Krankenhausversorgung in Ostfriesland

Kliniken legen Kapazitätsdefizite offen – „Borro“ weigert sich

Andreas Ellinger
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Von Andreas Ellinger
| 13.03.2022 13:34 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
In Ostfriesland fehlt es an Intensivkapazitäten in Krankenhäusern. Foto: Roessler/dpa
In Ostfriesland fehlt es an Intensivkapazitäten in Krankenhäusern. Foto: Roessler/dpa
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In Ostfriesland fehlt es den Krankenhäusern an Versorgungskapazität. Jetzt haben drei von vier Klinik-Unternehmen offengelegt, wie lange ihre Intensivstationen von Oktober bis Dezember abgemeldet waren.

Ostfriesland - Überschattet vom Ukraine-Krieg steigen die Corona-Zahlen in Ostfriesland weiter – und bundesweit wieder. Für die zu Ende gegangene Woche sind die Neuinfektions-Zahlen des Robert-Koch-Instituts zwar noch abzuwarten – also für die zehnte Kalenderwoche. Aber in der Vorwoche hatte Ostfriesland einen neuen Inzidenz-Rekord zu verzeichnen.

Auch auf den Intensivstationen der regionalen Krankenhäuser liegen für ostfriesische Verhältnisse relativ viele Covid-19-Patienten: um die zehn herum beziehungsweise knapp zehn. Parallel dazu kämpfen Kliniken mit Corona-Infektionen bei ihrem Personal, wie Dr. Astrid Gesang am Montag in einem Pressegespräch berichtete. Die medizinische Geschäftsführerin des Klinikverbundes Aurich-Emden-Norden sagte, dass von den Infizierten obendrein relativ viele symptomatisch, also erkrankt seien. Das wirke sich auf die Dauer der Quarantäne-Zeiten aus.

Ostfriesische Intensivstationen wieder gleichzeitig abgemeldet

Solche Personalausfälle schienen sich insbesondere in der ersten Hälfte der zu Ende gegangenen Woche im Ivena-Portal niederzuschlagen. Dort melden die Krankenhäuser den Rettungsdiensten, in welchen Fachbereichen sie Patienten aufnehmen können – und in welchen nicht.Die Arbeitsbereiche der Rettungsleitstellen Wittmund und Emden, die Ostfriesland abdecken, wirkten noch mehr Rot als sonst. Rot ist die Farbe der Abmeldung. Wiederholt waren alle ostfriesischen Kliniken gleichzeitig für die „stationäre Versorgung“ in den Bereichen „Allgemeine Innere Medizin“ oder „Internistische Intensivstation“ abgemeldet. In diesen Phasen gaben nur einzelne Kliniken an, dass sie in den genannten Fachbereichen noch Patienten im Rahmen der „Notfallversorgung“ aufnehmen könnten.

Eine Folge solcher Abmeldungen: Die Rettungsdienste können nicht die naheliegendste Klinik ansteuern, sondern müssen immer wieder sogar Krankenhäuser außerhalb Ostfrieslands anfahren. Das bedeutet, dass Patienten länger transportiert werden müssen. Und dass Rettungsfahrzeuge und -personal länger pro Einsatz gebunden sind. Das kann Engpässe im Rettungswesen nach sich ziehen. Hinzu kommt: Wenn beispielsweise eine alte Ostfriesin in Westerstede landet und ihr Partner nicht mehr Auto fahren kann, dann wird es mit den Besuchen schwieriger.

Kliniken wollten Abmelde-Zeiten zunächst nicht offenlegen

Über derartige Kapazitätsengpässe in der Krankenhaus-Versorgung hat unsere Zeitung in den vergangenen Monaten wiederholt berichtet. Es lagen stets Stichproben zugrunde – denn im Ivena-Portal ist immer nur ein Zeitfenster von sieben Stunden zu sehen. Der technische Betreiber des Portals bot jedoch Mitte November auf Anfrage an, die Meldedaten der ostfriesischen Kliniken für die Innere Medizin und die Intensivstationen für die vergangenen drei Monate auszuspielen – er brauche dafür aber eine Freigabe der Kliniken.

Unsere Zeitung hat die ostfriesischen Krankenhäuser am 18. November 2021 erstmals gebeten, diese Freigabe zu erteilen. Denn nur bei lückenloser Betrachtung mehrerer Monate lässt sich ein Überblick gewinnen, wie groß die Versorgungsdefizite in der Region sind. Doch das Klinikum Leer, die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden sowie das Leeraner Borromäus-Hospital verweigerten die Daten-Freigabe.

Krankenhäuser, die den Bürgerinnen und Bürgern gehören

Vom Wittmunder Krankenhaus kam Monate lang weder eine Freigabe noch eine Ablehnung der Freigabe – aber Geschäftsführer Ralf Benninghoff schickte die weitestgehende Lage-Beschreibung aller ostfriesischen Kliniken. Er erklärte im November: „Als Beispiel kann ich unsere Intensivabteilung nennen. In den letzten Monaten waren wir hier fast regelhaft abgemeldet.“ Und: „Mit Blick auf unsere Planbettenzahl von 152 Planbetten kann ich Ihnen mitteilen, dass auch diese fast zu 100 Prozent ausgelastet sind.“ Das sei eine Momentaufnahme, „jedoch für uns aktuell eher die Regel“.

Bezüglich des Klinikums Leer und des Klinikverbundes Aurich-Emden-Norden hat unsere Zeitung schließlich über die Landräte Matthias Groote (Leer, SPD) und Olaf Meinen (Aurich, parteilos) sowie Oberbürgermeister Tim Kruithoff (Emden, parteilos) angefragt. Denn die Krankenhaus-Gesellschaften sind öffentliche Unternehmen und daher auskunftspflichtig. Sie gehören zu 100 Prozent dem Landkreis Leer beziehungsweise dem Landkreis Aurich und der Stadt Emden.

Oberbürgermeister und Landräte sorgten für Transparenz

Die Landräte und der Oberbürgermeister führen die Aufsichtsräte der Klinik-Unternehmen. Sie veranlassten, dass die Geschäftsführungen die Ivena-Daten herausrücken. Auch der Wittmunder Krankenhaus-Geschäftsführer lieferte dann auf nochmalige Anfrage Ivena-Daten. Nur das Borromäus-Hospital hat das erneut verweigert – und damit verhindert, dass die Versorgungsdefizite in diesem Bericht ostfrieslandweit dargestellt werden können. Das wäre notwendig, um im nächsten Schritt klären zu können, wie die Versorgungsdefizite – eventuell mit regionalen Anstrengungen – beseitigt werden könn(t)en.

Das Borromäus-Hospital ist jedoch nicht in öffentlicher, sondern in kirchlicher Hand. Gesellschafter der GmbH sind der Trägerverein „St. Bonifatius Hospitalgesellschaft Lingen“, die Kirchengemeinde „St. Michael“ Leer sowie der Bischöfliche Stuhl zu Osnabrück. Die katholische Kirche und ihre Krankenhäuser sind keine staatlichen Einrichtungen und unterliegen rechtlich nicht den Auskunftspflichten wie Landkreise und Städte sowie deren Unternehmen.

Intensivstationen: Bis zu 20 Stunden pro Tag abgemeldet – im Schnitt

Das besondere öffentliche Interesse gilt den Intensivstationen. Auf sie sind schwere Notfälle angewiesen – beispielsweise Patienten mit Herzinfarkt oder Schlaganfall. Nimmt man die Gesamtzeit von 1. Oktober bis 31. Dezember 2021, sieben Tage die Woche, rund um die Uhr – dann ergeben sich nach Auskunft der Klinik-Unternehmen folgende Abmeldezeiten in Prozent: 73,17 in Aurich, 25,63 in Emden, 48 im Klinikum Leer, 54,26 in Norden und 82,35 in Wittmund (siehe Balkendiagramm).

Am Beispiel der Wittmunder Intensivstation erklärt, heißt das: Sie konnte durchschnittlich an 19,76 Stunden pro Tag keine Patienten aufnehmen. Die Emder Intensivstation, die demnach am seltensten abgemeldet war, kommt aber durchschnittlich auch noch auf 6,15 Stunden pro Tag. Die Trägergesellschaft hat zudem offengelegt, dass in 14,12 Prozent der Gesamtzeit die Intensivstationen in Aurich, Emden und Norden gleichzeitig abgemeldet waren – durchschnittlich also 3,38 Stunden pro Tag.

Auch in abgemeldeten Phasen wurden Patienten aufgenommen

Seitens der Trägergesellschaft und des Klinikums Leer wird betont, dass auch in Phasen der Abmeldung Patienten aufgenommen würden. „Wir sind nicht zugenagelt“, sagte Geschäftsführerin Gesang. Ihre drei Kliniken insgesamt bekommen demnach in acht Stunden durchschnittlich etwas mehr als sechs Patienten für die „Innere Medizin“ zugewiesen, wenn der Fachbereich abgemeldet ist. In angemeldetem Zustand sind es ungefähr zwölf Zuweisungen.

Das Klinikum Leer hat im vierten Quartal im Bereich der Inneren Medizin einen Tagesdurchschnitt von knapp vier Rettungsdienst-Zuweisungen verzeichnet – bei Abmeldung. In angemeldetem Zustand lag der Tagesdurchschnitt demnach bei gut sieben Rettungsdienst-Zuweisungen. Insgesamt liege die Zahl der Aufnahmen pro Kalendertag bei 48, so die Führung des Klinikums.

Herzkatheter-Labore können in der Regel Notfälle untersuchen

Es müsse niemand mit einem Herzinfarkt auf der Bundesstraße 210 sterben, weil die Intensivstationen von Krankenhäusern abgemeldet seien, sagte Astrid Gesang. Die Rettungsdienste bekämen im Ivena-Portal den ergänzenden Hinweis: „HKL organisiert sich selbst.“ HKL steht für Herzkatheter-Labor. Darüber verfügen in Ostfriesland das Klinikum Leer und die Ubbo-Emmius-Klinik Aurich.

Die Herzkatheteruntersuchung ist eine spezielle Röntgenuntersuchung, wie die Kardiologische Praxis Aurich im Internet erklärt: Dabei werden Verengungen und Verschlüsse der Herzkranzgefäße sichtbar und es werden Erkenntnisse über die Funktion des Herzmuskels und der Herzklappen gewonnen.

Es gibt auch Klinik-Fachbereiche, die selten abgemeldet sind

Bei den Stichproben unserer Zeitung im Ivena-Portal waren die Herzkatheter-Labore in Leer und Aurich immer angemeldet. Das Klinikum Leer hat auch diesbezüglich aus dem 4. Quartal Zahlen geliefert: Demnach war das dortige Herzkatheter-Labor in 6,9 Prozent der Zeit abgemeldet, also durchschnittlich gut eineinhalb Stunden pro Tag. Die Kardiologie – also der Fachbereich für Herzmedizin – war derweil nur in 3,2 Prozent der Zeit abgemeldet. Für die Kardiologie hat auch die Auricher Klinik einen Wert mitgeteilt: Sie war in 18,92 Prozent der Zeit abgemeldet – wiederum von Oktober bis Dezember 2021.

Es gibt auch Klinik-Fachbereiche, die fast immer angemeldet waren. Die Leeraner Chirurgie war beispielsweise nur 1,5 Prozent der Zeit im 4. Quartal abgemeldet. Bei der Auricher Allgemeinchirurgie waren es 2,13 Prozent, bei der Auricher Unfallchirurgie 1,18 Prozent.

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