Medizin
Warum haben ostfriesische Kliniken Kapazitätsengpässe?
Während des Corona-Winters mussten und müssen ostfriesische Krankenhäuser immer wieder Fachbereiche abmelden. Reicht das Personal der Kliniken nur für einen Sommer-Betrieb ohne besondere Vorkommnisse?
Ostfriesland - Die Krankenhäuser in Ostfriesland melden regelmäßig Fachbereiche im Ivena-Portal ab – damit die Rettungsdienste wissen, dass die stationären Kapazitäten am Limit sind. Insbesondere betroffen sind die Innere Medizin und die Intensivstationen, welche fächerübergreifend für Innere und Chirurgie arbeiten. Die Trägergesellschaft der Kliniken in Aurich, Emden und Norden, das Klinikum Leer und das Wittmunder Krankenhaus nennen Ursachen.
In Wittmund ist die Situation schnell erklärt: „Die Auslastung der acht Intensivbetten der Krankenhaus Wittmund gGmbH betrug im Durchschnitt des Gesamtjahres 2021 87,88 Prozent“, teilt Geschäftsführer Ralf Benninghoff mit. Dementsprechend oft sind die Betten von Patienten belegt.
Warum der Klinikverbund Aurich-Emden-Norden Fachbereiche abmeldet
Für den Klinikverbund Aurich-Emden-Norden hat Notfallzentrums-Chefarzt Dr. Alexander Dinse-Lambracht eine Statistik zusammengestellt. Demnach lautet ein Grund für Abmeldungen: „Keine Betten.“ Das bedeutet aber nicht unbedingt, dass physisch keine freien Betten mehr da sind, wie die Pressestelle auf Nachfrage bestätigt – sondern es kann auch Personal zum Betrieb der Betten fehlen. In Aurich erfolgen laut Statistik 60 Prozent der Abmeldungen aus diesem Grund, in Emden und Norden mehr als 85 Prozent.
Als zweiter Hauptgrund für Abmeldungen geht aus der Statistik hervor: „Überlastung Notaufnahme“. In Aurich ist das bei rund 40 Prozent der Abmeldungen angegeben, in Emden und Norden bei zehn bis 15 Prozent.
Was soll sich mit dem geplanten Zentralklinikum ändern?
In einem Pressegespräch hat der Chefarzt darauf hingewiesen, dass sich die Personalsituation entspannen werde, wenn das geplante Zentralklinikum seinen Betrieb aufgenommen habe. Denn in größeren Teams seien Vertretungslösungen eher möglich, als wenn mehrere kleinere Teams an verschiedenen Standorten arbeiten. Wird diese Ursache für Fachbereichs-Abmeldungen mit dem Zentralklinikum also behoben sein? „Ja, das hoffen wir natürlich“, antwortet die medizinische Geschäftsführerin Dr. Astrid Gesang.
Auch die Zahl der Intensivbetten erhöht sich im Zentralklinikum. Auf die Frage, wie viele solcher Behandlungsplätze dort mit Beatmungsmöglichkeit geplant seien, antwortete die Trägergesellschaft im Dezember: „52 Betten auf der ITS / IMC, 15 Betten auf der Stroke Unit und fünf für das Perinatalzentrum (PNZ).“ ITS steht für Intensivstation und IMC für Intermediate-Care-Station (Intensivstation light), eine Stroke Unit ist eine Spezialstation für Schlaganfall-Patienten und in einem Perinatalzentrum werden Früh- und Neugeborene versorgt.
Ein Pufferbereich für die Notaufnahme soll die Logistik verbessern
Auf Nachfrage zu den Intensiv- und Intermediate-Care-Betten im Januar schlüsselte die Trägergesellschaft auf: „Es sind 28 Intensivbetten und 24 IMC-Betten vorgesehen. Davon sollen zwölf IMC-Betten so ausgestattet werden, dass sie flexibel auch als Intensivbetten nutzbar sind.“ Schon bisher verfügt der Klinikverbund über IMC-Betten, die nach Definition der Intensivmediziner-Vereinigung Divi als Intensivbetten gelten. Auf dieser Grundlage melden die Kliniken Aurich und Norden zusammen bis zu 30 Betten im Divi-Intensivregister und das Emder Krankenhaus bis zu 20 Intensivbetten – sofern ausreichend Personal für den Betrieb vorhanden ist.
Was Fachbereichs-Abmeldungen aufgrund einer überlasteten Notaufnahme betrifft, so sollen Prozessverbesserungen die Problematik entschärfen. Auch hier soll das Zentralklinikum neue Möglichkeiten bieten. So ist dort eine „Clinical Decision Unit“ (CDU) mit 16 Betten geplant, wie Chefarzt Dinse-Lambracht berichtet. Das ist eine Art Pufferbereich, in dem neue Patienten untersucht und beobachtet werden können – um sie dann im passenden Fachbereich zu behandeln.
Scharfe Trennung von ambulanter und stationärer Versorgung als Problem
Geschäftsführerin Gesang sieht bezüglich der Notaufnahme aber auch Reformbedarf. Dieser klinische Sektor werde auch von vielen Patienten aufgesucht, die nicht ins Krankenhaus müssten, sondern ambulant behandelt werden könnten. Ambulante Leistungen kann ein Krankenhaus jedoch nicht abrechnen – muss Patienten, die kommen, aber natürlich trotzdem begutachten.
Um eine möglichst reibungslose Arbeit in der Notaufnahme zu gewährleisten, müssten die Sektorengrenzen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung aufgeweicht werden, fordert Gesang. Ein erster Schritt in diese Richtung sei der Trägergesellschaft zusammen mit der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, die für die ambulante Versorgung zuständig ist, bereits gelungen. So sei am Klinik-Standort Norden jetzt ein Allgemeinmediziner angestellt, der Patienten ambulant behandeln könne – und die Trägergesellschaft könne diese ambulanten Leistungen auch abrechnen.
Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Klinik-Kapazitäten
Ein weiterer Faktor, der derzeit zu Fachbereichs-Abmeldungen führt, geht aus der Trägergesellschafts-Statistik indirekt hervor. Die „Innere Medizin“ ist aufgrund der Corona-Pandemie in Normal- und Isolierstationen aufgeteilt. Das heißt, die Teams mussten separiert und damit verkleinert werden, was die Personalplanung unflexibler macht.
Die Belegung sei im vierten Quartal höher gewesen als in Zeiten vor Corona, berichtet das Klinikum Leer. „Aus diesem Grund haben viele Bereiche an ihrer Kapazitätsgrenze gearbeitet.“ Im Bereich der Inneren Medizin habe es daher eine „angespannte personelle Situation“ gegeben: „In Kombination mit den ausgeschöpften Bettenkapazitäten durch die Vollbelegung führte dies zu den aufgeführten Schließungszeiten.“
Klinikum Leer hält die Hälfte der Intensivbetten nur als Reserve vor
Das Klinikum Leer weist außerdem darauf hin, dass das Land Niedersachsen im November verordnet habe, „dass 15 Prozent der Intensivkapazitäten freizuhalten sind“ – für Corona-Patienten. „Dadurch galt die Intensivstation schneller als voll belegt und war in Folge dessen nicht mehr aufnahmebereit.“ Die Abmelde-Zeit im dritten Quartal habe nur 34 Prozent betragen – im vierten Quartal dann 48 Prozent.
Aus einer Antwort des Klinikums von Anfang Februar ging hervor, dass es gut die Hälfte seiner physisch vorhandenen Intensivbetten nur als „corona-bedingte Notfall-Reserve“ vorhält: Zwölf für Erwachsene, sieben für Kinder. Für den Ausbau seiner intensivmedizinischen Behandlungsmöglichkeiten hatte das Klinikum in der Pandemie – laut Gesundheitsministerium – 1,05 Millionen Euro vom Staat bekommen. Und im ersten Corona-Jahr hat das Krankenhaus-Unternehmen seinen Gewinn fast verdoppelt, auf knapp 7,25 Millionen Euro. Maßgeblich trugen staatlichen Corona-Hilfen dazu bei. Vor diesem Hintergrund hat unsere Zeitung am Freitagnachmittag nachgefragt, warum das Klinikum nicht weiteres Personal eingestellt hat, um seine Intensivbetten-Reserve in Betrieb zu nehmen, die zur Bewältigung der Pandemie staatlich finanziert worden ist. Sobald die Antwort der Klinik-Geschäftsführung vorliegt, werden wir berichten.
Woran muss sich die Personalversorgung der Kliniken orientieren?
Darüber hinaus erklärte das Klinikum, dass der Patienten-Zustrom in der Inneren Medizin von Oktober bis März ungefähr zehn Prozent über dem Durchschnitt liege. Wie schon im November mitgeteilt, erfolge eine Abmeldung im Ivena-Portal „in der Regel wegen voller Kapazitäten oder kurzfristig krankheitsbedingtem Personalausfall, nicht wegen generellem Personalmangel“. Und: „In Zeiten erhöhter Infektionslagen und gerade in der Herbst- und Winterzeit kommt es zu Vollbelegungssituationen, sodass es dann zu kurzfristigen Abmeldesituationen kommen kann.“
Die politische Frage die sich daraus für Landkreise und Städte als Krankenhausträger sowie für die Gesundheitsministerien des Landes und des Bundes ergibt: Muss die Personalausstattung eines Krankenhauses für einen Sommer-Betrieb ohne besondere Vorkommnisse ausgelegt sein – oder für einen Winter-Betrieb in einer Pandemie? Im Ergebnis ist es ein Personalmangel, wenn die Personalreserve nicht ausreicht, um kranke Beschäftigte zu vertreten – und dann Klinik-Fachbereiche abgemeldet werden müssen.
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