Osnabrück

Tatort „Tyrannenmord“ heute Abend: Fast ein Solo für Falke

Joachim Schmitz
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Von Joachim Schmitz
| 15.03.2022 10:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Falke (Wotan Wilke Möhring) und Wacker (Arash Marandi, im Hintergrund) befragen Juans Bodyguard Carlos (José Barros, rechts) Foto: NDR/Marc Meyerbroeker
Falke (Wotan Wilke Möhring) und Wacker (Arash Marandi, im Hintergrund) befragen Juans Bodyguard Carlos (José Barros, rechts) Foto: NDR/Marc Meyerbroeker
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Tatort „Tyrannenmord“ heute Abend: Ein Diktator kommt nach Hannover und sein Sohn wird aus einem naheliegenden Internat entführt.

Es waren einmal zwei Schulfreunde, Jochen und Christoph. Sie besuchten gemeinsam ein staatliches Mädcheninternat, auf das sie als Jungs nur als sogenannte Externe gehen durften. Jochen heißt mit Nachnamen Bitzer und wurde später Drehbuchautor. Christoph heißt mit Nachnamen Stark und wurde Regisseur. Heute sind die Jungs von damals 57 Jahre alt und haben zusammen einen Tatort gemacht. Und der spielt zu großen Teilen – in einem Internat. Doch nicht nur da.

Ausnahmezustand in Hannover. Der autokratische Herrscher eines südamerikanischen Staats namens Orinaca kommt zu einem Staatsbesuch nach Deutschland und will allein in Niedersachsens Landeshauptstadt mehr als ein Dutzend öffentliche Termine absolvieren. Da sind Demonstrationen und möglicherweise auch gewalttätige Ausschreitungen kaum zu vermeiden. Für die Bundespolizei sollen die Kommissare Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) die Sicherheit des Diktators garantieren, wobei Grosz in diesem Fall den Hut aufhat und Falke die Faust in der Tasche ballt. Als Straßenbulle einen Diktator zu beschützen geht ihm mächtig gegen den Strich.

Gleichzeitig werden 100 Kilometer vor den Toren Hannover in einem edlen Internat die Sprösslinge der Reichen und Mächtigen unterrichtet, die sich monatlich 4000 Euro Schulgeld leisten können. Zu den Schülern gehört auch Juan Mendez (Riccardo Campione), angeblich der Sohn des Botschafters von Orinaca, tatsächlich aber der Sohn des Diktators. Das wiederum erklärt auch, warum ihn sein persönlicher Bodyquard Carlos (großartig: José Barros) nicht aus den Augen lässt, jeden seiner Schritte per GPS kontrolliert und dem Jungen nicht mal etwas Zweisamkeit mit seiner Freundin Hanna (Valerie Stoll) gestattet.

Klingt nicht ganz unbekannt, diese Story. Ist sie auch nicht: „Meine Geschichte wurde tatsächlich durch eine Pressemeldung über Kim Jong-un angeregt, der vor 20 Jahren ein Internat in der Schweizer Hauptstadt Bern besucht haben soll,“ berichtet Drehbuchautor Bitzer im Senderinfo. „Er ging wohl unter falschem Namen als Sohn eines Botschaftsangehörigen zur Schule und hatte einen Bodyguard an seiner Seite, so wie der Schüler Juan Mendez in unserem Tatort.“

Aber auch ein Bodyguard hat Schwächen, vor allem, wenn man ihm K.O.-Tropfen in seinen Kaffee schüttet. Carlos lässt sich überrumpeln, wenige Tage vor dem Eintreffen des umstrittenen Staatsgastes wird Juan entführt. Kurz darauf taucht ein Erpresserschreiben auf, in dem die Freilassung politischer Gefangener in Orinaca gefordert wird. Falke muss unter hohem Druck und strengster Geheimhaltung zusammen mit einem Dorfpolizisten ermitteln. Denn Grosz wiederum bleibt zur Einsatzleitung abkommandiert.

Diese Konstellation war einem Terminproblem geschuldet, wie ein NDR-Sprecher auf Nachfrage unserer Redaktion einräumt. Franziska Weisz sei aus terminlichen Gründen eingeschränkt gewesen, deshalb habe man ihre Rolle von vornherein so knapp bemessen. Tatsächlich dürfte es kaum mehr als ein Drehtag gewesen sein, den Weisz am Set dieses Tatorts verbracht hat. Dafür spiele sie dann in der nächsten Folge „Schattenleben“ eine sehr zentrale Rolle, so der NDR.

Die erste Hälfte des neuen Tatorts mit dem Bundespolizei-Team haben die einstigen Schulfreunde bestens hingekriegt. Der Spannungsbogen wird gut aufgezogen, ein feiner lakonischer Humor durchzieht die Handlung, alle Figuren sind leicht überzeichnet, ohne lächerlich zu wirken. So beginnen gute Politthriller.

Doch genau das ist „Tyrannenmord“ immer weniger, je länger der Film läuft. Mehr und mehr entledigen sich das Drehbuch von Jochen Bitzer und die Inszenierung von Christoph Stark der politischen Dimension, die sie sich anfangs selbst gegeben haben. Bis sie in eine jener Geschichten mit dunklen Geheimnissen aus der Vergangenheit münden, wie wir sie schon allzu oft im Tatort gesehen haben.

Normalerweise wird selbst ein mäßiger Tatort zum Ende hin noch mal ein bisschen spannend – in diesem Fall ist es leider umgekehrt. Ein richtig guter Tatort zerplätschert. Schade, Jungs.

Sehenswert ist „Tyrannenmord“ dennoch, allein schon wegen einiger herausragender Darsteller. Wotan Wilke Möhring glänzt einmal mehr in seiner Paraderolle, aber José Barros ist als Bodyguard Carlos die Entdeckung dieses Films.

Im Senderinfo beschreibt der chilenisch-deutsche Schauspieler, wie er sich auf diese Rolle vorbereitet hat: „Da der fiktive Staat Orinaca an die reale Militärdiktatur in Venezuela angelehnt ist, habe ich mir im Vorfeld einen venezolanischen Akzent angeeignet. Das hat Monate gedauert, obwohl ich perfekt Spanisch spreche, denn meine Eltern stammen aus Chile. Beim Drehen sprach ich den ganzen Tag über dieses breite Spanisch-Deutsch mit vielen nasalen Endungen. Eines Morgens begrüßte mich ein Crewmitglied am Set mit den Worten Qué tal? Wie geht’s? Er dachte wohl, ich könnte kein Deutsch, und war total verblüfft, als ich sagte, ja, alles cool und so! Ich bin nun mal im AK Barmbek geboren und ein waschechter Hamburger.“

Tatort: Tyrannenmord. Das Erste, Sonntag, 20. März 2022, 20.15 Uhr.

Wertung: 4 von 6 Sternen

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