Hamburg
Putins Krieg und seine dramatischen Folgen für die deutsche Wirtschaft
Der russische Krieg in der Ukraine bringt viel menschliches Leid mit sich. Er wirkt sich aber auch in fast allen Bereichen der Wirtschaft aus. Steigende Preise und hohe Inflation sind dabei nur die sichtbarsten Folgen.
Durch den Krieg steigen vor allem die Energiepreise stark an. Daher versucht Berlin nun umso schneller umzusteuern um in Zukunft unabhängiger von Energielieferungen aus dem Ausland zu sein, vor allem aus Russland. Mittlerweile hat Moskau zwar zugesichert, seine Energielieferungen in Richtung Westen fortzuführen. Dennoch haben an den Tankstellen die Spritpreise Rekordhöhen erreicht; die Heizölpreise haben sich in den vergangenen Wochen sogar verdoppelt.
Der Branchenverband der deutschen Spediteure hat angesichts der explodierenden Spritpreise vor der schlimmsten Versorgungskrise in Deutschland seit Ende des Zweiten Weltkriegs gewarnt. Es drohten „zum Teil leere Supermarkt-Regale“, sagte der Vorsitzende des Bundesverbands Güterverkehr und Logistik (BGL), Dirk Engelhardt. Immer mehr Speditionen könnten die hohen Kraftstoffkosten nicht mehr schultern. In Frankreich hat die Regierung nun reagiert: Sie will den Anstieg der Spritpreise mit staatlichen Maßnahmen dämpfen. Ab 1. April werde es einen Rabatt von 15 Cent pro Liter geben, sagt Ministerpräsident Jean Castex der Zeitung „Le Parisien“.
Doch auch andere Rohstoffpreise schießen in bislang unbekannter Weise durch die Decke, weil Russland auch ein zentraler Exporteur von Metallen und anderen Rohstoffen ist. So wird auch Brot in den Auslagen der Backstuben teurer. Russland und die Ukraine steuern zusammen rund ein Drittel der globalen Weizenexporte bei. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft hat deswegen am Freitag gewarnt, dass dies vor allem nordafrikanische Staaten hart treffen und die Versorgungssituation der dortigen Bevölkerung spürbar verschlechtern werde.
„Wir befinden uns in einer sehr angespannten Situation. Und zwar nicht nur durch den Krieg und den Folgen für die Menschen, sondern auch wirtschaftlich“, sagte Carsten Brzeski, Chefvolkswirt der ING unserer Redaktion. So spannen die gegen Russland verhängten Sanktionen die Lage der ohnehin pandemiegeschädigten globalen Lieferketten weiter an – auch durch die Sperrung von Lufträumen.
Nachdem die globalen Lieferketten sich bereits in der Pandemie als fragil entpuppten, dürfte die Erfahrung des Krieges verstärkt zu einer Re-Nationalisierung beitragen. Oder einer De-Globalisierung, wie es der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer ausdrückt: „Deglobalisierung bedeutet, dass der Handel zwischen dem Westen und China/Russland relativ zum Bruttoinlandsprodukt abnehmen wird. Also das Gegenteil dessen was wir in den Jahrzehnten vor der Finanzkrise gesehen haben. Diese Deglobalisierung ist natürlich vor allem ein Problem für Deutschland, dessen Wirtschaftsmodell stark auf die Globalisierung ausgerichtet ist“.
Hinzu kommt, dass Deutschlands Schlüssel-, also die Autoindustrie, von Lieferungen aus dem Osten abhängig ist, speziell aus der Ukraine. Zulieferer stellen dort etwa Kabelbäume für Autoproduzenten her. Durch den Krieg ist das nicht mehr möglich. „Das sind Produkte, die in den letzten Jahrzehnten immer mehr nach Osteuropa verlagert wurden. Und wenn diese Produkte nur an wenigen Standorten produziert werden und dann ausfallen, dann wirkt das natürlich direkt auf die gesamte Produktion negativ“, analysiert Eric Heymann, Automobilexperte bei Deutsche Bank Research. Das macht sich bereits bemerkbar, Fließbänder in den Werken der großen Autobauer stehen teilweise wieder still, Kurzarbeit ist für die Beschäftigten wieder an der Tagesordnung.
Zusammengenommen registrieren Ökonomen durch den Krieg in der Ukraine also Preissteigerungen auf breiter Front, die Inflation steigt also. Im Februar lag sie in Deutschland bei über fünf Prozent; im Euroraum sogar bei knapp sechs Prozent – dem höchsten Wert seit Einführung des Euro. Die Risiken für die Konjunkturaussichten hätten sich mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine deutlich erhöht, sagte auch EZB-Chefin Christine Lagarde am vergangenen Donnerstag in Frankfurt.
Durch Nullzinsen und Anleihekäufe flutet die Notenbank die Finanzmärkte mit Geld, um so die europäische Wirtschaft in der Pandemie am Laufen zu halten. Der Plan der EZB sieht nun eigentlich vor, aus den coronabedingten Krisenprogrammen auszusteigen und die Geldpolitik zu normalisieren. Das Problem: Zwar sollen das viele Geld und die niedrigen Zinsen es Unternehmen erleichtern, billig an Kredite zu kommen. Andererseits aber treibt das ebenfalls die Preise mit in die Höhe.
„Die EZB befindet sich in einem Dilemma“, sagte deswegen der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher. Auf der einen Seite will die EZB aus ihrer expansiven Geldpolitik aussteigen und die Zinsen erhöhen, um der Inflation entgegen zu wirken. „Auf der anderen Seite wird der Krieg in der Ukraine die Explosion der Nahrungs- und Energiepreise wahrscheinlich mit zu einer Rezession Deutschland und Europa beitragen. Und da muss die EZB mehr Liquidität zur Verfügung stellen; sicherstellen, dass die Unternehmen nach wie vor an Kredite kommen; dass die Arbeitslosigkeit sinken kann, dass Menschen in Arbeit bleiben können“.
Das ist ein Problem, das unter dem Stichwort „Stagflation“ firmiert: wirtschaftliche Stagnation bei gleichzeitig hoher Inflation. Konkret kann das hohe Preise und hohe Arbeitslosigkeit bedeuten – wie zu Zeiten des Ölpreisschocks in den 70er Jahren. Viele Ökonomen hoffen aber, dass es dazu nicht kommen wird. Die zentrale Frage lautet, wie lange der Krieg andauern wird. Ob die wirtschaftlichen Schäden also vorübergehend sind oder sich länger und tiefer in das ökonomische Gefüge hineinfressen.