Alles Kultur
Ohne Proben nach oben
Auf unserer Internetseite veröffentlichen wir sechs Mal in der Woche eine Kolumne. Montags geht es um Kultur.
Sieben Prozent der Amerikaner haben während der Pandemie angefangen Gitarre zu lernen. Das sind 16 Millionen Menschen. Beeindruckend viele – man stelle sich vor, ganz Nordrhein-Westfalen hätte auf einmal angefangen, sich durch das AC/DC-Best-of-Songbook zu zupfen. Sicher eine sinnvolle Beschäftigung für viele, während sie in Quarantäne oder Lockdown saßen. Musik macht glücklich, das Hirn hat die Chance neue Synapsen zu bilden und kann sich nicht in Verschwörungstheorien verlieren.
„Jeder Christ ein Gitarrist“, sagen wir bei uns gerne. Mit drei Akkorden kommt man nicht nur besonders weit im Gesangbuch, es kann auch nahezu jeder Popsong, Schlager und Evergreen damit durchgeschrummelt werden. So ist man am Lagerfeuer die Heldin der Mundorgel und Gotthilf Fischer wird zu einem blassen Schatten in den Köpfen von entfesselten Laienchören – das sind gute Aussichten.
Ich kann nicht gut üben. Ich habe dafür keine Geduld. Mein Papa ist daran verzweifelt. Als er mir Klavier beibringen wollte, konnte ich es nicht abwarten, dass er mir etwas am Instrument zeigte und vorspielte. So hatte er oft blaue Flecken von meinen Ellbogen, mit denen ich ihm ungeduldig mit den Worten „Papa, ich kann das schon!“ Seitenhiebe versetzte. Er hat alles gegeben, damit ich mich mit Freude selbstdiszipliniere und der Lernerfolg Anreiz ist, sich den Etüden zu widmen. Als das nicht half, bastelte er goldene Übe-Bücher mit Etappen, die ich erreichen konnte und als Belohnung bekam ich CDs.
Ich spiele bis heute alle Instrumente wirklich mit Freude. Ich spiele aber selten aus einem Notenbuch das gleiche Stück zweimal hintereinander, um es besser zu können. Mein Papa hat irgendwann begriffen, dass mir das Üben einfach nicht liegt. Und hat dafür gesorgt, dass ich eine gute „Blenderin“ bin. Das heißt nicht, dass ich faul oder undiszipliniert bin oder keinen Ehrgeiz habe, es hat sich im Gegenteil mein Anspruch so entwickelt, alles in kürzester Zeit können zu wollen.
Oh, Papa, Du hattest und hast es schwer mit mir. Und heute hast Du Geburtstag: Schön, dass es Dich gibt!
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