Politikerstreit
Ex-GFA-Mann wollte die Macht nicht teilen
Die Querelen in der GFA wegen des abtrünnigen Mitglieds Hermann Ihnen ziehen sich schon seit Monaten hin. Der Schirumer habe sich nicht an Beschlüsse gehalten, heißt es. Es gibt noch deutlichere Worte.
Aurich - Sie, Heidrun Weber, oder er, Hermann Ihnen? Wer wird mehr Einfluss bekommen? Das stand offenbar hinter dem Konflikt bei der Wählergemeinschaft Gemeinsam für Aurich (GFA) um das abtrünnige Mitglied Hermann Ihnen, der sich mit seiner Fraktionskollegin Heidrun Weber über die Verteilung der Ausschüsse hätte einigen müssen. Der 80-Jährige hatte am vergangenen Freitag überraschend die Kündigung seiner Mitgliedschaft bei der GFA mitgeteilt. Damit war der Schirumer einem Ausschluss aus der Wählergemeinschaft zuvorgekommen. Der Ratsherr selbst begründete das im Gespräch mit dieser Zeitung damit, dass die kurzfristige Absage seiner Teilnahme an GFA-Vorstandssitzungen der Grund dafür gewesen sei.
Wie glaubwürdig ist Hermann Ihnen?
Die Erklärung von Hermann Ihnen sei durch die Satzung nicht gedeckt, sagte Hans-Gerd Meyerholz vom GFA-Vorstand. Keine Wählergemeinschaft und keine Partei würde ein Mitglied wegen einer solchen Lappalie ausschließen. Tatsächlich habe sich Hermann Ihnen nicht an Absprachen gehalten.
Was war geschehen?
Am 26. Januar habe er sich mit Heidrun Weber und Hermann Ihnen getroffen, um die Sitze in den Ausschüssen festzulegen, sagte Konrad Madena auf Anfrage. Der Vorsitzende der GFA sprach davon, dass Ihnen sowohl seinen Anspruch auf Fraktionsvorsitz als auch auf den Sitz im Verwaltungsausschuss (VA), dem nach dem Rat wichtigsten Gremium der Politik, geltend gemacht habe. „Der Vorstand wollte aber, dass auch Heidrun Weber als langjähriges Mitglied ausreichend berücksichtigt wird“, so Madena.
Warum war Hermann Ihnen überrascht?
Also habe er so lange interveniert, bis sich Hermann Ihnen mit einem Kompromiss einverstanden erklärt habe: Dass Heidrun Weber den Sitz im VA und Ihnen den Fraktionsvorsitz erhält. Auf diese hart errungene Lösung habe man erst mal einen Sekt getrunken, so der GFA-Chef. Doch noch am selben Abend, nämlich eine Stunde nach Ende der Sitzung, habe Hermann Ihnen sein Einverständnis per Mail widerrufen. Damit nicht genug: Am 3. Februar habe er dann seine Vorstellung von der Sitzverteilung ohne Rücksprache dem Bürgermeister mitgeteilt. „Damit hatte er das Vertrauen der GFA schwer belastet“, stellte Konrad Madena klar.
Die beiden folgenden Vorstandssitzungen hat Hermann Ihnen nicht besucht. Auf einer davon wurde sein Ausschluss beschlossen. Den nahm der Vorstand jedoch bei einer Anhörung von Hermann Ihnen zurück. Nur Heidrun Weber sprach sich dafür aus, dass der Schirumer gehen solle. Der war deswegen so überrascht, dass er selbst die Mitgliedschaft gekündigt hat. „Eine produktive und harmonische Zusammenarbeit mit einer Person, die für meinen Ausschluss votierte, halte ich für nicht realisierbar“, sagte Ihnen am Sonntag. Am Dienstag war er für einen aktuellen Kommentar telefonisch nicht erreichbar.
Wie sieht Heidrun Weber den Streit?
Heidrun Weber war für Hans-Gerd Meyerholz im Januar nachgerückt. Der Auricher hatte wegen Arbeitsüberlastung sein Stadtrats-Mandat niedergelegt. „Damals bin ich ins kalte Wasser geworfen worden“, sagte die 54-Jährige. Sie sei aber guten Mutes, dass sie sich einarbeite. Was Hermann Ihnen angehe, sprach sie von einem „Vertrauensbruch“. Konkreter werde sie sich dazu nicht äußern. Sie räumte aber ein, dass dahinter ein „Männer-Frauen-Ding“ stehen könne. Sie werde bei ihrer Arbeit im Rat einen Schwerpunkt auf die Umweltpolitik legen: „Da muss in Aurich noch viel passieren.“ Der Umweltausschuss sei auch der einzige, der für die GFA noch verblieben sei, wenn auch nur mit beratender Stimme.
Hat ein „alter, weißer Mann“ die GFA atomisiert?
Von der GFA, die noch in der vergangenen Sitzungsperiode, vier Mandate hatte, ist aktuell nicht viel übriggeblieben. Durch sein Verhalten lässt Hermann Ihnen an das Klischee der „alten, weißen Männer“ denken, die seit dem aufsehenerregenden, gleichnamigen Buch von Sophie Passmann ein geflügeltes Wort sind. In einer Besprechung des Werks im Deutschlandfunk heißt es: „Die alten, weißen Männer genießen aufgrund von Hautfarbe und Geschlecht gewisse Privilegien, wollen sich das aber nicht eingestehen und verhindern so Wandel und Fortschritt. Es ist keine Frage des Alters, aber eine des Verhaltens.“ Das heißt, dass die Männer nicht tatsächlich alt sein müssen. Es sei nur eine bestimmte Haltung, die dazu führt, dass Frauen sich nicht wohlfühlen. „Man fühlt sich herabgesetzt, man fühlt sich nicht ernst genommen, man fühlt sich jovial belächelt. Und es war meine Aufgabe, all diese Dinge textlich und literarisch herauszuarbeiten“, wird Sophie Passmann in dem Deutschlandfunk-Text zitiert.
Wie sehen andere Ratsfrauen das Thema?
Grünen-Fraktionschefin Gila Altmann hat ihre ganz eigenen Erfahrungen mit „alten, weißen Männern“: „Die glauben, dass sie immer recht haben. Im Übrigen meinen sie, Frauen politisch betreuen zu müssen.“ Sie habe in ihrer politischen Laufbahn häufig erlebt, dass Männer ihr nach Sitzungen Empfehlungen gaben, wie man sprechen und argumentieren sollte. Gila Altmann war von 1998 bis 2002 Staatssekretärin beim Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit.
Die vielfach zitierten „alten weißen Männer“ sind der CDU Ratsfrau und Landtagskandidatin Saskia Buschmann bisher nicht aufgefallen, vielmehr sieht sie durch die erfahrenen Politikern die „Möglichkeit der Partizipation und des Lernens“. Sie habe in ihrer Partei immer große Unterstützung erfahren. Dabei hat die Auricherin auch zeigen müssen, dass sie Ellenbogen hat. Ihre politische Feuertaufe hat sie am 26. Mai 2021 bestanden. An diesem Tag musste sie auf der Aufstellungsversammlung der CDU für die Kreistagswahl ihren Listenplatz gegen ein altgedientes Kreistagsmitglied verteidigen. Theo Frerichs (69) bestand auf eine Kampfkandidatur – und verlor. „Damals bin ich herausgefordert worden, ich war vorbereitet und habe mich durchgesetzt.“ Generell sei sie der Auffassung, dass die Politik nur davon profitieren könne, wenn eine möglichst breite Strömung repräsentiert werde.