Osnabrück
Yasmina Reza schickt ihre Helden auf die Reise nach Auschwitz
Mit ihrem neuen Roman „Serge“ steht Yasmina Reza oben in den Bestsellerlisten. Sie packt ein starkes Thema an: Die Erinnerung an Auschwitz. Aber daran verhebt sich die Autorin.
Wie heißt der Ort? „Ich habe beschlossen, dieses Jahr nach Osvitz zu fahren“, sagt Josephine. Die Reaktion kommt prompt: „´AUSCHWITZ!“, schrie Serge auf. „Osvitz!! Wie die französischen Goys!...Lern erst mal, das richtig auszusprechen. Auschwitz! Auschschwitz! Schhhh…!“ Die Oma ist gestorben. Ihre Erinnerung an die Shoah hat sie ihr Leben lang hinter einer Mauer des Schweigens versteckt. Jetzt explodiert die jüdische Familie Popper. Die Reise nach Auschwitz, den Ort, an dem viele ihrer Vorfahren ermordet wurden, soll mit dem Gedenken auch die zerstrittene Familie neu zentrieren. Ein gewagtes Unterfangen.
Wer ein Buch von Yasmina Reza aufschlägt, weiß, was er bekommt: Spleenige Figuren, Familien im Dauerzwist, Dialoge mit Pointen im Schnelltakt. Rezas Erzähltemperament speist sich aus dem Theater, dem sicheren Gefühl für Bühnendialoge, deren Witz sofort zündet. Von ihrem längst legendären Erstling „Kunst“ bis zu dem mit Jodie Foster, Kate Winslet und Christoph Waltz verfilmten „Der Gott des Gemetzels“ reicht die Folge jener Stücke, mit denen Reza zur erfolgreichsten Theaterautorin der letzten Jahrzehnte avancierte. Ihre Romane folgen dieser Erfolgsspur. Nun also „Serge“, ein Buch, mit dem Yasmina Reza das Thema der Erinnerung an den Holocaust anfasst – und sich prompt verhebt.
Reza inszeniert die Geschwister Serge, Jean und Nana nach bewährtem Rezept als Schicksalsgemeinschaft dreier Menschen, die sich in ständigem Kleinkrieg befinden, sich aber gleichwohl nur mit dem Blick aufeinander definieren können. Die klassische, weil ausweglose Familienkonstellation? Ja, sicher, aber Yasmina Reza schickt diese drei, im und am Leben scheiternden Durchschnittsmenschen auf die Reise an den Ort des Grauens, den zentralen Schauplatz des Völkermords, den die Nationalsozialisten an den Juden Europas verübten. An dieser Ausnahmesituation scheitern die drei Geschwister, an ihr scheitert auch die Erzählerin Yasmina Reza, weil ihre künstlerischen Mittel für dieses große Thema nicht hinreichen.
„Serge“ behandelt das Problem einer Erinnerungskultur, die über den Wechsel der Generationen hinweg von Nachfahren weitergeführt werden muss, die keinerlei persönliches Erleben mit dem historischen Geschehen mehr verbindet. Wer das Buch liest, bemerkt schnell, welche Fernwirkungen der Völkermord auch hat. Sie zeigen sich in Verdrängungen und Konflikten, in diesem Roman daran, wie Serge, Jean und Nana ihr Leben misslingt. Sie sind nicht glücklich und wissen nicht wirklich, woran das liegt. Die Reise nach Auschwitz soll sie in die Erinnerung zurück und aus ihren eigenen Konflikten herausführen. Ein Projekt der Klärung, das natürlich misslingt. Wäre bei Yasmina Reza anderes zu erwarten?
„An diesen Orten mit ihren komischen Namen, Auschwitz und Birkenau, wollte mir keine Gefühlsreaktion gelingen. Ich schwankte zwischen Kälte und dem Bemühen, etwas zu empfinden, womit man nur sein Wohlverhalten unter Beweis stellen will“, bekennt Ich-Erzähler Jean. Es gibt keine direkte Verbindung zum Grauen des millionenfachen Mords. „Ein Wissen, das nicht zutiefst mit einem selbst verbunden ist, bleibt folgenlos“. Ist also von der Erinnerung, wie es in dem Roman heißt, nichts zu erwarten? Rezas Buch bringt das Dilemma aller Erinnerung auf den Punkt. Zugleich heilt es dieser Roman auch, weil er bietet, was Gedenken am Leben hält: vom Schicksal der Opfer erzählen, immer weiter.
Yasmina Reza: Serge. Roman. Hanser Verlag. 206 Seiten. 22 Euro. Zur Verlagsinformation über das Buch geht es hier.