine solche Empfehlung nur schwer möglich.

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