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Totale Erschöpfung: Was Sie über Long-Covid wissen sollten

Marian Schäfer
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Von Marian Schäfer
| 17.03.2022 16:11 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Müde, antriebslos, völlig erschöpft: Frauen sind öfter von Long-Covid betroffen als Männer. Foto: dpa / Christin Klose
Müde, antriebslos, völlig erschöpft: Frauen sind öfter von Long-Covid betroffen als Männer. Foto: dpa / Christin Klose
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Die Corona-Inzidenz steigt in immer neue Höhen. Experten warnen auch wegen möglicher Spätfolgen der Infektion vor einer Durchseuchung. Lesen Sie hier wichtigsten fünf Fragen und Antworten zu Long-Covid.

Die Corona-Infektionen erreichen immer neue Höchststände. Zuletzt meldete das Robert-Koch-Institut knapp 300.000 Covid-19-Fälle. Experten wie der Münchner Virologe Oliver Keppler sehen die Entwicklung kritisch und warnen auch aufgrund möglicher Spätfolgen vor einer Durchseuchung der Gesellschaft: „Ein Aspekt, der häufig zu kurz kommt, ist Long Covid“, sagte Keppler zur Deutschen Presse-Agentur.

Zunächst einmal ist es der Begriff, der sich weitgehend in der Öffentlichkeit durchgesetzt hat – und im Folgenden auch in diesem Artikel verwendet wird. Er versammelt allerlei Symptome wie starke Erschöpfung, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Kurzatmigkeit oder der Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns, die noch Wochen und Monate nach einer Corona-Infektion fortbestehen können.

In der Wissenschaft allerdings steht „Long-Covid“ für Beschwerden, die Genesene noch bis zu zwölf Wochen nach der Infektion begleiten. Ab da an wird „Long-Covid“ zu „Post-Covid“. So klassifiziert zum Beispiel die Weltgesundheitsorganisation die Beschwerden.

Zuletzt veröffentlichte das Universitätsklinikum Tübingen Ergebnisse einer Long-Covid-Studie im Ärzteblatt. Demnach litten mehr als 46 Prozent der Patienten, die während ihrer Erkrankung ambulant (also etwa in Arztpraxen) behandelt worden sind, auch nach drei Monaten unter Langzeitsymptomen wie Müdigkeit und Konzentrationsstörungen. Bei Patienten, die so schwer erkrankt waren, dass sie in der Klinik behandelt werden mussten, waren es mehr als 72 Prozent. Laut ersten Ergebnissen der Mainzer Gutenberg-Covid-19-Studie berichten rund 40 Prozent der Genesenen von mindestens einem Langzeitsymptom.

Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen: Bei der Tübinger Studie handelt es sich wie bei vielen Untersuchungen um eine Befragungsstudie ohne Kontrollgruppe. Erfahrungsgemäß – so schränken die Forscher ihre Ergebnisse auch selbst ein – beteiligen sich daran eher Menschen, die Symptome haben. In einer Studie aus Großbritannien, die mit einer Kontrollgruppe arbeitete, klagten zum Beispiel 66 Prozent der Genesenen über anhaltende Probleme, während dies auch 53 Prozent derjenigen taten, die gar kein Corona hatten.

Die meisten Experten gehen davon aus, dass etwa zehn Prozent der Infizierten unter Long-Covid leiden. Bei ungefähr der Hälfte der Betroffenen sind die gesundheitlichen Probleme so groß, dass ihr (Arbeits-)Alltag stark eingeschränkt ist.

Nein. Wer einmal Herpes hatte, weiß das nur zu gut: Nach einer Erstinfektion verstecken sich die Viren quasi im Körper vieler Betroffener und tauchen – zum Beispiel in Stressphasen – wieder auf und sorgen für Probleme. Ein anderer Klassiker ist das Varizella-Zoster-Virus, das für Windpocken verantwortlich ist. Gut 20 Prozent der Genesenen leiden als Erwachsene an einer Gürtelrose.

Auch das Epstein-Barr-Virus ist tückisch, weil es nicht nur das Pfeiffische Drüsenfieber hervorruft, sondern im Nachhinein auch bei einem beträchtlichen Teil der betroffenen Kinder zu Symptomen des Chronischen Fatigue-Syndroms beziehungsweise der Myalgischen Enzephalomyelitits führen. 

Selbst Personen, bei denen eine Infektion symptomlos verlief, können Long-Covid entwickeln. Das zeigte zum Beispiel die Mainzer Gutenberg-Studie, aber auch andere, zum Teil noch nicht unabhängig geprüfte Studien. Trotzdem scheint die Schwere von Long-Covid durchaus mit der Schwere der Corona-Erkrankung zusammenzuhängen. Außerdem scheinen Frauen häufiger und Kinder eher seltener betroffen zu sein.

Jein. Zwar gibt es längst Rehabilitationszentren, die sich auf Long-Covid-Patienten spezialisiert haben. Die Ansätze, die bei schwer von Long-Covid betroffenen Patienten verfolgt werden, sind aber eher experimentell. So hilft manchen Patienten, die unter Sauerstoffmangel leiden (Corona kann unter anderem die Blutgefäße schädigen), eine Sauerstoffüberdruckkammer.

Ein Hoffnungsschimmer stellt für einige Long-Covid-Patienten zudem ein Medikament dar, das zurzeit am Universitätsklinikum Erlangen in einer klinischen Studie getestet wird: Mit dem ursprünglich als Herzmedikament entwickelten „BC007“ wurden dort zuvor vier Patienten experimentell behandelt.  

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